Reisekaiserin
1. Die Ankunft einer Kaiserin aus Byzanz
Der Herbst des Jahres 972 lag warm über den Hügeln Italiens, als der Zug der byzantinischen Prinzessin sich dem kaiserlichen Hof näherte. Staub schwebte über den Straßen, die sich durch Olivenhaine und Weinberge zogen, doch er verlor gegen das Glitzern der Stoffe, die Theophanus Gefolge trug: Purpur, Goldfäden, Seide aus den Werkstätten Konstantinopels. Die Menschen entlang der Wege wussten sofort, dass dies kein gewöhnlicher Hochzeitszug war. Er brachte eine Frau, deren Herkunft allein ein Reich beschrieb und die doch im Begriff stand, ein anderes zu verändern. Theophanu selbst saß hoch zu Ross, wie es am byzantinischen Hof nur einer Frau von imperialem Rang zustand. Ihr Gesicht blieb ruhig, fast undurchdringlich, während die Sonne über das Gold ihres Diadems strich. In Konstantinopel hatte man sie gelehrt, dass eine Herrscherin Haltung zu wahren habe, selbst wenn die Welt um sie schwankte. Und doch fühlte sie diesen Moment: fremde Erde, fremde Luft und ein Schicksal, das nicht länger am Hof der Makedonischen Dynastie lag, sondern im Westen, wo das ottonische Reich sie erwartete. Hinter ihr trugen Hofdamen und Eunuchen die Insignien der byzantinischen Pracht: kunstvolle Ikonen, bestickte Altartücher, Dokumente in makelloser griechischer Schrift. Ein Hofzeremoniell, das seit Jahrhunderten die Macht des Oströmischen Reiches formte, betrat nun eine Welt, in der Könige nicht in Palästen residierten, sondern im Sattel. Als Otto II. ihr entgegenritt, erkannte sie ihn sofort, obwohl man sich noch nie begegnet war. Der junge Kaiser, kaum zwanzig, trug kein byzantinisches Gold, sondern Eisen, dessen Nieten in der Sonne blitzten. Sein Blick war wach, neugierig, fast ungeduldig. Er hatte Geschichten über Konstantinopel gehört, von der Größe der Kirchen, der Feinheit der Gelehrten, der Kunst, mit der Diplomatie und Politik verwoben wurden. Nun sah er all das in dieser einen Frau verkörpert. Er stieg ab, kaum dass er in Reichweite war, und die Soldaten hinter ihm hielten verwirrt inne – denn kein Protokoll sagte, ob ein Kaiser vor seiner Braut vom Pferd zu steigen habe. Doch Otto dachte nicht daran, höfische Regeln zu befolgen. Etwas an Theophanu drängte ihn dazu, sie auf Augenhöhe zu empfangen. „Herrin aus dem Osten”, sagte er, „das Reich freut sich auf euch.” Theophanu neigte den Kopf, eine kleine, präzise Geste, die mehr Würde ausstrahlte als die halben Verbeugungen der deutschen Fürsten. „Und ich freue mich auf das Reich, das Ihr führt”, antwortete sie in sorgfältigem Latein. Doch ihre Augen sahen ihn an, prüfend, wägenden Lichts. Hier stand keiner dieser Kriegerfürsten, die sie sich vorgestellt hatte. Hier stand ein Mann, der verstehen wollte. Ein Mann, der lernen wollte. Noch am selben Abend wurde ein Fest bereitet. Doch während Musik erklang und die Großen des Reiches tranken, beobachtete Otto die neue Kaiserin aus der Distanz. Sie sprach mit Bischöfen über liturgische Reformen. Sie hörte Kaufleuten zu, die über Seewege berichteten. Sie stellte Fragen zur Verwaltung italienischer Städte, zum Münzwesen, zur Rolle griechischer Gelehrter im Abendland. Otto begriff: Diese Frau war nicht gekommen, um seine Gemahlin zu sein. Sie war gekommen, um eine Partnerin in der Herrschaft zu werden. Und er verspürte keine Spur von Furcht, sondern eine Erwartung, die ihn selbst überraschte. Als er sich schließlich zu ihr gesellte, standen sie auf einer Terrasse, die auf die Lichter der Stadt blickte. Der Wind spielte in den Bändern ihres Gewandes. „Ihr seid anders, als man mir sagte”, begann Otto vorsichtig. „Und wie sagte man es euch?”, fragte sie, ohne die Stadt aus den Augen zu lassen. „Man sprach von byzantinischem Prunk. Von Hofritualen, die niemand im Westen versteht. Von einer Prinzessin, die seit Kindheit lernt, sich hinter Mauern zu bewegen.” Sie wandte sich ihm zu, zum ersten Mal mit einem Lächeln, das einen Hauch von Wärme zeigte. „Ich bin mit Mauern vertraut. Aber ich weiß auch, dass Herrschaft dort endet, wo sie sich einschließt.” Otto hielt einen Moment inne. „Dann werden wir wohl ein wanderndes Paar sein.” „Ein Reich dieser Größe”, sagte Theophanu leise, „verlangt nach Wegen, nicht nach Mauern.” Für einen Augenblick stand die Zukunft zwischen ihnen, nicht als Traum, sondern als Ahnung: Pfalzen, Wege, Gesandtschaften, ein Netz aus Menschen und Orten, das die Welt des 10. Jahrhunderts enger knüpfen würde, als bisher jemand wagte zu denken. Otto sah die Straßen der Nacht unter sich, doch in Gedanken folgte er bereits jenen neuen Wegen, die Theophanu mitgebracht hatte, Wege, die ihn fortan führen würden. Und Theophanu, die Tochter des Ostens, wusste: Dies war kein Hof, der stillstand. Dies war ein Reich, das sich nur im Gehen regieren ließ. Und sie würde an der Seite ihres Gemahls gehen, nicht hinter ihm.
2. Das Prinzip des Reisekaisertums
Der Morgen brach grau über der Ebene an, als Otto II. den Befehl zum Aufbruch gab. Ein Hornsignal, kurz und bestimmt, hallte zwischen den Zelten, und der wandernde Hofstaat erwachte wie ein gewaltiger Organismus. Pferde schnaubten, Ritter legten ihre Rüstungen an, Diener verstauten Kisten und Rollen mit Urkunden, während Köche die Glut der letzten Feuer löschten. In langen Reihen ordneten sich die Wagenkolonnen: Prunkwagen für liturgische Gefäße, Karren für Proviant, Maultiere beladen mit Schriftrollen, Reliquien, Gewändern. Otto ritt an der Spitze, umgeben von seinem Gefolge, eine bewegte, schimmernde Insel aus Stahl, Bannern und Staub. Hinter ihm schritten Bischöfe und Kleriker, die an mobilen Altären die Messe lasen, sobald der Zug haltmachte. Der Kaiser stand im Sattel, als sei er ein Teil der Landschaft selbst, wachsam gegenüber allem, was sich vor ihm ausbreitete. Theophanu beobachtete diese Szenerie aus ihrem leichten Reisewagen heraus. Sie hatte das byzantinische Protokoll, den streng geordneten Alltag von Palästen und zeremoniellen Wegen, verinnerlicht, doch dies hier war ein ganz anderes Prinzip von Herrschaft. Das ottonische Reich besaß keine Hauptstadt, keinen festen Sitz des Kaisers, keinen Ort, von dem aus Macht nur durch Schrift und Boten floss. Stattdessen musste Otto seine Präsenz dorthin bringen, wo sie gebraucht wurde: zu den Stammesfürsten, zu den Bischöfen, in aufrührerische Regionen, an Grenzen, die ständig neu definiert wurden. Herrschaft im Westen, so begriff Theophanu, war eine wandernde Kunst. Als sie neben Ottos Pferd zum Halten kam, hörte sie die Rufe der Männer, die sich in Bewegung setzten. „Der Kaiser kommt! Der Kaiser kommt!” Dieser Ruf wanderte voraus wie ein Windstoß, der Dörfer, Burgen und Höfe erreichte, lange bevor der Hofstaat sichtbar wurde. Die Menschen verließen ihre Häuser, verneigten sich, reichten Brot, baten um Urkunden oder Schutz. Ottos Macht bestand nicht nur aus Heeren, sie bestand aus Begegnungen. „Ihr reist viel”, sagte Theophanu, während Otto ihr die Hand reichte, um ihr beim Absteigen zu helfen. „Ich regiere viel”, antwortete er schlicht. „Ein Kaiser, der stillsteht, verliert das Reich schneller, als er es in Händen halten kann.” Er deutete auf die Kolonnen, die sich langsam wieder in Bewegung setzten. „Jede Pfalz, jeder Ort, den wir besuchen, ist ein Teil unserer Ordnung. Ohne unsere Anwesenheit gehören sie niemandem.” Theophanu betrachtete die bewegte Masse: die Banner, die Karren, die Kinder der Händler, die am Rand mitliefen und staunten; die Ritter, deren Pferde schon nach wenigen Stunden schweißnass glänzten. Dieses ständige Wandern ermöglichte Nähe und erzeugte eine Aura von unmittelbarer Macht. Es war keine abstrakte, ferne Regierung, sondern eine Herrschaft, die sich zeigen musste, um zu bestehen. Doch sie sah auch die andere Seite. „Es ist ein gefährliches Leben”, sagte sie leise. „So viele Wege, so viele Unwägbarkeiten. Ein Sturm, ein Überfall, ein kranker Wegweiser und die Ordnung bricht.” Otto lächelte, aber es war ein ernster Zug darin. „Es ist ein Reich, das man nur führen kann, wenn man seine Unruhe teilt.” „Und sein Risiko”, ergänzte sie. Ein lauter Ruf der Fährtner unterbrach sie, der Pfad führte in einen engen Wald, und man verlangte Wachsamkeit. Otto wandte sich seinem Gefolge zu, gab Anweisungen, teilte die Reiter neu ein. Er bewegte sich mit einer Sicherheit, die verriet, dass er in diesem Zustand der ständigen Bewegung zuhause war. Theophanu trat einen Schritt zurück, beobachtete den Strom, der sich erneut in Gang setzte. Dieser Hofstaat war keine Armee und kein Tross. Er war ein wanderndes Zentrum, ein mobile Reichsmitte, die nie länger als wenige Wochen verweilte. Sie spürte, wie ihr Verstand zu arbeiten begann, wie ihre Erfahrung aus Byzanz Erkenntnisse formte. Dieses System hatte Stärken, mächtige sogar: persönliche Bindung, sichtbare Präsenz, unmittelbare Einflussnahme. Doch die Gefahren lagen ebenso offen auf der Straße wie die Möglichkeiten. Sie sah, dass das Reich nicht von einem Ort aus regiert wurde, sondern von den Wegen selbst. Und sie wusste: Wenn sie an Ottos Seite herrschen wollte, musste sie diese Wege verstehen, ihre Muster lesen, ihre Risiken beherrschen. Denn hier, auf den Straßen des Reiches, würde sich ihre gemeinsame Zukunft entscheiden. Mit einem leisen Seufzen stieg sie wieder in ihren Wagen. Der Zug setzte sich in Bewegung, und der Rhythmus der Räder auf dem Weg wurde zu einem neuen, fremden Herzschlag, dem Herzschlag des Reisekaisertums.
3. Die Idee eines strukturierten Pfalznetzes
Der Hofstaat hatte für einige Tage in der Pfalz von Ingelheim Halt gemacht, und die Ruhe nach den langen Straßen war spürbar. Diener reinigten Rüstungen und Sättel, Händler bauten ihre Stände vor den Toren auf, und aus der Kapelle drang der Klang von Psalmen. Zwischen den Mauern aus rötlichem Stein schien die Welt für einen Moment still zu stehen. Theophanu nutzte diese Stille. Sie hatte sich an einen großen Holztisch im Innenhof setzen lassen, die Sonne fiel über Pergamente, Wachstafeln und eine grobe Karte des Reiches. Linien zogen sich durch die Landschaft, doch nur wenige waren festgehalten, Wege, die auf Gerüchten, Erzählungen oder alten Römerstraßen beruhten. Für eine Frau, die in Konstantinopel gelebt hatte, in einer Stadt, die wie ein geordnetes Gefäß der Welt wirkte, war dieses Chaos kaum zu fassen. Sie strich mit dem Finger über die Karte, von Aachen nach Quedlinburg, von Magdeburg hinunter nach Ingelheim. Es waren Pfalzen, Orte königlicher Macht, doch ihre Verbindung bestand aus Zufällen der Geographie und der Gewohnheit, nicht aus Plan. Otto II. trat zu ihr, noch im leichten Waffenrock, den er zwischen den Audienzen zu tragen pflegte. „Ihr wirkt, als wolltet Ihr das Reich neu zeichnen”, sagte er mit einem Lächeln. „Majestät”, begann sie schließlich, ohne den Blick von der Ebene zu lösen, „habt Ihr euch je vorgestellt, wie Römer diese Strecke zurückgelegt hätten?” Otto lächelte schwach. „Mit Sandalen und Legionen?” Theophanu schüttelte den Kopf. „Nicht die Soldaten sind es, die ich meine. Sondern ihre Straßen.” Sie kniete neben einen flachen Stein, schob mit der Hand Erde beiseite und legte etwas frei, das aussah wie ein uralter, geometrisch behauener Block. „Überall unter unseren Füßen liegen sie noch – die römischen Wege. Gerade, fest, mit Gräben zur Entwässerung, mit Vermessungen, die selbst unsere besten Baumeister nicht mehr nachvollziehen können.” Otto trat näher. „Und doch sind ihre Städte zerfallen.” „Ja”, sagte Theophanu, „die Kastelle, die Stationen, die römischen Herbergen, sie sind verschwunden. Nur die Wege haben überlebt. Sie warten, Otto. Sie warten darauf, wieder genutzt zu werden.” Sie richtete sich auf. „Euer Großvater, Karl der Große, erkannte die Bedeutung dieser Wege. Er ließ einige erneuern, ließ alte Kastelle nutzen, um die Grenzen zu sichern. Aber nach seinem Tod ist vieles wieder verfallen.” Otto sah nachdenklich über die Ebene. „Wir nutzen die Wege, die da sind. Aber neu bauen?” „Nicht nur neu bauen”, widersprach Theophanu sanft. „Wiederherstellen.” Sie nahm einen Stab und zeichnete Linien in den weichen Boden. „Seht, hier führt die römische Straße von Mainz nach Köln. Hier das Netz entlang des Rheins, dort die Verbindung nach Trier und weiter nach Gallien. Und im Osten? Dort sind noch ganze Abschnitte sichtbar, aber niemand schützt sie.” Otto beugte sich über die Linien. „Und Ihr meint, wir sollen Kastelle errichten? Wie die Römer?” „Wie die Römer”, bestätigte sie. „Aber für unsere Bedürfnisse. Nicht für Legionen, sondern für Boten.” Sie sah ihm tief in die Augen. „Ein Reich wie das Eure kann nur bestehen, wenn es miteinander spricht. Wenn Nachrichten nicht Tage, sondern Stunden verlieren. Wenn ein Aufstand im Osten nicht erst bekannt wird, wenn die Flammen schon brennen.” Otto schwieg lange. Der Wind trug den Klang der fernen Glocken von Ingelheim herüber. „Wegstationen”, murmelte er. „Für frische Pferde. Für Boten. Für Vorräte.” „Genau das”, sagte Theophanu. „Ein Netz aus Poststationen, befestigt wie kleine Kastelle, verbunden durch die alten Straßen. Und jede Pfalz wird zu einem Knotenpunkt dieses Netzes. Magdeburg, Aachen, Quedlinburg, Pöhlde – sie alle liegen strategisch günstig. Mit einer geordneten Verbindung wären sie nicht länger nur Aufenthaltsorte, sondern Stützpunkte des gesamten Reiches.” Otto richtete sich ganz auf. „Ihr wollt ein Reich, das reist und dennoch fest verankert ist.” „Ein Reich, das schnell reagiert. Das sich selbst kennt. Das seine Wege kontrolliert.” Ihre Stimme bekam eine scharfe Klarheit. „Ohne diese Wege wird das Reich eines Tages zu groß sein, um es zu lenken.” Otto sah sie an, diesmal mit echter Erschütterung, und zugleich mit Bewunderung. „Theophanu … ich habe die Größe des Reiches immer als Stärke gesehen.” „Größe ist Stärke”, sagte sie leise. „Aber nur, wenn sie verbunden ist.” Ein Bote kam herbeigeeilt, verneigte sich und überbrachte Nachrichten aus Sachsen. Otto nahm die Wachstafel entgegen, viel zu lange war sie unterwegs gewesen. Tage zu lange. Ein Problem, das Theophanus Worte mit brutaler Deutlichkeit bestätigten. Der Kaiser schloss die Augen, kurz und fest. „Wir beginnen in Aachen”, sagte er schließlich. „Und in Magdeburg. Wir bauen Wegstationen – Kastelle, wenn nötig. Und wir legen neue Routen über die alten römischen Straßen.” Theophanu lächelte sanft. „Dann wird Euer Reich atmen, Otto. Schnell, verlässlich und stark.” Die Glocken von Ingelheim verstummten, und für einen Moment war nur der Wind zu hören, wie ein Flüstern entlang einer Straße, die nach Jahrhunderten wieder zum Leben erwachte. Sie lehnten sich beide über die Karte, und für einen Moment wirkte es, als verändere sich das Reich direkt unter ihren Händen, als wüchsen Linien aus der Erde, als würden Pfalzen zu Markpunkten eines Netzes, das sich über ganz Europa spannte. In diesem Augenblick wurde der Keim gelegt für etwas, das weit über ihre Zeit hinauswirkte: ein strukturiertes Reich, das nicht nur durch Blutslinien zusammenhing, sondern durch Wege, Orte und geordnete Präsenz. Ein Reich, das sich selbst im Gehen fand. Die Pfalzen des Reiches sollten kein zufälliges Mosaik mehr sein. Sie sollten ein Netz bilden Es war in Magdeburg, dass Theophanu zum ersten Mal die Kraft dieses neuen Denkens spürte. Die Pfalz ragte in den Himmel wie ein steinernes Versprechen: Weit im Osten gelegen, war sie Otto des Großen Vermächtnis, ein Bollwerk der Christianisierung, ein Ort der Mission und des Austauschs mit slawischen Stämmen. Die Türme der Domkirche, noch im Bau, warfen lange Schatten über die Elbwiesen. Als der Hof eintraf, begrüßten sie Geistliche, Boten aus Polen und Böhmen sowie Missionare in schlichten Gewändern. Hier wurde nicht nur regiert, hier wurde Geschichte in die Zukunft gelenkt. Theophanu beobachtete, wie Otto in der Halle Gericht hielt, wie er Gesandte empfing und über Grenzfragen entschied. Die Pfalz war ein pulsierender Ort politischer Strahlkraft. Doch sie erkannte: Vieles ging verloren, notiert auf Einzelpergamenten, die im Trubel des Hofes schnell untergingen. „Wir brauchen Archive”, sagte sie Otto am Abend. „Wir haben Schreiber”, entgegnete er. „Schreiber, ja, aber kein Gedächtnis des Reiches.” Sie schlug vor, in jeder Pfalz ein festes Archiv anzulegen, mit Kopien von Urkunden, Verträgen und Listen der Reichsgüter. Keine verstreuten Loseblätter mehr, sondern geordnete Bestände, nach byzantinischem Vorbild. Otto sah sie lange an. „Magdeburg soll der Anfang sein.” Ein kaum merkliches Lächeln huschte über Theophanus Gesicht. „Absicht ist der Anfang jeder Ordnung.” In Quedlinburg empfing sie eine andere Art von Macht. Die Stiftsdamen, hochgebildet und selbstbewusst, führten das Erbe der ottonischen Frauen fort. Die Pfalz lag auf einem Felsen, sicher, übersichtlich, von einem milden Licht erfüllt, als gehörte sie eher in eine Legende als in die politische Realität. Hier zeigte sich Theophanu von einer anderen Seite: als Königin unter Frauen. Die Äbtissin empfing sie mit allen Ehren. Theophanu achtete auf die Rituale, die geordneten Prozessionen, das Zusammenspiel aus Gebet, Musik und politischer Unterredung. Sie trug Elemente des byzantinischen Hofzeremoniells ein: genau festgelegte Empfangsfolgen, die Rolle von Symbolen und Insignien, die bewusste Inszenierung der Herrschaft durch Kleidung und Raumgestaltung. „Rituale”, sagte sie Otto später, „schaffen Ordnung. Ordnung schafft Achtung.” Pöhlde war kleiner als die anderen Pfalzen, aber strategisch nicht weniger wichtig. Zwischen Harz und Leine gelegen, war es ein Knotenpunkt der Nord-Süd-Verbindung. Händler aus Sachsen, Thüringen und Hessen kamen hier zusammen. Für Theophanu war Pöhlde ein idealer Ort, um das Konzept der Versorgungsknoten einzuführen. Sie ließ Inventarlisten erstellen: Getreidevorräte, Pferdefutter, Brennholz, Waffen, Schreibmaterialien. „Ein Hof, der unterwegs ist,” sagte sie den Verwaltern, „muss wissen, was ihn erwartet. Berechenbarkeit ist kein Luxus, sie ist Voraussetzung.” Die Männer nickten, beeindruckt von der Klarheit ihrer Worte. Als sie Aachen erreichten, war es, als beträten sie die Erinnerung eines ganzen Reiches. Die Pfalzkapelle Karls des Großen glänzte im Licht der Morgensonne. Hier war Geschichte nicht nur sichtbar, sie war spürbar, in den Steinen, in den Mosaiken, in den zehrenden Erwartungen derer, die von den Ottonen eine Erneuerung karolingischer Größe erhofften. Otto II. liebte Aachen. Es war der Ort, an dem er sich am stärksten als Kaiser fühlte – nicht nur als König der Deutschen, sondern als Erbe eines Imperiums. Theophanu aber sah auch die Gefahren der Tradition. „Ein Ort wie dieser”, sagte sie, „kann euch groß machen. Aber er kann euch auch fesseln.” Sie schlug vor, dass Aachen im neuen Pfalznetz nicht nur ein Symbol sein sollte, sondern ein zentraler Punkt für Empfänge und diplomatische Treffen. Ein Ort, an dem das Reich sich selbst zeigte. Um dies zu ermöglichen, führte sie eine neue Form des Empfangs ein: geordneter, feierlicher, mit klarer Rangfolge und sichtbarem Zeremoniell, eine Verbindung aus byzantinischer Präzision und ottonischer Würde. Die Pfalz Ingelheim, nahe dem Rhein, lag strategisch günstig und war schon seit karolingischer Zeit ein Verwaltungszentrum. Hier konnte Theophanu am meisten von ihrem byzantinischen Wissen einbringen. Sie etablierte: eine dauerhafte Kanzlei, ein Archiv, das Kopien wichtiger Urkunden beherbergte, Reisepläne, die mit den Vorräten und Wegen abgestimmt waren. „Ein Reich,” sagte sie zu Otto, „ist wie eine Kette. Sie ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied, oder wie der Weg zwischen zwei Gliedern.” Otto legte den Finger auf die Karte und folgte den Linien zwischen den Pfalzen, die sich dank Theophanu zu einem klaren Muster fügten. „Dies hier”, murmelte er, „ist ein Reich, das mehr ist als Macht. Es ist Struktur.” Theophanu lächelte. „Und Struktur ist Macht, die bleibt.” Als der Hof Ingelheim verließ, war nichts mehr so, wie es begonnen hatte. Die Pfalzen waren nicht länger nur Aufenthaltsorte, sie waren Stationen eines wachsenden Systems, Knotenpunkte einer Ordnung, die Theophanu mit ruhiger Hand und scharfem Verstand geschaffen hatte. Otto ritt an ihrer Seite, und beide wussten: Die Straßen des Reiches hatten eine neue Bedeutung bekommen. Sie verbanden nicht nur Orte, sie verbanden Vergangenheit, Gegenwart und eine Zukunft, die erst begann, sich zu formen.
4. Europaweite Verbindungen
Der Sommer breitete seine Wärme über das Reich aus, und mit ihm wuchs etwas, das größer war als die Straßen, die Theophanu und Otto II. erneuern ließen. Es war ein neues Bewusstsein dafür, dass Herrschaft im 10. Jahrhundert weit mehr bedeutete als die Kontrolle über ein einzelnes Land. Ein Reich konnte nur bestehen, wenn es offen war, offen für andere Mächte, andere Kulturen, andere Strömungen. Theophanu verkörperte diese Offenheit wie kaum jemand sonst. In Aachen, wo sie Gesandte aus Byzanz empfing, sprach sie in der Sprache ihrer Kindheit und ließ die Worte der Diplomatie fließen wie Wasser, das seinen Weg findet. Der Botschafter berichtete von Hofritualen in Konstantinopel, von politischen Spannungen und neuen Handelsabkommen. Seine Augen beobachteten Theophanu aufmerksam, als wolle er herausfinden, wie viel Einfluss sie im Westen besaß. „Die Höfe beobachten euch”, sagte er schließlich. „Man fragt, ob Ihr das ottonische Reich nach oströmischer Art ordnet.” Theophanu lächelte nur. „Ich ordne es nach der Art der Vernunft.” Sie wusste, dass ihr Name in Byzanz Gewicht hatte, und sie nutzte dieses Gewicht klug. Doch nicht nur dorthin spann sie ihre Fäden. Auch nach Norditalien, wo Städte wie Pavia und Ravenna kulturelle Knotenpunkte waren, schickte sie Botschaften. Und selbst das westfränkische Reich, geschwächt und zersplittert, blieb ein wichtiger Partner, oder eine notwendige Herausforderung. Theophanu sah das Reich niemals als geschlossen oder abgeschlossen. Für sie war es Teil eines größeren europäischen Geflechts, dessen Verbindungen gepflegt und gestärkt werden mussten. Während sie diplomatische Beziehungen vertiefte, richtete Otto II. seinen Blick vor allem nach Süden. Italien war sein Traum, nicht nur politisch, sondern ideell. Dort, zwischen den Ruinen Roms und den Kirchen Ravennas, suchte er die Legitimation des römischen Kaisertums. „Ein Kaiser der Römer”, sagte er oft, „kann nicht nur im Norden sitzen.” Er verhandelte mit Bischöfen, strebte Bündnisse mit lombardischen Fürsten an und führte Gespräche mit päpstlichen Gesandten. Theophanu unterstützte ihn dabei still, aber wirkungsvoll. „Ihr seid ein Kaiser, weil Europa euch sieht”, sagte sie einmal. „Nicht, weil Ihr nur im Reich herrscht.” Otto verstand, dass seine Macht sich nicht allein in den Grenzen seines Territoriums zeigte, sondern in der Wahrnehmung durch andere Reiche. Mit jeder neuen Wegstation, die errichtet wurde, und mit jedem Stück römischer Straße, das erneuert wurde, begann das Reich sich zu verändern. Die Wege wurden sicherer, die Reisezeit kürzer, die Kommunikation schneller. Boten ritten nun zügiger zwischen Aachen und Magdeburg, Kaufleute wagten sich weiter ins Land, und Gelehrte reisten von einer Pfalz zur nächsten, weil sie wussten, dass sie dort Ruhe, Schutz und Bibliotheken fanden. Die Pfalzen selbst wurden zu Treffpunkten eines neuen, offenen Reiches. In Aachen berieten sich Gesandte aus dem Westfrankenreich mit ottonischen Ratsherren über Handelsrechte. In Magdeburg diskutierten Missionare aus Böhmen und Polen mit fränkischen Geistlichen über die Zukunft des Glaubens. In Ingelheim wurden Urkunden kopiert, Verträge archiviert und Bündnisse besiegelt. In Quedlinburg schrieben die Stiftsdamen Chroniken, die das Wissen aus ganz Europa sammelten. Und in Pöhlde, dem unscheinbaren, aber wichtigen Knotenpunkt der Nord-Süd-Verbindung, rasteten Kaufleute, Pilger und kaiserliche Boten und erzählten abends Geschichten aus Italien, Byzanz oder dem fernen Westen, sodass selbst Kinder lernten, dass die Welt größer war als ihr Tal. Durch die Straßen wanderte mehr als der Hofstaat. Es wanderte Wissen, Macht und Verbindung. Eines Abends standen Otto und Theophanu nebeneinander auf der Terrasse einer Pfalz, vielleicht Ingelheim, vielleicht Aachen, der genaue Ort war unwichtig, denn beide waren nun untrennbare Knoten eines großen Netzes. Der Kaiser blickte in die Ferne und sagte leise: „Ich glaubte einst, das Reich sei ein Körper aus Land und Leuten.” „Und nun?”, fragte Theophanu. „Nun sehe ich, es ist ein Geflecht. Eine Gemeinschaft von Orten, Wegen und Stimmen.” Theophanu nickte. „Ein Reich lebt nicht durch seine Größe”, sagte sie. „Sondern durch seine Verbindung.” In diesem Augenblick verstanden beide: Die Zukunft Europas würde nicht durch Mauern bestimmt werden, sondern durch Straßen. Pfalzen waren keine Inseln mehr. Sie waren Tore. Tore in ein Europa, das größer war als jede Grenze.
5. Konflikte auf den Wegen
Der Herbstwind strich kühl über die Felder, als die Nachricht den Hof erreichte. Nicht Räuberbanden waren es diesmal, die die Straßen unsicher machten, sondern Macht. Händler berichteten von überfallenen Wagen, kaiserliche Boten kehrten verspätet oder gar nicht zurück, und an einer neu errichteten Wegstation im Norden standen nur noch verkohlte Balken. Die Reise des Kaiserpaares nach Magdeburg, sorgfältig geplant und als politisches Signal gedacht, war plötzlich nicht mehr sicher. Der Name, der hinter all dem stand, wurde bald offen ausgesprochen: Heinrich der Zänker, Herzog von Bayern. Einst ein Verwandter, nun ein Rivale. Er hatte sich dem Kaiser widersetzt, Bündnisse geknüpft und die Unruhe im Norden bewusst geschürt. Gerüchte verdichteten sich, dass er Unterstützung jenseits der Reichsgrenzen suchte, beim dänischen König Harald Blauzahn, der selbst ein wachsames Auge auf die Handelswege zwischen Nord- und Ostsee hatte. Otto II. reagierte ohne Zögern. Er ließ die Hörner blasen, rief die Panzerreiter zusammen und befahl die Marschbereitschaft. „Wenn ein Herzog glaubt, er könne die Straßen des Reiches beherrschen”, sagte er hart, „dann greift er nicht nur mich an, sondern das Reich selbst.” Für Otto war Ordnung eine Frage der Stärke. Die Straßen, die das Reich zusammenhielten, durften nicht zu Werkzeugen des Aufruhrs werden. Ein Aufstand, ob offen oder verborgen, war für ihn kein lokales Problem, sondern ein Angriff auf seine kaiserliche Autorität. Theophanu beobachtete sein entschlossenes Handeln mit Respekt, aber auch mit Sorge. „Ein Heer beruhigt die Straße”, sagte sie ruhig, „aber nicht die Fürsten.” Otto hielt die Zügel fest. „Manchmal muss man erst Frieden erzwingen, bevor man ihn verhandeln kann.” Theophanu widersprach nicht offen. Sie wusste, dass Otto Recht hatte, aber nur zur Hälfte. Während er mit seinen Truppen in Richtung Bayern aufbrach, blieb sie in der Pfalz zurück und setzte andere Kräfte in Bewegung. Boten ritten aus, nicht mit Kriegsbefehlen, sondern mit Angeboten: sichere Geleitrechte, erneuerte Marktprivilegien, Schutz für Handelswege. Gleichzeitig ließ sie Nachrichten nach Norden senden, vorsichtig formuliert, aber klar in der Botschaft. Harald Blauzahn wurde daran erinnert, dass Frieden auf den Straßen auch dem Handel Dänemarks diente. Ein Reich, das stabil war, war ein besserer Nachbar als ein zerrissenes. Theophanu lud die Großen des Reiches nach Ingelheim ein: bayerische Adlige, sächsische Grafen, Grenzherren, deren Loyalität schwankte. Viele kamen, manche aus Furcht vor der Kaiserwürde, manche aus Hoffnung auf Ausgleich. In den Hallen der Pfalz empfing sie sie mit byzantinischer Würde und ottonischer Klarheit. Sie hörte zu, stellte Fragen nach alten Lehen, Grenzverläufen, Zollrechten und verlorenen Ehren. Theophanu erkannte den Konflikt als ein Geflecht aus verletztem Stolz, übergangenen Ansprüchen und ungelösten Grenzfragen. Heinrich der Zänker war nicht allein, er war der Knotenpunkt einer größeren Unruhe. „Ein Reich”, sagte sie zu den Versammelten, „zerbricht nicht durch offene Feinde, sondern durch ungelöste Fragen.” Und sie verstand es, Vertrauen zu wecken, ohne Schwäche zu zeigen. Als Heinrich schließlich militärisch gestellt wurde, zerfiel dessen Unterstützung schneller, als erwartet. Viele Verbündete wichen zurück, als sie sahen, dass die Kaiserin entschlossen war und dass zugleich Verhandlungen offenstanden. Heinrich wurde entmachtet, seine Aufstände brachen zusammen. „Sie waren bereit, euch zu folgen”, sagte Otto später, als er zurückkehrte. „Weil sie nicht gegen das Reich kämpfen wollten”, antwortete Theophanu ruhig. „Sondern um gehört zu werden.” Otto setzte sich neben sie, die Rüstung noch staubig vom Feldzug. „Ihr habt mit Worten gesichert, was ich mit Schwertern erzwungen habe.” „Ihr habt die Ordnung verteidigt”, erwiderte sie. „Und ich habe sie erneuert. Beides ist nötig.” Am nächsten Morgen brach der Hof wieder auf. Die Straßen waren frei. Die Wegstationen brannten erneut Licht, Boten ritten aus, Händler zogen wieder über die Nord-Süd-Routen. Selbst aus dem Norden kamen Zeichen der Beruhigung: Harald Blauzahn hielt Abstand, der Handel floss weiter. Otto ritt an der Spitze des Zuges, sein Banner fest im Wind. Hinter ihm saß Theophanu im Wagen, den Blick nachdenklich auf die Wege gerichtet. Sie wusste nun endgültig: Die Macht des Reiches lag nicht allein im Schwert und nicht allein in der Diplomatie. Sie lag im Zusammenspiel beider Kräfte. Otto verkörperte die sichtbare Autorität des Kaisers, sie die unsichtbare Ordnung, die das Reich zusammenhielt. Die Wege des Reiches waren nur dann stark, wenn militärische Präsenz und politische Klugheit zusammenwirkten. So wurde der Konflikt mit Heinrich dem Zänker nicht nur überwunden, er wurde zum Beweis, dass das Reisekaisertum mehr war als Bewegung. Es war ein lebendiges Netz, gehalten durch Stärke und durch Vertrauen.
6. Italien
Der Beweis für die neue Ordnung kam nicht in Form von Urkunden oder feierlichen Empfängen, sondern im Staub eines Feldzuges. Als im Süden Italiens die Sarazenen erneut vorrückten und Küsten wie Hinterland bedrohten, griff Otto II. auf das zurück, was er und Theophanu in den Jahren zuvor aufgebaut hatten: das Straßennetz des Reiches. Über die alten römischen Wege, über neu gesicherte Routen und durch Pfalzen, die nun als feste Knotenpunkte dienten, liefen die Befehle hinaus. Boten ritten Tag und Nacht. In Magdeburg, Aachen, Quedlinburg, Pöhlde und entlang des Rheins sammelten sich Männer, Pferde und Waffen. Innerhalb weniger Wochen zog ein Heer zusammen, wie es das Reich lange nicht gesehen hatte: 2100 Panzerreiter, schwer gerüstete Elite aus allen Teilen des Reiches. Sachsen, Franken, Bayern, Schwaben, Männer, die sich nicht kannten, aber über dieselben Straßen herangeführt worden waren, versorgt durch dieselben Stationen, geeint durch denselben Ruf des Kaisers. Otto führte sie selbst nach Süden. Für ihn war dieser Feldzug mehr als ein militärisches Unternehmen. Er war der Beweis seiner Kaiserrolle, der Anspruch, dass das Reich auch in Italien Ordnung schaffen konnte. Theophanu blieb zurück, doch sie wusste, dass jede Wegstation, jede vorbereitete Versorgungslinie nun ihre Wirkung entfaltete. Das Netz trug den Krieg. In Kalabrien trafen die Heere aufeinander, so berichtet es die Chronik: Der Staub brannte in meinen Augen, noch bevor das erste Schwert auftraf. Ich spürte das Zittern meines Pferdes unter mir, hörte das schwere Atmen der Panzerreiter zu meiner Rechten und Linken. Vor uns stand die Linie der Sarazenen, leicht bewaffnet, beweglich, laut. Ich hob das Schwert, und mit mir hob sich das ganze Heer. Wir stießen vor. Der Aufprall war wie das Brechen einer Mauer. Eisen traf auf Fleisch, Schilde splitterten, und unsere geschlossenen Reihen drückten sich durch die feindliche Front. Ich ritt mitten hinein, spürte den Widerstand nachgeben, hörte Schreie in einer Sprache, die mir fremd war, aber deren Angst ich verstand. Mein Arm wurde schwer vom Schlagen, mein Atem ging stoßweise, doch wir hielten die Ordnung. Reihe um Reihe brach vor uns zusammen. Im Zentrum sah ich ihn, den Emir Abu al-Qasim. Er war umringt, kämpfte mit der Verzweiflung eines Mannes, der wusste, dass dieser Augenblick über alles entschied. Ich sah, wie er fiel, getroffen, niedergerissen im Gedränge. Ein Ruf ging durch unsere Reihen, erst ungläubig, dann triumphierend. Er ist tot. Der Gedanke traf mich härter als jeder Hieb. Der Sieg schien greifbar. Banner wurden erhoben, Hörner erklangen, Männer lachten, schrien, dankten Gott. Ich ließ mein Pferd langsamer gehen, sah über das Schlachtfeld, über die fliehenden Feinde. Für einen Moment glaubte ich, das Reich hätte hier seinen Willen durchgesetzt. Dann begann die Ordnung zu zerfallen. Ich sah, wie einzelne Trupps ausscherten, erst wenige, dann immer mehr. Reiter verfolgten die Flüchtenden, jagten ihnen nach, trieben ihre Pferde bis zur Erschöpfung. Andere wandten sich dem feindlichen Lager zu. Ich hörte das Klirren von Beute, das gierige Rufen nach Gold, Waffen, Stoffen. „Haltet die Reihen!” rief ich. Meine Stimme ging im Lärm unter. Banner senkten sich, Befehle versickerten im Staub. Das Heer, das eben noch wie ein einziger Körper gekämpft hatte, zerfiel in einzelne Glieder. Dann kam der Schlag. Aus den Hügeln, aus den Wäldern, aus der Stille brachen sie hervor, frische Truppen, schnell, diszipliniert, vorbereitet. Sie stürzten sich auf unsere auseinandergezogenen Reihen, schnitten Wege ab, schlossen Kessel. Ich sah Panzerreiter fallen, sah Pferde stürzen, hörte Schreie, die kein Triumph mehr waren, sondern nackte Angst. Was eben noch Sieg gewesen war, wurde ein Gemetzel. Ich kämpfte mich durch das Chaos, spürte einen Schlag an der Schulter, einen brennenden Schmerz am Bein. Mein Pferd stolperte, fing sich wieder. Um mich herum nur noch wenige Getreue, ihre Gesichter grau vor Staub und Erschöpfung. Kein Überblick mehr, keine Ordnung, nur Überleben. Ich dachte an Theophanu. An die Straßen, die uns hierher geführt hatten. Und daran, wie leicht alles zerfallen konnte. Wir erreichten die Küste, mehr fliehend als kämpfend. Vor uns lag das Meer, und auf dem Wasser ein Schiff, byzantinisch, fremd und doch vertraut. Die Seeleute riefen etwas, erkannten mich, noch bevor ich selbst begriff, dass dies der letzte Ausweg war. Hände packten mich, zogen mich an Bord. Im selben Augenblick sah ich Verfolger am Strand auftauchen. Pfeile schlugen ins Wasser, doch das Schiff löste sich vom Ufer. Ich sank nieder, keuchend, blutend, lebend. Vom Deck aus blickte ich zurück auf das Land, das ich hatte ordnen wollen. Der Staub der Schlacht hing noch in der Luft. Ich hatte gesiegt und verloren. Etwas zu erschaffen dauert Jahrzehnte, ein Leben. Alles zu verlieren oft nur einen Moment. Genauso passierte es dann auch. Otto II. erkrankte nach seiner Flucht an Malaria und starb in Italien.
Die Niederlage erschütterte das Reich. Doch sie zerstörte nicht, was zuvor geschaffen worden war. Im Gegenteil: Sie zeigte, wie mächtig das neue Straßennetz war und wie gefährlich es werden konnte, wenn Ordnung und Disziplin verloren gingen. Das Netz hatte den Feldzug möglich gemacht. Menschliches Versagen hatte ihn scheitern lassen. Als die Nachricht Theophanu erreichte, schwieg sie lange. Dann sagte sie nur: „Die Straßen tragen Macht. Aber sie tragen auch Verantwortung.” Das Reich hatte gelernt, wie schnell es handeln konnte. Nun musste es lernen, klug mit seinen neuen Fähigkeiten umzugehen.
7. Die Netze der Macht
Der Winter liegt schwer über der Pfalz. Rauch steigt aus den Herdstellen auf, der Atem der Menschen steht sichtbar in der kalten Luft. In der großen Halle sitzt Theophanu am Tisch, die Hände ruhig gefaltet. Ihr Gesicht ist beherrscht, doch ihre Augen sind wachsam. Neben ihr steht Adelheid, ihre Schwiegermutter. Ihr Haar ist grau, ihre Haltung aufrecht, ihre Autorität unangefochten. Zwei Frauen, verbunden durch ein Kind – und durch das Reich. Otto ist noch klein. Zu klein für die Krone, die auf ihn wartet. Theophanu weiß es. Adelheid weiß es seit Jahrzehnten. „Die Männer sprechen von Schwertern und Heeren”, sagt Adelheid leise. „Doch das Reich wird durch Bindungen gehalten. Durch Häuser. Durch Frauen.” Theophanu nickt. In Konstantinopel hat sie gelernt, dass Macht nicht befohlen, sondern geknüpft wird. Aus Beziehungen, Versprechen, Gegengaben. Jetzt überträgt sie dieses Wissen auf das Reich nördlich der Alpen. Noch am selben Tag gehen die Boten hinaus. Sie schreiben nicht zuerst an Herzöge oder Grafen. Die Briefe richten sich an Äbtissinnen, Herzoginnen, Witwen mächtiger Männer. An Frauen, die Klöster führen, Besitz verwalten, Bündnisse zusammenhalten, während andere Krieg führen. An Mathilde von Quedlinburg. An Gerberga, die zwischen den Reichen vermittelt. An die Frauen der großen Herzogshäuser, deren Zustimmung selten öffentlich, aber stets wirksam ist. Adelheid wählt die Sprache der Erinnerung und der Ordnung. Sie ruft die ottonische Tradition auf, spricht von Pflicht, von Stabilität, von dem Reich, das bewahrt werden muss. Theophanu fügt eine andere Stimme hinzu. Sie schreibt von Mutterschaft, von Verantwortung, von der Verletzlichkeit eines Kindes auf dem Thron. „Nicht Otto bindet euch”, schreibt sie, „sondern die Zukunft des Reiches, das wir ihm anvertrauen.” Die Antworten treffen nach und nach ein. In Quedlinburg lässt man Messen für den jungen König lesen. In Gandersheim werden nicht nur Gebete gesprochen, sondern auch Zusagen gemacht. Eine Herzogin aus dem Süden kündigt an, ihren Sohn an den Hof zu senden, als Zeichen der Treue, nicht als Zwang. Adelheid lächelt kaum merklich. „Sie verstehen”, sagt sie. „Weil sie wissen, was geschieht, wenn wir scheitern.” Theophanu blickt zu Otto, der auf dem Boden spielt, unbeirrt von Thron und Krone. Für einen Moment spürt sie die Schwere der Verantwortung, dann richtet sie sich innerlich auf. „Dann dürfen wir keinen Zweifel lassen”, antwortet sie. „Weder an ihm noch an uns.” Im Frühjahr laden sie ein. Kein Reichstag, kein Aufmarsch der Großen. Es ist ein stilles Treffen: Frauen des Reiches, Äbtissinnen, Herzoginnen, Mütter. Gebet, Mahlzeiten, Gespräche im Kreuzgang. Hier werden Ehen vorbereitet, Vormundschaften versprochen, Klöster unter Schutz gestellt. Hier fällt kein Wort über Gegenkönige und gerade darin liegt die Entscheidung. Als die Frauen abreisen, tragen sie mehr mit sich als Geschenke. Sie tragen Verantwortung und ein stilles Einverständnis. Am Abend sitzen Theophanu und Adelheid nebeneinander. „Du formst das Reich neu”, sagt Adelheid. „Ohne es zu verletzen.” Theophanu schüttelt den Kopf. „Ich mache nur sichtbar, was immer schon trägt.” Beide blicken auf Otto, der nun schläft. Die Nachfolge ist nicht endgültig gesichert. Aber sie ist verankert – in Netzen aus Loyalität, Erinnerung und weiblicher Macht. Und diese Netze, wissen sie, halten oft stärker als jedes Heer.