Vereine

1. Drei Deutsche, ein Verein

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Frankfurt am Main, 1818

Der Morgennebel liegt über dem Main und hüllt die Türme, Dächer und Gassen Frankfurts in einen silbergrauen Schleier. Langsam erwacht die Stadt. Händler schieben ihre Karren über das Pflaster, Handwerker öffnen die schweren Holztüren ihrer Werkstätten, und aus den Backhäusern strömt der Duft von frischem Brot. Die Glocken der Kirchen schlagen die Stunde und vermischen sich mit dem Rufen der Marktleute. Auf den ersten Blick wirkt alles friedlich. Doch unter der geschäftigen Oberfläche tragen die Menschen die Erinnerungen an lange Jahre des Krieges in sich. Noch immer erzählen Narben an Häusern und Mauern von den Zeiten, als fremde Soldaten durch die deutschen Länder zogen. Viele Familien trauern um Väter, Söhne oder Brüder, die nicht zurückkehren. Kaufleute erinnern sich an Jahre, in denen Handelswege versperrt waren und Waren fehlten. Handwerker denken an Zeiten zurück, in denen niemand Geld für ihre Arbeit hatte. Die napoleonischen Kriege sind vorbei, doch ihre Schatten liegen noch über dem Land. Gleichzeitig verändert sich etwas. Die Menschen spüren, dass eine neue Zeit beginnt. Deutschland besteht aus vielen Fürstentümern, Königreichen und freien Städten. Überall regieren Fürsten und Beamte. Doch immer mehr Bürger fragen sich, ob das Leben ihrer Städte allein von oben gelenkt werden soll. In den Straßen Frankfurts wächst ein neues Selbstbewusstsein. Die wohlhabenden Kaufleute, die Lehrer, Ärzte, Juristen und Handwerksmeister betrachten ihre Stadt mit anderen Augen als ihre Väter. Sie lesen Bücher und Zeitungen. Sie interessieren sich für Wissenschaft und Politik. Sie verfolgen die Nachrichten aus Paris, London und Wien. Sie diskutieren über die Zukunft Europas und über die Rolle Deutschlands in einer Welt, die sich rasch verändert. Am Abend versammeln sich manche von ihnen in den Wohnstuben großer Bürgerhäuser. Kerzenlicht fällt auf Bücherregale und schwere Holztische. Dort werden Gedichte vorgelesen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse besprochen und politische Entwicklungen erörtert. Oft erklingt die Stimme eines Vorlesers, der aus einer Zeitung berichtet: „In England entstehen neue Maschinen, die die Produktion vervielfachen.” Ein anderer liest aus einem Werk der Philosophie vor. Die Zuhörer lauschen aufmerksam. Sie wollen verstehen, wie die Welt funktioniert und wie sie verbessert werden kann. Mit dem Wunsch nach Bildung wächst auch der Wunsch nach Gemeinschaft. Viele Menschen haben während der Kriegsjahre erfahren, wie abhängig sie von Entscheidungen anderer waren. Nun suchen sie nach Wegen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie wollen nicht nur Untertanen sein. Sie wollen Bürger sein. In einem Haus nahe dem Römerberg treffen sich einige Männer regelmäßig, um gemeinsam Bücher anzuschaffen und zu lesen. Jeder zahlt einen kleinen Beitrag. Gemeinsam entscheiden sie, welche Werke gekauft werden. Sie führen Listen, wählen Verantwortliche und legen Regeln fest. Niemand befiehlt ihnen dies. Sie organisieren sich selbst. An anderer Stelle entsteht ein Turnplatz. Junge Männer versammeln sich dort, um ihre Körper zu stärken. Doch es geht um mehr als Bewegung. Sie lernen Disziplin, gegenseitige Unterstützung und Vertrauen. Wenn einer fällt, helfen die anderen ihm auf. Wenn eine Aufgabe schwer erscheint, wird sie gemeinsam bewältigt. Auch Musik erfüllt die Stadt. Chöre bilden sich. Bürger treffen sich zum gemeinsamen Singen. Was zunächst wie ein harmloser Zeitvertreib erscheint, entwickelt eine tiefere Bedeutung. Menschen unterschiedlicher Herkunft stehen nebeneinander und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Sie erleben, dass Zusammenarbeit Freude bereitet und Gemeinschaften stärkt. Nicht nur in Frankfurt geschieht dies. In Leipzig gründen Bürger wissenschaftliche Gesellschaften. In Hamburg schließen sich Kaufleute zusammen, um Handel und Bildung zu fördern. In vielen deutschen Städten entstehen Vereinigungen, die von den Menschen selbst getragen werden. Niemand erkennt das ganze Ausmaß dieser Entwicklung. Doch überall lernen Bürger Fähigkeiten, die bisher vor allem Beamten und Herrschern vorbehalten waren. Sie verwalten Geld, organisieren Versammlungen, treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung. Während die Fürsten in ihren Residenzen regieren, wächst in den Städten eine neue Kraft heran. Sie ist nicht laut. Sie marschiert nicht durch die Straßen. Sie entsteht in Lesesälen, Vereinsstuben und auf Turnplätzen. Sie lebt von Menschen, die überzeugt sind, dass eine bessere Zukunft nicht allein von Herrschern geschaffen wird. Als die Sonne über den Dächern Frankfurts höher steigt und die Stadt in warmes Licht taucht, ahnt niemand, welche Folgen diese Entwicklung haben wird. Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach, kaufen auf dem Markt ein und eilen durch die Gassen. Doch zwischen den Häusern und Plätzen wächst etwas Neues heran. Es ist ein Geist des Bürgersinns, der Bildung und der freiwilligen Zusammenarbeit. Aus ihm wird in den kommenden Jahrzehnten eine Bewegung entstehen, die das Gesicht Deutschlands verändern wird. Die Stadt erwacht. Und mit ihr erwacht das Vereinswesen.

2. Auf dem Turnplatz

Die Sonne steht hoch über dem Turnplatz in der Hasenheide. Auf dem sandigen Boden üben junge Männer an Reck und Barren. Manche balancieren auf Baumstämmen, andere laufen um die Wette. Schweiß glänzt auf ihren Stirnen. Das Klirren von Eisen, das Knarren von Holz und das Rufen der Turner erfüllen die Luft. Zwischen ihnen steht Friedrich Ludwig Jahn. Mit verschränkten Armen beobachtet er aufmerksam jede Bewegung. Die Übung endet. Die jungen Männer versammeln sich um ihn. Studenten in dunklen Röcken stehen neben Handwerksgesellen mit kräftigen Händen. Hier zählt weder Herkunft noch Vermögen. Alle hören auf denselben Mann. „Seht euch um”, sagt Jahn und deutet über den Platz. „Was erkennt ihr?” Ein Handwerker antwortet: „Männer, die stärker werden wollen.” Jahn schüttelt den Kopf. „Das ist nur ein Teil der Wahrheit.” Ein Student hebt die Hand. „Wir lernen Disziplin.” „Auch das ist richtig”, erwidert Jahn. „Aber noch immer fehlt das Wesentliche.” Die Gruppe schweigt. „Hier lernen Menschen, gemeinsam zu handeln”, sagt Jahn schließlich. „Ein freier Bürger steht nicht allein. Er trägt Verantwortung für seine Mitmenschen.” Ein junger Schlosser nickt. „Wenn einer am Reck stürzt, helfen wir ihm auf.” „Genau”, sagt Jahn. „Und wenn eine Stadt Hilfe braucht, wenn ein Nachbar Unterstützung benötigt oder wenn ein Land in Not gerät, dann darf niemand wegsehen.” Die Männer hören aufmerksam zu. „Warum treffen wir uns überhaupt hier?”, fragt Jahn. „Warum bleibt nicht jeder für sich allein?” „Weil man gemeinsam mehr erreicht”, antwortet ein Handwerker. „Weil man voneinander lernt”, fügt ein anderer hinzu. Jahn lächelt zufrieden. „Der Mensch wächst durch Gemeinschaft. Alle großen Dinge entstehen dort, wo Menschen ihre Kräfte vereinen.” Ein Student mit scharf geschnittenem Gesicht tritt einen Schritt vor. „Aber warum sollen wir all das selbst organisieren? Wäre es nicht einfacher, wenn der Staat dafür sorgt? Der Staat könnte Turnplätze bauen, Vereine gründen und alles verwalten.” Einige nicken zustimmend. Jahn betrachtet den Studenten lange. „Dann lasst mich euch etwas fragen”, sagt er. „Wer hat diesen Platz gebaut?” „Wir”, antworten mehrere Stimmen. „Wer hat die Geräte aufgestellt?” „Wieder wir.” „Wer sorgt dafür, dass alles ordentlich bleibt?” „Wir selbst.” Jahn breitet die Arme aus. „Und funktioniert es?” „Ja”, antwortet die Gruppe. „Weil jeder Verantwortung übernimmt”, sagt Jahn. „Nicht weil ein Beamter danebensteht.” Der Student bleibt skeptisch. „Aber der Staat könnte doch alles besser organisieren.” Jahn geht einige Schritte über den Platz. Seine Stiefel wirbeln Staub auf. „Ein Staat kann Straßen bauen und Gesetze erlassen”, sagt er. „Aber er kann den Menschen nicht den Willen zur Gemeinschaft schenken.” Er bleibt stehen. „Wenn Bürger jede Aufgabe an den Staat abgeben, verlernen sie das Handeln. Sie warten auf Befehle. Sie warten auf Hilfe. Sie warten auf Entscheidungen anderer.” Die jungen Männer schweigen. „Ein freies Volk entsteht nicht dadurch, dass alles von oben geregelt wird”, fährt Jahn fort. „Ein freies Volk entsteht dort, wo Menschen selbst Verantwortung übernehmen.” Der Student verschränkt die Arme. „Und wenn Fehler gemacht werden?” „Natürlich werden Fehler gemacht”, antwortet Jahn. „Menschen sind keine Maschinen. Aber gerade durch Fehler lernen sie. Wer nie Verantwortung trägt, lernt auch nicht, Verantwortung zu übernehmen.” Ein älterer Handwerksgeselle nickt zustimmend. „In einem Verein”, sagt Jahn, „lernen Menschen, Entscheidungen zu treffen. Sie lernen zuzuhören. Sie lernen zu streiten, ohne Feinde zu werden. Sie lernen, gemeinsam ein Ziel zu verfolgen.” Ein Turner fragt: „Und deshalb sind die Übungen so wichtig?” „Ja”, antwortet Jahn. „Der Körper und der Charakter gehören zusammen. Ein Mensch, der Ausdauer lernt, entwickelt auch Standhaftigkeit. Wer sich selbst beherrschen kann, handelt verantwortungsvoll. Wer seinen Kameraden vertraut, versteht Gemeinschaft.” Ein leichter Wind bewegt die Blätter der Bäume am Rand des Platzes. „Deutschland braucht nicht nur kluge Köpfe”, sagt Jahn. „Es braucht Bürger mit Mut, Disziplin und Gemeinsinn.” Die jungen Männer blicken über den Turnplatz. Viele von ihnen denken an ihre Heimatstädte. An Werkstätten, Schulen und Familien. An ein Deutschland, das noch aus vielen einzelnen Staaten besteht. „Was wird aus all dem werden?”, fragt einer leise. Jahn schaut in die Runde. „Heute bauen wir einen Turnplatz”, sagt er. „Morgen gründen andere eine Lesegesellschaft oder einen Gesangverein. Wieder andere helfen Armen oder fördern Bildung. Vielleicht erscheint das alles klein.” Er macht eine kurze Pause. „Aber aus vielen kleinen Gemeinschaften entsteht eine starke Bürgerschaft. Und aus einer starken Bürgerschaft entsteht ein starkes Land.” Die Glocken Berlins schlagen in der Ferne die nächste Stunde. Die Turner greifen wieder nach den Geräten. Sie laufen, springen und klettern. Doch an diesem Tag trainieren sie nicht nur ihre Muskeln. Sie lernen etwas, das weit über den Turnplatz hinausreicht: Freiheit bedeutet nicht, dass andere alles für einen erledigen. Freiheit bedeutet, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Und genau darin sieht Friedrich Ludwig Jahn die Zukunft Deutschlands.

3. Verantwortung lernen

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Gesangsverein Frankfurter Dom, 1835

Während Fürsten regieren, Minister Verordnungen erlassen und Beamte Akten füllen, verändert sich das Leben in den deutschen Städten auf eine Weise, die viele Zeitgenossen kaum bemerken. Die Veränderung geschieht nicht auf Schlachtfeldern und nicht in den Palästen der Herrscher. Sie beginnt in Gaststuben, Schulräumen, Bürgerhäusern und Vereinssälen. Jahr für Jahr entstehen neue Vereinigungen. Was zunächst wie eine Ansammlung kleiner lokaler Initiativen erscheint, wächst allmählich zu einem dichten Netz von Gemeinschaften heran, das sich über die deutschen Länder ausbreitet. In Frankfurt versammeln sich Kaufleute und Lehrer zu Lesegesellschaften. In Leipzig treffen sich Sänger, um Chöre zu gründen. In Hamburg entstehen Vereinigungen zur Förderung des Handels und des Handwerks. In Heidelberg und Göttingen schließen sich Gelehrte zu wissenschaftlichen Gesellschaften zusammen. In Nürnberg organisieren Bürger Hilfe für Arme und Kranke. Überall gründen Menschen Vereine, die aus eigener Kraft bestehen und von ihren Mitgliedern getragen werden.
Besonders die Gesangvereine erfreuen sich großer Beliebtheit. Nach einem langen Arbeitstag kommen Männer zusammen, um gemeinsam zu singen. Die Lieder handeln von Heimat, Freiheit und Gemeinschaft. Wenn viele Stimmen zu einer einzigen verschmelzen, erleben die Sänger etwas, das über die Musik hinausgeht. Sie spüren, dass sie Teil eines größeren Ganzen sind.
Auch Bildungsvereine entstehen in großer Zahl. In ihren Räumen stehen Bücherregale voller Werke über Geschichte, Naturwissenschaften und Literatur. Vorträge werden gehalten, Zeitungen ausgelegt und neue Ideen diskutiert. Handwerker sitzen neben Kaufleuten, Lehrer neben Juristen. Wissen wird nicht länger als Besitz weniger Gelehrter betrachtet. Immer mehr Bürger wollen verstehen, wie die Welt funktioniert und wie sie verbessert werden kann.
Gewerbevereine fördern den Austausch zwischen Handwerkern, Unternehmern und Erfindern. Neue Maschinen werden vorgestellt, Produktionsmethoden diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht. Die Industrialisierung beginnt das Land zu verändern, und viele Bürger erkennen, dass Fortschritt Zusammenarbeit erfordert.
Gleichzeitig entstehen wissenschaftliche Gesellschaften. Naturforscher untersuchen Pflanzen und Gesteine. Ärzte berichten über neue Behandlungsmethoden. Ingenieure diskutieren über Brücken, Straßen und Eisenbahnen. Die Begeisterung für Wissen wächst von Jahr zu Jahr. Daneben entwickeln sich zahlreiche Wohltätigkeitsvereine. Bürger sammeln Geld für Waisenhäuser, unterstützen Bedürftige oder organisieren Hilfe bei Krankheiten und Unglücksfällen. Viele Menschen sind überzeugt, dass Wohlstand auch Verantwortung bedeutet.

Doch die eigentliche Bedeutung dieser Vereine liegt nicht allein in ihren Zielen. Sie liegt in dem, was die Menschen innerhalb der Vereine lernen. Wenn sich die Mitglieder zu einer Sitzung versammeln, muss jemand den Vorsitz übernehmen. Die Tagesordnung wird vorgestellt. Beiträge werden diskutiert. Verschiedene Meinungen prallen aufeinander. Nicht jeder erhält, was er möchte. Dennoch muss am Ende eine Entscheidung getroffen werden. Manche Mitglieder sprechen laut und leidenschaftlich. Andere hören aufmerksam zu und wägen Argumente ab. Immer wieder lernen die Bürger, ihre Ansichten zu begründen und den Standpunkt anderer zu respektieren. Auch die Verwaltung der Vereinskassen verlangt Verantwortung. Mitgliedsbeiträge werden eingesammelt. Einnahmen und Ausgaben werden sorgfältig notiert. Die Mitglieder erwarten Ehrlichkeit und Transparenz. Wer die Kasse führt, genießt Vertrauen, muss sich aber auch regelmäßig vor den anderen rechtfertigen. In vielen Vereinen werden Vorstände gewählt. Kandidaten stellen sich zur Wahl. Stimmen werden gezählt. Sieger und Unterlegene akzeptieren das Ergebnis. Die Mitglieder erfahren, dass Macht nicht allein auf Geburt oder Besitz beruhen muss, sondern durch Zustimmung verliehen werden kann. Nicht selten entstehen Konflikte. Einige wünschen sich schnelle Entscheidungen, andere fordern längere Beratungen. Manche wollen hohe Ausgaben tätigen, andere zur Sparsamkeit mahnen. Oft wird heftig gestritten. Doch gerade diese Auseinandersetzungen lehren die Menschen etwas Neues. Sie lernen, Kompromisse zu schließen. Ein Beschluss muss nicht vollkommen sein, um akzeptiert zu werden. Er muss nur von genügend Menschen getragen werden. Diese Erkenntnis breitet sich langsam in den Vereinsstuben Deutschlands aus. Während die Mitglieder ihre Sitzungen abhalten, ahnen die meisten nicht, dass sie Fähigkeiten erwerben, die weit über ihren Verein hinausreichen. Sie üben sich in Selbstverwaltung. Sie lernen Verantwortung, Mitbestimmung und Zusammenarbeit. Sie erfahren, wie Gemeinschaften funktionieren und wie gemeinsame Entscheidungen getroffen werden. Von Jahr zu Jahr wächst die Zahl der Vereine. Aus einzelnen Gruppen wird eine Bewegung. Aus einer Bewegung entsteht eine neue Form des gesellschaftlichen Lebens. Deutschland entwickelt sich zu einem Land der Vereine.

Noch ist das Wort Demokratie für viele Menschen ein ferner Begriff. Die meisten deutschen Staaten werden weiterhin von Fürsten regiert. Doch in den Vereinsräumen wächst etwas heran, das eines Tages große Bedeutung gewinnen wird. Dort lernen Bürger, was es bedeutet, gemeinsam über Angelegenheiten zu beraten, Verantwortung zu übernehmen und politische Mündigkeit zu entwickeln. Wenn Jahrzehnte später Parlamente tagen und Bürger über die Zukunft ihres Landes entscheiden, werden viele von ihnen ihre ersten Erfahrungen nicht in Regierungspalästen gesammelt haben. Sie werden sich an kleine Vereinsstuben erinnern, an lange Sitzungen bei Kerzenlicht, an Abstimmungen, Diskussionen und Kompromisse. Dort, in den Vereinen der Jahre zwischen 1820 und 1848, entsteht eine Schule der Selbstorganisation, lange bevor Deutschland selbst demokratisch wird.

4. Subsidiarität, dezentral von unten nach oben

Der Hafen von Hamburg liegt im Licht eines klaren Sommermorgens. Segelschiffe aus England, Skandinavien und den Häfen des Mittelmeers schaukeln auf dem Wasser. Matrosen entladen Waren aus aller Welt. Kaufleute eilen über die Kais, Lagerhäuser öffnen ihre Tore, und über der Stadt liegt der Geruch von Salz, Holz und Gewürzen. Zwischen den geschäftigen Menschen bewegt sich ein Reisender mit aufmerksamem Blick durch die Straßen. Es ist Alexis de Tocqueville, der französische Schriftsteller und Beobachter politischer Gesellschaften. Nach seinen Reisen durch Amerika und Europa interessiert ihn eine Frage besonders: Warum entwickeln sich die Völker Europas so unterschiedlich? Am Abend sitzt er mit mehreren Hamburger Kaufleuten in einem Versammlungssaal nahe dem Hafen. Vor ihnen stehen Kerzenleuchter und Gläser mit Wein. Durch die geöffneten Fenster dringt das ferne Rufen der Hafenarbeiter. „Ich muss gestehen”, sagt Tocqueville und blickt in die Runde, „dass mich diese Stadt beeindruckt. Überall begegnen mir Vereinigungen, Gesellschaften und Vereine. Fast scheint es, als könnten die Hamburger keinen Schritt tun, ohne sich zusammenzuschließen.” Ein älterer Kaufmann lacht. „Vielleicht steckt darin etwas Wahrheit. Wenn wir ein Problem erkennen, gründen wir oft einen Verein, bevor wir lange darüber klagen.” Die anderen nicken zustimmend. „Das unterscheidet sich von Frankreich”, sagt Tocqueville. „Dort richten die Menschen ihre Blicke zuerst auf Paris und auf den Staat. Wenn etwas verbessert werden soll, erwartet man häufig eine Lösung von oben.” Ein jüngerer Kaufmann lehnt sich vor. „Und wie verhält es sich in England?” „England ist wieder anders”, antwortet Tocqueville. „Dort prägen Handel, Parlamente und lokale Selbstverwaltung das öffentliche Leben. Die Bürger sind daran gewöhnt, politische Verantwortung zu tragen. Das Parlament besitzt großes Ansehen, und viele Angelegenheiten werden auf lokaler Ebene geregelt.” Der Kaufmann nickt nachdenklich. „Und Deutschland?” Tocqueville schaut aus dem Fenster auf die dunkler werdenden Straßen. „Deutschland überrascht mich”, sagt er langsam. „Hier finde ich weder die starke Zentralisierung Frankreichs noch die lange parlamentarische Tradition Englands. Stattdessen entdecke ich etwas Eigenes.” „Was meinen Sie damit?”, fragt ein anderer Kaufmann. „Zwischen dem Staat und der Familie existiert hier eine erstaunliche Welt von Vereinigungen”, antwortet Tocqueville. „Überall begegnen mir Gesangvereine, Lesegesellschaften, Bildungsvereine, wissenschaftliche Vereinigungen, Turner und Wohltätigkeitsgesellschaften.” „Darauf sind wir durchaus stolz”, erwidert ein Kaufmann. „Und Sie haben allen Grund dazu”, sagt Tocqueville. „Diese Vereine erfüllen Aufgaben, die in anderen Ländern oft vom Staat übernommen werden. Gleichzeitig schaffen sie Gemeinschaften, die weit über die Familie hinausreichen.” Ein älterer Händler streicht über seinen Bart. „Viele betrachten unsere Vereine als harmlose Freizeitbeschäftigung.” Tocqueville lächelt. „Das ist ein Irrtum. Was ich hier beobachte, besitzt weit größere Bedeutung.” Die Kaufleute werden aufmerksam. „In jedem Verein lernen Menschen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen”, erklärt er. „Sie führen Versammlungen durch. Sie verwalten Geld. Sie wählen Vorstände. Sie diskutieren unterschiedliche Ansichten. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen.” „Das stimmt”, sagt einer der Männer. „Manchmal wird länger über eine Vereinskasse gestritten als über ein Handelsgeschäft.” Gelächter erfüllt den Raum. „Aber genau darin liegt die Bedeutung”, fährt Tocqueville fort. „Die Menschen üben Fähigkeiten ein, die für jede freie Gesellschaft unverzichtbar sind.” Ein junger Kaufmann runzelt die Stirn. „Sie sprechen von Politik?” „Nicht von Politik im engen Sinn”, antwortet Tocqueville. „Vielmehr von Bürgersinn. Wer lernt, einen Verein zu führen, lernt auch, Verantwortung für das Gemeinwesen zu tragen.” Für einen Moment schweigt die Runde. „Sie glauben also, dass diese Vereine die Zukunft Deutschlands beeinflussen werden?”, fragt schließlich ein älterer Kaufmann. Tocqueville nickt. „Ja. Vielleicht stärker, als viele heute vermuten.” Er erhebt sich und geht langsam zum Fenster. „Eine freie Gesellschaft entsteht nicht allein durch Verfassungen oder Parlamente”, sagt er. „Sie entsteht dort, wo Menschen lernen, sich freiwillig zusammenzuschließen und gemeinsame Angelegenheiten selbst zu regeln. Es ist das Prinzip lokaler Eigenverwaltung (Subsidiarität). Jede Aufgabe wird von der kleinsten betroffenen Gemeinschaft übernommen. Erst wenn sie dazu nicht in der Lage ist, übernimmt die nächstgrößere Gemeinschaft die Verantwortung.” Draußen ziehen die letzten Schiffe des Tages über die Elbe. „In Frankreich erwartet man vieles vom Staat”, fährt Tocqueville fort. „In England vertraut man auf Parlamente und lokale Traditionen. Hier in Deutschland sehe ich etwas anderes entstehen. Ich sehe Bürger, die lernen, sich selbst zu organisieren.” Die Kaufleute folgen seinem Blick. „Und was bedeutet das für die Zukunft?”, fragt einer von ihnen. Tocqueville lächelt nachdenklich. „Vielleicht entsteht hier etwas, das Europa noch überraschen wird. Ein Land, dessen Stärke nicht nur aus seinen Regierungen kommt, sondern aus den vielen Gemeinschaften seiner Bürger.” Die Glocken der Stadt schlagen die späte Stunde. Die Männer verlassen nach und nach den Saal und treten hinaus in die kühle Abendluft. Doch Tocquevilles Worte bleiben in ihren Gedanken. Während die Lichter des Hafens auf dem Wasser funkeln, wächst in Deutschland weiterhin jenes dichte Netz von Vereinen, das Städte, Nachbarschaften und ganze Regionen miteinander verbindet. Und ein aufmerksamer Beobachter aus Frankreich erkennt bereits, was viele Zeitgenossen noch übersehen: In den Vereinsstuben Deutschlands entsteht eine neue Form bürgerlicher Verantwortung, die eines Tages das politische Leben des Landes nachhaltig prägen wird.

5. Die unsichtbare demokratische Schule

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Vereinssitzung im Saal eines Restaurants

An einem Herbstabend brennen in unzähligen Städten und Dörfern Deutschlands Kerzenlichter hinter den Fenstern von Gasthäusern, Bürgerhäusern und Versammlungssälen. In Frankfurt trifft sich ein Bildungsverein. In Leipzig probt ein Gesangverein. In Hamburg berät ein Gewerbeverein über neue Handelsmöglichkeiten. In Heidelberg diskutiert eine wissenschaftliche Gesellschaft über die neuesten Erkenntnisse der Naturforschung. Überall kommen Menschen zusammen, um gemeinsam etwas zu gestalten. Für viele Beobachter wirken diese Zusammenkünfte unscheinbar. Einige singen, andere lesen Bücher, wieder andere sammeln Geld für wohltätige Zwecke oder beraten über Fragen des Handwerks. Kaum jemand ahnt, dass sich hinter diesen scheinbar gewöhnlichen Treffen eine Entwicklung verbirgt, die die Zukunft Deutschlands verändern wird. Denn in den Vereinsstuben geschieht mehr als gemeinsames Singen, Lernen oder Helfen. Dort werden Bürger ausgebildet. Wenn die Mitglieder eines Vereins ihre Plätze einnehmen, beginnt oft eine Debatte. Jemand schlägt eine neue Anschaffung vor. Ein anderer hält die Ausgabe für zu teuer. Ein Dritter präsentiert einen ganz anderen Vorschlag. Stimmen werden lauter. Argumente werden ausgetauscht. Manchmal entstehen hitzige Auseinandersetzungen. Doch die Mitglieder lernen, ihre Meinungen nicht mit Gewalt durchzusetzen. Sie lernen zuzuhören. Sie lernen, Argumente abzuwägen. Sie lernen, dass auch der politische Gegner vernünftige Gründe haben kann. Nicht jede Diskussion endet mit allgemeiner Zustimmung. Oft wird abgestimmt. Einige gewinnen, andere verlieren. Wer unterliegt, verlässt den Saal nicht als Feind. Stattdessen akzeptiert er die Entscheidung der Mehrheit. Diese Erfahrung ist neu. In einer Zeit, in der viele deutsche Staaten von Fürsten regiert werden und politische Mitbestimmung nur eingeschränkt existiert, lernen Bürger innerhalb ihrer Vereine etwas Grundlegendes: Eine Gemeinschaft kann Entscheidungen treffen, ohne dass jeder Einzelne seinen Willen durchsetzt. Mit jeder Abstimmung wächst die Fähigkeit, Mehrheiten zu akzeptieren. Ebenso wichtig ist die Übernahme von Verantwortung. Jeder Verein benötigt Menschen, die Aufgaben übernehmen. Einer führt die Kasse. Ein anderer schreibt Protokolle. Wieder andere organisieren Veranstaltungen oder kümmern sich um neue Mitglieder. Wer ein Amt übernimmt, muss zuverlässig handeln. Die Mitglieder erwarten Rechenschaft. Fehler bleiben nicht verborgen. Vertrauen muss verdient werden. Viele Bürger erleben zum ersten Mal, was es bedeutet, Verantwortung nicht nur für sich selbst oder die eigene Familie zu tragen, sondern für eine ganze Gemeinschaft. Dabei verfolgen die Vereine gemeinsame Ziele. Die Sänger wollen einen erfolgreichen Auftritt gestalten. Die Bildungsvereine möchten Wissen verbreiten. Wohltätigkeitsvereine helfen Bedürftigen. Wissenschaftliche Gesellschaften fördern Forschung und Erkenntnis. Unterschiedliche Menschen arbeiten zusammen, obwohl sie verschiedene Berufe, Interessen und Ansichten besitzen. Kaufleute sitzen neben Handwerkern. Lehrer diskutieren mit Ärzten. Studenten beraten mit erfahrenen Bürgern. Sie entdecken, dass gemeinsame Ziele oft wichtiger sind als persönliche Unterschiede. Auf diese Weise entsteht Schritt für Schritt etwas Neues. Zwischen der privaten Welt der Familie und der staatlichen Welt von Behörden und Regierungen bildet sich ein eigener Raum des gesellschaftlichen Lebens. Dieser Raum erhält später einen Namen: Bürgergesellschaft. Die Bürgergesellschaft umfasst all jene Gemeinschaften, die weder vom Staat befohlen noch allein von familiären Bindungen getragen werden. Sie entsteht dort, wo Menschen sich freiwillig zusammenschließen, um gemeinsame Anliegen zu verfolgen. In der Bürgergesellschaft lernen Menschen, sich selbst zu organisieren. Sie entwickeln Vertrauen zueinander. Sie übernehmen Verantwortung für das Gemeinwesen. Sie lösen Konflikte durch Diskussion statt durch Zwang.

Während die Herrscher Europas häufig über Gesetze, Armeen und Grenzen nachdenken, wächst in Deutschland eine andere Form von Stärke heran. Sie besteht nicht aus Kanonen und Festungen. Sie besteht aus Netzwerken engagierter Bürger. Von außen betrachtet mag ein Gesangverein unbedeutend erscheinen. Eine Lesegesellschaft wirkt harmlos. Ein Wohltätigkeitsverein scheint lediglich Armenhilfe zu leisten. Doch gemeinsam bilden diese Vereinigungen eine Schule des Zusammenlebens. Hier lernen Menschen, was Freiheit wirklich bedeutet. Freiheit bedeutet nicht, allein zu handeln. Freiheit bedeutet auch, Verantwortung für andere zu übernehmen und gemeinsam Regeln zu schaffen, die von allen getragen werden. Jahr für Jahr wächst die Zahl dieser Vereinigungen. Mit jeder Sitzung, jeder Wahl, jeder Diskussion und jedem gemeinsam erreichten Ziel sammeln die Bürger Erfahrungen, die weit über den Vereinszweck hinausreichen. Noch ahnt niemand, welche politischen Veränderungen die Zukunft bringen wird. Doch bereits jetzt entsteht in den Städten und Gemeinden Deutschlands eine Generation von Menschen, die gelernt hat, zu diskutieren, Mehrheiten zu akzeptieren, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsame Ziele zu verfolgen. Die Vereinsstuben sind unscheinbar. Ihre Tische sind aus einfachem Holz, ihre Räume oft eng und schlecht beleuchtet. Dennoch geschieht dort etwas Außergewöhnliches. Ohne große Reden, ohne Revolution und ohne Gewalt entsteht eine Kultur des Mitwirkens. Es ist eine unsichtbare Schule demokratischer Fähigkeiten. Und ihre Lehrer sind nicht Fürsten oder Minister, sondern die Bürger selbst.

6. Im Kaffeehaus von Leipzig

Das Kaffeehaus am Markt ist an diesem Abend gut gefüllt. Der Duft von Kaffee, Tabak und frischem Gebäck liegt in der Luft. Händler sprechen über Geschäfte, Studenten diskutieren über neue Bücher, und an einem großen Holztisch nahe dem Fenster sitzen Männer, die sich regelmäßig über die Entwicklungen in Deutschland austauschen. Kerzen werfen flackernde Schatten an die Wände. Draußen rollen Kutschen über das Pflaster, während drinnen eine lebhafte Debatte beginnt. Unter den Anwesenden befindet sich Robert Blum. Der Buchhändler, Publizist und Politiker ist in Leipzig bekannt. Seine Zeitungskommentare und öffentlichen Vorträge haben ihm viele Anhänger, aber auch einige Gegner eingebracht. Neben ihm sitzen ein weiterer Buchhändler, ein Lehrer und mehrere Vorsitzende verschiedener Vereine der Stadt. „Wenn man durch Leipzig geht”, sagt der Buchhändler und hebt seine Kaffeetasse, „könnte man glauben, die Deutschen gründen für alles einen Verein.” Ein Vereinsvorsitzender lacht. „Vielleicht tun wir das tatsächlich.” „Die Frage ist nur”, entgegnet der Lehrer, „warum das so ist.” Robert Blum lehnt sich zurück. „Eine interessante Frage”, sagt er. „Warum entstehen gerade bei uns so viele Vereine?” Der Buchhändler blickt in die Runde. „Vielleicht weil wir gerne diskutieren.” „Heutzutage diskutiert ganz Europa”, erwidert Blum. „Das alleine erklärt es nicht.” „Vielleicht liegt es an unserer Bildung”, meint der Lehrer. „In den Städten gibt es immer mehr Menschen, die lesen, schreiben und sich für öffentliche Angelegenheiten interessieren.” „Das spielt sicher eine Rolle”, sagt Blum. „Aber ich glaube, die Ursache liegt noch tiefer.” Ein Vereinsvorsitzender beugt sich vor. „Wie meinen Sie das?” Blum verschränkt die Hände. „Schauen wir nach Paris”, sagt er. „Dort sammeln sich viele Menschen in großen politischen Clubs. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Hauptstadt. Wer etwas verändern will, denkt sofort an die nationale Politik.” Die Männer nicken. „In Frankreich blickt alles auf Paris”, sagt der Lehrer. „Genau”, antwortet Blum. „Die politische Kraft konzentriert sich dort.” Der Buchhändler nimmt einen Schluck Kaffee. „Und Wien?” Bei der Erwähnung der österreichischen Hauptstadt senkt sich für einen Augenblick die Stimme der Gesprächsrunde. „Wien ist ein anderes Beispiel”, sagt Blum. „Dort wacht die Regierung aufmerksam über jede Versammlung. Viele Bürger überlegen zweimal, bevor sie sich öffentlich organisieren.” „Einiges davon erleben wir auch in deutschen Staaten”, bemerkt ein Vereinsvorsitzender. „Gewiss”, sagt Blum. „Aber nicht in demselben Ausmaß.” Der Lehrer schaut nachdenklich auf die Tischplatte. „Und Deutschland?” Blum lächelt. „Deutschland besteht aus Dutzenden Städten, Fürstentümern und Königreichen. Wir haben kein einziges Paris. Kein Zentrum, auf das alle blicken.” „Frankfurt, Leipzig, Hamburg, München, Dresden”, zählt der Buchhändler auf. „Jede Stadt entwickelt ihr eigenes Leben”, sagt Blum. „Und genau deshalb entstehen überall Vereine.” Ein Vereinsvorsitzender nickt zustimmend. „Bei uns gründet man einen Gesangverein, wenn man gemeinsam singen möchte. Einen Bildungsverein, wenn man lernen möchte. Einen Wohltätigkeitsverein, wenn man helfen möchte.” „Und einen Gewerbeverein, wenn man den Handel fördern will”, ergänzt der Buchhändler. „Richtig”, sagt Blum. „Statt weniger großer Organisationen entstehen viele kleine Gemeinschaften.” Der Lehrer schaut aus dem Fenster auf den Markt. „Manchmal frage ich mich, ob diese kleinen Vereine überhaupt etwas bewirken.” Blum hebt eine Augenbraue. „Was geschieht in Ihrem Bildungsverein?” „Wir veranstalten Vorträge, diskutieren Bücher und sammeln Geld für neue Anschaffungen.” „Und wie treffen Sie Entscheidungen?” „Wir beraten gemeinsam und stimmen ab.” „Wer verwaltet die Kasse?” „Ein gewählter Schatzmeister.” „Wer leitet die Versammlungen?” „Der Vorsitzende.” Blum lächelt. „Sehen Sie. Genau darin liegt ihre Bedeutung.” Der Lehrer runzelt die Stirn. „Sie meinen, die Vereinsarbeit selbst ist wichtig?” „Ja”, antwortet Blum. „Sehr wichtig.” Die Männer hören aufmerksam zu. „Ein Verein ist weit mehr als sein eigentlicher Zweck”, fährt Blum fort. „Die Mitglieder lernen Verantwortung. Sie lernen Zusammenarbeit. Sie lernen Konflikte friedlich zu lösen.” Ein Vorsitzender nickt. „Manchmal braucht es drei Sitzungen, bis wir uns auf einen einzigen Beschluss einigen.” Gelächter erfüllt den Tisch. „Aber am Ende einigen Sie sich”, sagt Blum. „Meistens jedenfalls.” „Und genau das ist entscheidend.” Für einen Augenblick schweigt die Runde. „Sie glauben also, dass die Vereine die Bürger verändern?”, fragt der Buchhändler. „Ja”, antwortet Blum. „Und vielleicht verändern sie eines Tages auch Deutschland.” Der Lehrer blickt überrascht auf. „Durch Gesangvereine und Lesegesellschaften?” „Nicht durch das Singen oder Lesen allein”, sagt Blum. „Sondern durch das, was die Menschen dabei lernen.” Er zeigt auf die Männer am Tisch. „Wer heute einen Verein führt, kann morgen eine Stadtverwaltung leiten. Wer heute lernt, Mehrheiten zu akzeptieren, wird morgen politische Verantwortung tragen können.” Die Kerzen flackern im Luftzug. „Dann sind die Vereine gewissermaßen Schulen”, sagt der Lehrer. „Ja”, antwortet Blum. „Schulen der Bürgerschaft.” Draußen schlägt die Turmuhr die nächste Stunde. Die Gespräche im Kaffeehaus werden lauter. Neue Gäste treten ein, während andere ihre Mäntel anlegen und nach Hause gehen. Doch am Tisch der Leipziger Bürger bleibt die Diskussion noch lange lebendig. Sie sprechen über Bücher, über Politik, über Handel und Bildung. Vor allem aber sprechen sie über die Zukunft ihres Landes. Während in Paris große politische Clubs die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und in Wien viele Versammlungen unter dem wachsamen Blick der Behörden stehen, entsteht in den deutschen Städten etwas Eigenes. Tausende kleiner Vereinigungen verbinden Nachbarn, Kollegen, Handwerker, Kaufleute und Gelehrte miteinander. Und während die Männer im Leipziger Kaffeehaus ihre Tassen leeren, wächst dieses Netz von Vereinen weiter. Unscheinbar, lokal und oft übersehen. Doch gerade darin liegt seine Stärke. Denn aus den vielen kleinen Gemeinschaften entsteht allmählich eine selbstbewusste Bürgerschaft, die beginnt, ihre eigene Rolle in der Geschichte Deutschlands zu erkennen.

7. Solidarität der Arbeitervereine

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Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler vor dem Regensburger Dom, 1849

Der Winter hält Regensburg noch fest im Griff. Kalter Wind zieht durch die engen Gassen der Stadt. In einem Saal nahe der Kirche haben sich Arbeiter, Handwerker und einige Geistliche versammelt. Die Revolution des vergangenen Jahres ist gescheitert. Viele Hoffnungen sind enttäuscht worden. Dennoch spüren die Anwesenden, dass die sozialen Probleme der Zeit nicht verschwinden werden. Unter ihnen befindet sich der Domprediger und spätere Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler, der an diesem Abend als Gast nach Regensburg gekommen ist. Neben ihm sitzen Handwerksmeister, Gesellen und Arbeiter. Sie beraten über die Gründung eines neuen Vereins, des „St. Joseph Arbeiter Unterstützungsvereins”, des ersten katholischen Arbeitervereins Deutschlands. „Unsere Städte verändern sich”, sagt ein älterer Schreinermeister. „Die Fabriken wachsen. Viele Handwerker wissen nicht, wie es weitergehen soll.” „Und viele Arbeiter stehen allein da”, ergänzt ein Geselle. „Wenn Krankheit oder Arbeitslosigkeit kommen, gibt es oft niemanden, der hilft.” Ketteler nickt nachdenklich. „Genau deshalb sind wir heute hier.” Ein junger Schlosser hebt die Hand. „Sollte der Staat diese Aufgaben nicht übernehmen?” Einige Männer schauen zustimmend zu ihm. „Der Staat hat wichtige Pflichten”, antwortet Ketteler. „Aber eine Gemeinschaft kann nicht allein durch Gesetze entstehen.” „Was meinen Sie damit?”, fragt der Schlosser. „Menschen brauchen mehr als Verwaltung”, sagt Ketteler. „Sie brauchen Zusammenhalt. Sie brauchen Vertrauen. Sie brauchen Mitmenschen, die füreinander Verantwortung übernehmen.” Ein Handwerker nickt. „Früher halfen Nachbarn einander häufiger.” „Und genau diesen Geist müssen wir bewahren”, erwidert Ketteler. Ein anderer Arbeiter verschränkt die Arme. „Aber wir sind doch keine reichen Leute. Was können wir schon bewirken?” „Mehr als ihr denkt”, antwortet Ketteler. Die Männer hören aufmerksam zu. „Wenn jeder nur an sich denkt, bleibt jeder schwach. Wenn sich Menschen zusammenschließen, entsteht Stärke.” „Wie bei einer Genossenschaft?”, fragt ein Schreiner. „Ja”, sagt Ketteler. „Aber unser Ziel reicht weiter.” „Wohin denn?” „Wir wollen nicht nur wirtschaftliche Hilfe leisten. Wir wollen Bildung fördern. Wir wollen Gemeinschaft schaffen. Wir wollen den Menschen zeigen, dass sie Verantwortung füreinander tragen.” Ein Geselle blickt nachdenklich auf den Tisch. „Also helfen wir uns gegenseitig?” „Genau”, antwortet Ketteler. „Und wenn jemand krank wird?” „Dann helfen die anderen.” „Wenn jemand Arbeit sucht?” „Dann unterstützen ihn die anderen.” „Wenn jemand in Not gerät?” „Dann steht die Gemeinschaft an seiner Seite.” Der junge Schlosser nickt langsam. „Das klingt anders als Almosen.” „Das ist es auch”, sagt Ketteler. „Almosen können kurzfristig helfen. Aber sie lösen die Probleme nicht dauerhaft.” „Und was löst sie?” „Verantwortung”, antwortet Ketteler. „Verantwortung für sich selbst und Verantwortung füreinander.” Ein älterer Handwerksmeister erhebt sich. „Darum soll unser Verein den heiligen Josef zum Vorbild haben.” Mehrere Männer nicken. „Josef war Handwerker”, sagt er weiter. „Er arbeitete mit seinen Händen. Er sorgte für seine Familie. Er stand für Pflichtbewusstsein und Verlässlichkeit.” „Ein gutes Vorbild für jeden Arbeiter”, ergänzt ein Geselle. Ketteler lächelt. „Und für jeden Bürger.” Für einen Moment wird es still im Raum. „Was lernen die Mitglieder in einem solchen Verein?”, fragt der Schlosser schließlich. Ein Vereinsgründer antwortet: „Sie lernen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen.” „Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen”, ergänzt ein anderer. „Sie lernen, eine Kasse zu verwalten.” „Und sie lernen, einander zuzuhören.” Ketteler nickt zufrieden. „Ihr beschreibt etwas sehr Wichtiges.” „Was denn?” „Eine Gemeinschaft freier Bürger.” Die Männer schauen ihn fragend an. „Eine starke Gesellschaft entsteht nicht nur durch Regierungen”, erklärt er. „Sie entsteht dort, wo Menschen freiwillig zusammenarbeiten.” „Also in Vereinen?” „Ja”, sagt Ketteler. „In Vereinen lernen Menschen, Verantwortung zu tragen.” Der Schreinermeister lächelt. „Dann ist unser Arbeiterverein mehr als nur eine Hilfsgemeinschaft.” „Sehr viel mehr”, antwortet Ketteler. Draußen schlagen die Glocken des Regensburger Doms. „Vielleicht beginnt heute etwas Neues”, sagt ein junger Arbeiter leise. Ketteler blickt in die Runde. „Ja”, antwortet er. „Vielleicht beginnt heute eine Bewegung.” Die Männer erheben sich. Noch ahnt niemand, wie weit sich die Idee ausbreiten wird. Doch an diesem Winterabend des Jahres 1849 entsteht in Regensburg der erste katholische Arbeiterverein Deutschlands. Aus ihm werden viele weitere Vereine hervorgehen. Sie werden Arbeiter bilden, Familien unterstützen und Gemeinschaft stiften. Vor allem aber werden sie Tausenden Menschen zeigen, dass Solidarität, Selbsthilfe und christliche Verantwortung gemeinsam die Grundlage einer starken Bürgergesellschaft bilden können.

8. Die Kraft der Genossenschaft

Ein warmer Wind weht durch die Straßen der sächsischen Stadt Delitzsch. Die Industrialisierung verändert Deutschland mit großer Geschwindigkeit. Neue Fabriken entstehen, Eisenbahnlinien durchziehen das Land, und immer mehr Menschen verlassen ihre Dörfer, um in den Städten Arbeit zu finden. Doch der Fortschritt bringt nicht nur Wohlstand. Viele Handwerker kämpfen ums Überleben. Kleine Betriebe geraten unter Druck. Bauern leiden unter Missernten und Schulden. Während einige Menschen reich werden, wächst bei anderen die Sorge um die Zukunft. In einem Versammlungssaal treffen sich an diesem Tag zwei Männer, die über dieselbe Frage nachdenken. Der eine ist Hermann Schulze-Delitzsch, Jurist, Politiker und Verfechter der Genossenschaftsidee. Der andere ist Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Bürgermeister und Gründer ländlicher Hilfsvereine. Beide kennen die Not vieler Menschen. Beide suchen nach Lösungen. Und beide sind überzeugt, dass die Antwort weder in Almosen noch in staatlicher Bevormundung liegt. „Die Probleme unserer Zeit werden größer”, sagt Schulze-Delitzsch und blickt aus dem Fenster. „Viele Handwerker verlieren ihre wirtschaftliche Grundlage. Einzelne Menschen sind den Veränderungen oft nicht gewachsen.” Raiffeisen nickt. „Auf dem Land sehe ich dasselbe. Bauern geraten in Schulden und können sich kaum noch aus eigener Kraft befreien.” „Und dennoch glaube ich nicht, dass der Staat jede Schwierigkeit lösen kann”, sagt Schulze-Delitzsch. „Da stimmen wir überein”, antwortet Raiffeisen. Für einen Moment schweigen beide. „Die eigentliche Frage lautet”, fährt Schulze-Delitzsch fort, „wie Menschen gemeinsam stärker werden können, ohne vom Staat abhängig zu sein.” Raiffeisen legt die Hände auf den Tisch. „Indem sie sich zusammenschließen.” „Genau”, sagt Schulze-Delitzsch. „Nicht als Bittsteller, sondern als verantwortungsbewusste Bürger.” Raiffeisen lächelt zustimmend. „Viele Menschen glauben, Hilfe bedeute, dass jemand anderes ihre Probleme löst”, sagt er. „Doch wahre Hilfe besteht darin, Menschen in die Lage zu versetzen, sich selbst zu helfen.” „Selbsthilfe”, sagt Schulze-Delitzsch. „Ja”, antwortet Raiffeisen. „Selbsthilfe.” Der Begriff bleibt für einen Augenblick zwischen ihnen stehen. „Ein einzelner Handwerker kann oft keinen günstigen Kredit erhalten”, erklärt Schulze-Delitzsch. „Wenn sich jedoch viele zusammenschließen, können sie gemeinsam eine Kreditgenossenschaft gründen.” „Und ein einzelner Bauer ist gegenüber Missernten und wirtschaftlichen Krisen oft machtlos”, ergänzt Raiffeisen. „Aber wenn viele Bauern zusammenarbeiten, können sie sich gegenseitig unterstützen.” Schulze-Delitzsch nickt. „Gemeinsam verfügen sie über mehr Kraft als jeder Einzelne für sich.” „Dabei geht es nicht nur um Geld”, sagt Raiffeisen. „Es geht um Vertrauen.” „Vertrauen ist das Fundament jeder Genossenschaft”, stimmt Schulze-Delitzsch zu. Draußen ziehen Wolken über den Himmel. Im Saal wird es etwas dunkler. „Manche fordern immer mehr Eingriffe des Staates”, sagt Schulze-Delitzsch. „Sie glauben, jede Schwierigkeit müsse von Behörden gelöst werden.” Raiffeisen denkt einen Moment nach. „Der Staat hat wichtige Aufgaben”, sagt er schließlich. „Aber eine Gesellschaft darf nicht verlernen, sich selbst zu helfen.” „Genau das ist meine Sorge”, antwortet Schulze-Delitzsch. „Wenn Menschen für jede Herausforderung auf den Staat warten, verlieren sie ihre Eigenverantwortung.” Raiffeisen nickt langsam. „Und ohne Eigenverantwortung gibt es keine Freiheit.” „Deshalb sind Genossenschaften so wichtig”, sagt Schulze-Delitzsch. „Sie verbinden Freiheit mit Verantwortung.” Die beiden Männer begegnen sich im Geiste. Obwohl sie unterschiedliche Wege gehen, verfolgen sie dasselbe Ziel. „Eine Genossenschaft zwingt niemanden zur Teilnahme”, sagt Raiffeisen. „Jeder tritt freiwillig bei.” „Und jeder trägt Verantwortung für den Erfolg der Gemeinschaft”, ergänzt Schulze-Delitzsch. „Der Starke hilft dem Schwächeren.” „Aber nicht durch Almosen.” „Nein”, sagt Raiffeisen. „Durch Solidarität.” Wieder fällt das Gespräch für einen Moment in Schweigen. Solidarität. Das Wort gewinnt in diesen Jahren eine neue Bedeutung. Es beschreibt nicht bloß Mitgefühl. Es beschreibt die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und füreinander einzustehen. „Unsere Vereine und Genossenschaften leisten mehr, als viele erkennen”, sagt Schulze-Delitzsch schließlich. „Wie meinen Sie das?”, fragt Raiffeisen. „Die Menschen lernen dort, gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Sie verwalten Geld. Sie wählen Vorstände. Sie kontrollieren die Arbeit ihrer Vertreter.” Raiffeisen lächelt. „Sie lernen also nicht nur wirtschaftliche Zusammenarbeit.” „Nein”, sagt Schulze-Delitzsch. „Sie lernen Bürgerschaft.” Draußen beginnen die Glocken der Stadt zu läuten. „Vielleicht ist das unsere wichtigste Aufgabe”, sagt Raiffeisen nachdenklich. „Nicht nur Armut zu lindern, sondern verantwortungsbewusste Bürger hervorzubringen.” „Menschen, die wissen, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören”, ergänzt Schulze-Delitzsch. Die beiden Männer erheben sich. Sie wissen, dass ihre Ideen nicht alle Probleme lösen werden. Doch sie sind überzeugt, dass eine starke Gesellschaft nicht allein von Regierungen geschaffen wird. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, einander zu vertrauen, Verantwortung zu übernehmen und freiwillig zusammenzuarbeiten. Als sie ihre Wege fortsetzen, ahnen sie nicht, wie weit sich ihre Gedanken verbreiten werden. In den kommenden Jahrzehnten entstehen in ganz Deutschland Genossenschaften, Sparvereine und Kreditvereinigungen. Millionen Menschen werden lernen, was Schulze-Delitzsch und Raiffeisen an diesem Tag diskutieren: Dass Selbsthilfe stärker macht als Abhängigkeit, dass Solidarität mehr bewirken kann als bloße Wohltätigkeit und dass eine freie Bürgergesellschaft dort wächst, wo Menschen gemeinsam Verantwortung für ihr eigenes Schicksal übernehmen.