Mauser-Werke
1. Vor der Nadel
Die Abendsonne fällt durch die hohen Fenster der Werkhalle. Zwischen Werkbänken, Zeichnungen und Metallspänen sitzen Paul und Wilhelm Mauser in ihrem Büro. Vor Paul liegt ein abgegriffenes Notizbuch mit einem dunkelbraunen Ledereinband. Die Seiten sind vergilbt, manche Ecken umgeknickt. Wilhelm blickt von einer technischen Zeichnung auf. „Du liest schon den ganzen Nachmittag darin. Was ist das überhaupt?” Paul streicht über den Einband. „Das Tagebuch eines alten Veteranen. Ein ehemaliger preußischer Soldat. Er schreibt nicht nur über die Kriege, sondern auch über die Männer hinter den Waffen.” Wilhelm legt seinen Bleistift beiseite. „Lies vor.” Paul schlägt eine Seite auf und beginnt zu lesen. „Als die jungen Rekruten vom Zündnadelgewehr schwärmen, muss ich oft lachen. Sie glauben, der Krieg sei schon immer so geführt worden. Schnell laden, schießen, wieder laden. Sie wissen nicht, wie es früher gewesen ist. Ich weiß es. Denn bevor ich das erste Dreyse-Gewehr erhielt, diente ich jahrelang mit einem alten Vorderlader. Ein schweres Gewehr. Lang wie eine Stange. Man musste das Pulver von vorne in den Lauf schütten, dann die Kugel hineinstopfen und alles mit dem Ladestock nach unten drücken. Anschließend wurde ein Zündhütchen aufgesetzt. Erst dann war die Waffe schussbereit. Auf dem Exerzierplatz funktionierte das ganz ordentlich. Im Krieg war es die Hölle.” Wilhelm nickt langsam. „Das ist genau das Problem, das Dreyse löste.” Paul liest weiter. „Ich erinnere mich an einen kalten Morgen während meiner Dienstzeit an der Grenze. Nebel lag über den Feldern. Unser Zug rückte vor, als plötzlich feindliches Feuer aus einem Waldstück krachte. ,Hinlegen!‘, brüllte der Feldwebel. Wir warfen uns in den Schlamm. Sofort begann das Laden. Pulverbeutel öffnen. Pulver einfüllen. Kugel einsetzen. Ladestock herausziehen. Kugel hinunterstoßen. Ladestock zurück. Zündhütchen aufsetzen. Jeder Handgriff musste sitzen.” Paul hebt kurz den Blick. „Hör dir das an. Allein das Laden dauerte eine Ewigkeit.” „Und währenddessen schoss der Gegner weiter”, sagt Wilhelm. Paul nickt und liest weiter. „Neben mir lag mein Freund Friedrich. Er war ein guter Soldat. Ruhig. Zuverlässig. Er hatte gerade das Pulver eingefüllt, als eine Kugel dicht über uns hinwegpfiff. Vor Schreck verschüttete er einen Teil seiner Ladung. ,Verdammt!‘, fluchte er. Nun musste er von vorne beginnen. Während er noch mit dem Pulver hantierte, gaben die Gegner bereits zwei weitere Salven ab. Eine Kugel traf ihn in die Schulter. Er schrie auf und blieb regungslos liegen. Er hatte nicht einmal einen einzigen Schuss abgegeben.” Im Raum wird es still. „So war das mit den alten Vorderladern”, liest Paul weiter. „Der Feind konnte mehrfach feuern, während man selbst noch mit dem Laden beschäftigt war.” Wilhelm verschränkt die Arme. „Kein Wunder, dass das Zündnadelgewehr wie eine Revolution wirkte.” Paul blättert um. „Doch das war nicht die einzige Gefahr. Einige Monate später standen wir bei einem Manöver unter strömendem Regen. Die Uniformen waren durchnässt. Die Pulverhörner ebenfalls. Als das Signal zum Feuern kam, drückte die halbe Kompanie gleichzeitig ab. Überall hörte man das dumpfe Klicken der Hähne. Nichts geschah. Feuchtes Pulver. Versager. Der Regen hatte die Ladungen verdorben.” Wilhelm schüttelt den Kopf. „Der Soldat konnte alles richtig machen und trotzdem versagte die Waffe.” „Genau deshalb suchte Dreyse nach einer besseren Lösung”, sagt Paul. Er liest weiter. „Noch schlimmer war jedoch das Laden im Stehen. Wer einen Vorderlader bedienen wollte, musste sich aufrichten. Der Ladestock musste vollständig nach unten geführt werden. Liegend war das nahezu unmöglich. Der Soldat wurde zur Zielscheibe.” Paul hält kurz inne. „Jetzt kommt die schlimmste Stelle.” Wilhelm sagt nichts. „Mein Kamerad Wilhelm lernte diese Lektion auf grausame Weise. Wir lagen hinter einem Erdwall. Der Feind beschoss unsere Stellung. Wilhelm hatte gerade geschossen. Nun musste er nachladen. Langsam erhob er sich. Der Ladestock blitzte kurz in der Sonne. Genau in diesem Augenblick krachte ein Schuss. Wilhelm fiel rückwärts. Die Kugel traf ihn mitten in die Brust. Der Sanitäter konnte nichts mehr für ihn tun. Später sagte unser Leutnant, Wilhelm wäre gestorben, weil sein Gewehr ihn zum Aufstehen zwang.” Die Petroleumlampe knistert leise. Draußen stampft eine Maschine in der Werkhalle. „Das ist ein harter Satz”, sagt Wilhelm schließlich. Paul nickt. „Aber genau deshalb veränderte Dreyse alles.” Er liest die letzten Zeilen vor. „Jeder Schuss verlangte Zeit. Jede Bewegung machte sichtbar. Jeder Fehler konnte tödlich sein. Manchmal versagten sogar die Zündhütchen. Der Hahn fiel. Nichts geschah. Der Schütze musste erneut spannen. Wieder versuchen. Währenddessen flog bereits die nächste feindliche Salve heran. Viele Männer starben mit ungeladenem Gewehr in den Händen.” Paul schließt das Tagebuch. Eine Weile schweigen die Brüder. Schließlich steht Wilhelm auf und geht zum Fenster. „Jetzt verstehe ich noch besser, warum das Zündnadelgewehr die Welt veränderte.” Paul nickt. „Dreyse gab dem Soldaten etwas, das vorher kaum existierte: Zeit.” „Und Schutz.” „Und Beweglichkeit.” Wilhelm blickt hinaus auf die Werkhallen. „Aber auch das Zündnadelgewehr ist nicht das Ende.” Paul lächelt. „Nein. Es ist der Anfang.” Auf dem Tisch liegen das Tagebuch des Veteranen, technische Zeichnungen und die ersten Entwürfe für neue Gewehre. Die Brüder wissen, dass jede Generation auf den Ideen der vorherigen aufbaut. Der Veteran beschrieb die Probleme des alten Krieges. Dreyse fand eine Antwort darauf. Und nun suchen Paul und Wilhelm Mauser nach der nächsten Antwort. Die Abendsonne taucht die Werkhalle in goldenes Licht, während draußen die Maschinen weiterarbeiten und die Zukunft Gestalt annimmt.
2. Auf den Schultern eines Erfinders
Der Wind pfeift um die Fenster der kleinen Werkstatt. Draußen liegt Schnee auf den Dächern von Oberndorf, doch drinnen brennt eine Petroleumlampe über dem Arbeitstisch. Zwischen Zeichnungen, Metallteilen und Werkzeugen sitzen Paul und Wilhelm Mauser. Vor ihnen liegt ein frisch gebundenes Buch über Johann Nikolaus Dreyse. Paul schlägt eine Seite auf und liest laut vor. „Als die ersten Zündnadelgewehre die preußischen Arsenale erreichten, sprachen viele Offiziere nur über das Gewehr. Sie bewunderten den Verschluss, die Feuergeschwindigkeit und die Möglichkeit, im Liegen zu laden. Doch nur wenige dachten an den Mann, der all dies möglich gemacht hatte.” Wilhelm nickt. „Das ist oft so. Die Menschen sehen die Waffe, aber nicht den Erfinder.” „Genau”, sagt Paul. „Und deshalb sollten wir verstehen, wer Dreyse wirklich war.” Er blättert weiter. „Dreyse wurde 1787 in Sömmerda geboren. Schon als junger Mann interessierte er sich für Mechanik und Waffenbau. Während andere ihr ganzes Leben in ihrer Heimat blieben, zog es ihn hinaus in die Welt.” Wilhelm lehnt sich zurück. „Das war ungewöhnlich für seine Zeit.” „Und mutig”, ergänzt Paul. „Er wollte lernen. Er wollte sehen, was andere Länder besser machten.” Er liest weiter. „Sein Weg führte ihn nach Paris. Dort arbeitete er in der Werkstatt des berühmten Jean Samuel Pauly.” Wilhelm lächelt. „Da begann die eigentliche Geschichte.” Paul nickt. „Ja. Dort lernte er etwas, das Europa verändern sollte.” Die Brüder betrachten einen Moment schweigend die Zeichnungen auf dem Tisch. „Stell dir Paris vor”, sagt Paul. „Überall neue Ideen. Neue Maschinen. Neue Verfahren. Und mitten darin ein junger Deutscher, der alles beobachtete.” „Und der klug genug war, daraus zu lernen”, sagt Wilhelm. Paul fährt fort. „Pauly experimentierte mit Patronen, die Geschoss, Pulver und Zündung in einer einzigen Einheit vereinten. Während andere Büchsenmacher noch an den alten Vorderladern festhielten, dachte er bereits an die Waffen der Zukunft.” „Das ist es”, sagt Wilhelm plötzlich. „Was?” „Die eigentliche Leistung Dreyses.” Paul blickt auf. „Nicht das Gewehr?” „Nein. Die Idee, mehrere Dinge zu einem System zu verbinden.” Paul lächelt. „Das schreibt der Autor später auch.” Er schlägt einige Seiten weiter auf. „Dreyse kehrte in die deutschen Länder zurück. Er brachte kein Gold mit, sondern Wissen. In Sömmerda begann er zu experimentieren. Jahre vergingen. Entwürfe wurden verworfen. Verschlüsse versagten. Doch er gab nicht auf.” Wilhelm muss lachen. „Das klingt verdächtig vertraut.” „Allerdings.” Beide denken an ihre eigenen Fehlschläge. An gebrochene Federn. An verschlissene Verschlüsse. An Nächte voller Arbeit. Paul liest weiter. „Seine größte Leistung war die Verbindung von Geschoss, Pulver und Zündung zu einer einzigen Papierpatrone.” Wilhelm greift nach einer Metallpatrone, die auf dem Tisch liegt. „Und genau dort liegt auch die Schwäche.” Paul sieht ihn aufmerksam an. „Du meinst die Papierpatrone?” „Natürlich. Sie war ein gewaltiger Fortschritt. Aber sie ist nicht das Ende der Entwicklung.” Paul nickt langsam. „Die Nadel bricht. Die Abdichtung ist unvollkommen. Die Gase entweichen. Die Patrone ist empfindlich gegen Feuchtigkeit.” „Genau.” Wilhelm hält die Metallpatrone ins Licht. „Dreyse zeigte den Weg. Aber wir müssen ihn weitergehen.” Paul steht auf und tritt zum Fenster. Draußen ragen die Fabrikschornsteine in den Winterhimmel. „Weißt du, was mich an Dreyse am meisten beeindruckt?” „Seine Erfindung?” „Nein.” Wilhelm sieht überrascht auf. „Was dann?” „Seine Fabrik.” Paul deutet auf die Werkhallen draußen. „Er baute nicht nur ein Gewehr. Er schuf eine Industrie.” Er schlägt das Buch erneut auf. „Hier steht, wie in Sömmerda Werkhallen entstanden. Maschinen wurden aufgestellt. Arbeiter ausgebildet. Aus einer kleinen Stadt wurde ein Zentrum moderner Waffenfertigung.” Wilhelm blickt hinaus. „So wie hier.” Paul nickt. „Ja. Genau wie hier.” Eine Weile schweigen die Brüder. Man hört das Stampfen einer Maschine aus der benachbarten Halle. „Dreyse zeigte, dass ein Erfinder mehr sein muss als ein Tüftler”, sagt Wilhelm schließlich. „Er muss auch Unternehmer sein.” „Und Lehrer”, ergänzt Paul. „Und Organisator.” „Und Visionär.” Paul nickt. „Seine Fabrik stellte Jahr für Jahr rund 12.000 Zündnadelgewehre für die preußische Armee her. Bis Mitte der 1870er Jahre produzierte die Dreysesche Fabrik insgesamt etwa eine halbe Million Gewehre. Was für eine Leistung.” Paul schlägt die letzten Seiten des Buches auf. „Hier steht, dass das Zündnadelgewehr den preußischen Truppen in den Einigungskriegen einen entscheidenden Vorteil verschaffte.” Wilhelm nickt. „Das stimmt. Aber heute haben andere Nationen aufgeholt.” „Eben deshalb müssen wir weiterdenken.” Paul legt das Buch beiseite. „Dreyse schuf den Hinterlader. Er schuf die Einheitsmunition. Er befreite den Soldaten vom Ladestock.” „Und wir?” Paul nimmt die Zeichnung ihres neuen Gewehrs in die Hand. „Wir werden die Papierpatrone durch Metall ersetzen.” „Wir werden den Verschluss stärker machen.” „Wir werden die Abdichtung verbessern.” „Wir werden die Reichweite erhöhen.” „Wir werden die Zuverlässigkeit steigern.” Wilhelm betrachtet die Zeichnung lange. Dann lächelt er. „Dann bauen wir nicht gegen Dreyse.” „Nein”, sagt Paul. „Wir bauen auf ihm auf.” Die Petroleumlampe flackert. Auf dem Tisch liegen nebeneinander das Buch über den Mann aus Sömmerda und die Entwürfe für ein neues Gewehr. Der eine eröffnete den Weg. Die anderen gehen ihn weiter. Und so verbindet eine unsichtbare Linie die Werkstätten von Paris, die Fabriken von Sömmerda und die Hallen von Oberndorf. Nicht durch Stahl. Nicht durch Pulver. Sondern durch Ideen.
3. Der Bericht aus Frankreich
Die Sonne scheint über Oberndorf am Neckar. Auf den Wiesen entlang des Flusses blühen die ersten Sommerblumen, und aus den Werkstätten dringt das gleichmäßige Summen der Maschinen. Paul Mauser verlässt gerade seine Werkstatt, als ein Offizier der württembergischen Armee über den Hof auf ihn zukommt. Die Uniform sitzt tadellos, doch Staub und Schmutz an den Stiefeln verraten eine längere Reise. Paul erkennt den Mann sofort. Es ist Hauptmann Friedrich von Seckendorff, der bereits mehrfach neue Waffen begutachtet hat. Der Offizier bleibt stehen und blickt über die Werkhallen. „Herr Mauser, jedes Mal, wenn ich hierherkomme, scheint die Werkstatt größer geworden zu sein.” Paul lächelt. „Vielleicht liegt das daran, dass die Zukunft größer wird.” Der Hauptmann nickt nachdenklich. „Genau darüber möchte ich mit Ihnen sprechen.” Gemeinsam gehen sie langsam über den Hof. Das warme Sonnenlicht fällt auf die Backsteinmauern der Werkstätten. Aus einem geöffneten Fenster dringt das rhythmische Klacken einer Werkzeugmaschine. „Sie entwickeln neue Gewehre”, sagt der Offizier. „Das versuchen wir.” „Dann sollten Sie hören, was wir in Frankreich gelernt haben.” Paul bleibt stehen. „Sie kämpften im Krieg?” „Von den ersten Tagen bis zum Waffenstillstand.” Der Hauptmann öffnet seine Ledertasche und zieht ein abgegriffenes Heft hervor. „Mein Bericht für das Kriegsministerium.” Paul nimmt das Heft entgegen. „Und was steht darin?” Der Offizier blickt einen Moment in die Ferne. „Dass der Krieg sich verändert.” Langsam gehen sie weiter. „Bei Königgrätz überraschte das Zündnadelgewehr die Welt. Unsere Soldaten schossen schneller als ihre Gegner. Sie luden und feuerten im Liegen. Die österreichischen Kolonnen gerieten unter ein Feuer, das sie nicht erwartet hatten.” Paul nickt. „Doch in Frankreich war es anders?” „Ganz anders.” Der Hauptmann deutet auf eine Bank im Schatten einer Kastanie. Beide setzen sich. „Die Franzosen besaßen das Chassepot-Gewehr. Es schoss weiter als das Zündnadelgewehr. Es war präziser. Seine Abdichtung war besser.” Paul hört aufmerksam zu. „Auf manchen Schlachtfeldern gerieten unsere Truppen bereits unter Feuer, bevor sie selbst wirksam antworten konnten.” „Das überraschte viele?” „Mehr als das. Manche Einheiten glaubten zunächst, sie würden von Artillerie beschossen.” Der Offizier öffnet sein Heft. „Hier. Die Gefechte bei Spichern und Gravelotte. Immer wieder dieselbe Beobachtung. Der französische Schütze kämpfte auf größere Entfernung. Unsere Soldaten mussten näher heranrücken, bevor ihr eigenes Feuer die gleiche Wirkung erzielte.” Paul denkt einen Augenblick nach. „Dann braucht die Zukunft eine größere Reichweite.” „Nicht nur das.” Der Hauptmann blättert weiter. „Die Soldaten berichteten von einem zweiten Problem. Nach längerem Schießen erhitzte sich der Verschluss. Pulvergase entwichen nach hinten. Die Zündnadeln verschlissen. Manche brachen sogar.” Paul nickt langsam. Diese Schwächen kennt er. „Und die Papierpatrone?” Der Offizier lacht trocken. „Sie war ein Meisterwerk ihrer Zeit. Aber ihre Zeit geht zu Ende.” „Weshalb?” „Feuchtigkeit. Schmutz. Beschädigungen. Jeder Marsch, jeder Regenschauer, jede Nacht im Feld verursachte Probleme.” Er schlägt eine weitere Seite auf. „Hier schrieb ein Leutnant, dass ein Munitionswagen bei starkem Regen in Schwierigkeiten geraten war. Ein Teil der Patronen wurde unbrauchbar. Mit Metallpatronen geschieht das kaum.” Paul schweigt. Der Wind bewegt die Blätter über ihren Köpfen. „Also braucht die Zukunft eine neue Patrone.” „Ja.” „Und einen besseren Verschluss.” „Ja.” „Und größere Reichweite.” „Ja.” Der Hauptmann lächelt. „Sie verstehen sehr schnell, Herr Mauser.” Paul blickt zu den Werkhallen. „Was noch?” Der Offizier wird ernst. „Die Art zu kämpfen verändert sich.” „Inwiefern?” „Früher marschierten Kolonnen dicht geschlossen über das Schlachtfeld. Heute bedeutet das den sicheren Tod.” Paul runzelt die Stirn. „Wegen der höheren Feuergeschwindigkeit?” „Und wegen der größeren Reichweite.” Der Hauptmann zeichnet mit seinem Stock Linien in den Sand. „Die Soldaten kämpften damals in lockeren Reihen. Sie nutzten jede Mulde, jeden Graben, jede Mauer. Einzelne Schützen gewannen an Bedeutung. Deckung wurde wichtiger als Paradeformationen.” Paul beobachtet die Linien. „Dann muss das Gewehr dem einzelnen Soldaten mehr Möglichkeiten geben.” „Genau.” Der Hauptmann blättert erneut in seinem Bericht. „Unsere Offiziere fordern eine Waffe, die schneller lädt, weiter schießt, präziser trifft und unter allen Bedingungen funktioniert.” „Das fordert jeder Offizier.” „Nein”, erwidert der Hauptmann. „Heute ist es keine Wunschliste mehr. Es ist eine Notwendigkeit.” Die Worte bleiben zwischen ihnen stehen.
4. Der Schuss, der alles verändert
Der Schießplatz vor den Toren Berlins ist ein weites Feld. Ein leichter Wind bewegt die Fahnen an den Beobachtungsständen. Offiziere, Generäle, Ingenieure und Beamte des preußischen Kriegsministeriums haben sich versammelt. Vor ihnen stehen lange Tische, auf denen die Gewehre der verschiedenen Bewerber ausgebreitet sind. Die Entscheidung, die heute vorbereitet wird, könnte die Bewaffnung des deutschen Heeres für Jahrzehnte bestimmen. Unter den Anwesenden stehen auch Wilhelm und Paul Mauser. Erst vor wenigen Jahren waren sie aus Lüttich zurückgekehrt. In den belgischen Waffenfabriken hatten sie moderne Fertigungsmethoden studiert und wertvolle Erfahrungen gesammelt. Nun stehen sie zwischen den größten Waffenherstellern Europas. Wilhelm betrachtet die Reihe der Konkurrenten. „Das sind mehr Gewehre, als ich erwartet habe.” Paul nickt. „Und einige davon gelten als ausgezeichnet.” Neben ihnen bleibt ein preußischer Oberst stehen. „Meine Herren Mauser, heute wird sich zeigen, was Ihre Konstruktion wirklich kann.” Wilhelm lächelt. „Genau deshalb sind wir hier.” Der Oberst blickt auf die Schützenlinie. „Die Prüfungen werden streng sein.” „Wie streng?” „Präzision. Zuverlässigkeit. Geschwindigkeit. Haltbarkeit. Jedes Gewehr wird bis an seine Grenzen belastet.” Paul nickt zufrieden. „Das sollte eine Waffe aushalten.” Die ersten Schützen treten an. Ein französisches System wird geprüft. Auf zweihundert Schritt Entfernung erscheinen die ersten Zielscheiben. „Feuer!” Die Schüsse hallen über den Platz. Offiziere beobachten die Einschläge mit Fernrohren. „Ordentliche Trefferlage”, bemerkt ein General. „Nicht schlecht”, sagt ein anderer. Nach mehreren Serien werden die Waffen zerlegt und untersucht. Danach folgt ein englisches Gewehr. Dann ein österreichisches. Dann mehrere deutsche Konstruktionen. Die Stunden vergehen. Die Sonne steigt höher. Immer wieder diskutieren die Fachleute. „Der Verschluss läuft zu schwer.” „Das Nachladen dauert zu lange.” „Die Visierung ist unübersichtlich.” „Das System verschmutzt zu schnell.” Paul hört aufmerksam zu. Jeder Kommentar könnte entscheidend sein. Am Nachmittag wird eine Belastungsprüfung durchgeführt. Ein Hauptmann erklärt den Ablauf. „Jedes Gewehr muss fünfzig Schuss in schneller Folge abgeben.” Ein Murmeln geht durch die Reihen. Nun zeigt sich, welche Konstruktionen wirklich zuverlässig sind. Die ersten Systeme bestehen die Prüfung. Dann wird ein weiteres Konkurrenzmodell geladen. Der Schütze feuert. Zehn Schuss. Zwanzig. Dreißig. Vierzig. Fünfzig. Plötzlich zerreißt ein gewaltiger Knall die Luft. Metallteile fliegen durch die Gegend. Der Schütze stürzt rückwärts. Mehrere Offiziere springen auf. „Sanitäter!” Helfer eilen herbei. Für einen Moment herrscht völlige Stille. Ein General nimmt seinen Helm ab. „Mein Gott.” Der Verschluss ist gebrochen. Pulvergase sind nach hinten entwichen. Der Schütze trägt schwere Verletzungen im Gesicht davon. Die Anwesenden betrachten schweigend die Überreste der Waffe. Das zerstörte Gewehr wird vom Tisch entfernt. Die Prüfung geht weiter. Nun wird es still auf dem Platz. Das letzte Gewehr wartet auf seinen Einsatz. Paul blickt zu Wilhelm. Wilhelm blickt zu Paul. Der Vorsitzende der Kommission hebt die Hand. „Gewehr der Herren Mauser aus Oberndorf.” Die Brüder treten nach vorn. Ein Schütze übernimmt die Waffe. Die ersten Schüsse fallen. Treffer um Treffer erscheint dicht beieinander auf der Zielscheibe. Ein General hebt sein Fernglas. „Bemerkenswert.” Ein anderer nickt. „Außergewöhnlich bemerkenswert.” Die Entfernung wird vergrößert. Weitere Schüsse. Weitere Treffer. Nun folgt die Belastungsprüfung. Zehn Schuss. Zwanzig. Dreißig. Vierzig. Fünfzig. Der Verschluss gleitet weiterhin sauber und sicher. Keine Störung. Kein Klemmen. Kein Versagen. Nach der letzten Patrone untersucht die Kommission die Waffe. Ein Waffenmeister betrachtet den Verschluss. „Kaum Verschleiß.” Ein anderer Offizier prüft die Mechanik. „Die Verriegelung ist hervorragend.” Ein General, der zuvor britische Waffen getestet hat, sagt: „Dieses System wirkt robuster als die meisten englischen Konstruktionen.” Ein weiterer Offizier ergänzt: „Und präziser als viele französische Gewehre.” Die Diskussion dauert bis in den Abend. Die Sonne steht bereits tief über dem Schießplatz. Schließlich tritt der Vorsitzende der Kommission vor die versammelten Teilnehmer. „Meine Herren.” Sofort wird es still. „Die Kommission hat ihre Entscheidung getroffen.” Paul spürt sein Herz schneller schlagen. Wilhelm hält die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Das Gewehr der Brüder Mauser erfüllt die Anforderungen des deutschen Heeres in hervorragender Weise.” Ein Raunen geht durch die Menge. Der Vorsitzende fährt fort: „Es wird als deutsches Infanteriegewehr M 71 eingeführt.” Für einen Moment können die Brüder kaum glauben, was sie hören. Dann reicht ihnen ein General die Hand. „Herzlichen Glückwunsch, meine Herren.” Wilhelm lächelt zum ersten Mal an diesem Tag. Paul blickt über den Schießplatz. Die Jahre der Arbeit haben sich ausgezahlt. Wenig später erhalten die Brüder vom preußischen Staat eine erste Abfindung von achttausend Talern für ihre Entwicklung. An einem sonnigen Frühlingstag des folgenden Jahres stehen sie auf einem Grundstück in Oberndorf. Vor ihnen liegt eine Wiese. Hinter ihnen erhebt sich die Stadt. Wilhelm blickt über das Gelände. „Hier wird sie stehen.” „Die Fabrik.” „Unsere Fabrik.” Paul nickt. Mit den Einnahmen aus einem neu entwickelten Visier für das M 71 erwerben sie Maschinen. Werkhallen entstehen. Neue Drehbänke werden aufgestellt. Immer mehr Arbeiter finden Beschäftigung. Die Firma „Gebrüder W. & P. Mauser” wird gegründet. Schon bald folgt der nächste Erfolg. Das Königreich Württemberg bestellt nahezu einhunderttausend Gewehre. Die Werkhallen arbeiten Tag und Nacht. Aus den Einnahmen dieses gewaltigen Auftrags wächst das Unternehmen weiter. Schließlich stehen die Brüder erneut vor einer bedeutenden Entscheidung. Die königliche Gewehrfabrik in Oberndorf steht zum Verkauf. Wilhelm betrachtet die Unterlagen. „Zweihunderttausend Gulden.” Paul schaut auf die vertrauten Gebäude. Hier hatten sie gelernt. Hier hatten sie gearbeitet. Hier hatten ihre Träume begonnen. Langsam lächelt er. „Dann kaufen wir sie.” Die Abendsonne taucht Oberndorf in goldenes Licht. Aus den Werkhallen dringt das Hämmern der Maschinen. Wo einst zwei junge Konstrukteure von besseren Gewehren träumten, entsteht nun eines der bedeutendsten Industrieunternehmen Deutschlands unter ihrer Leitung.
5. Die Frage der Zukunft
Die Sonne scheint über Berlin. Vor dem Kriegsministerium rollen Kutschen durch die breiten Straßen. Im Sitzungssaal herrscht jedoch eine angespannte Stimmung. Auf dem langen Tisch liegen französische Zeitungen. An den Wänden hängen Karten Europas. Kriegsminister Albrecht von Roon sitzt am Kopfende des Tisches. Neben ihm befindet sich Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke. Weitere hohe Offiziere sind anwesend, darunter Leonhard von Blumenthal, August Karl von Goeben und Edwin von Manteuffel. Von Roon schlägt mit der Hand auf eine Zeitung. „Schon wieder Boulanger.” Moltke nimmt das Blatt zur Hand. „Die Franzosen vergessen ihre Niederlage nicht.” Von Goeben schüttelt den Kopf. „Und dieser Mann sorgt dafür, dass sie sie niemals vergessen.” Manteuffel blickt aus dem Fenster. „In Paris jubeln sie ihm zu.” Blumenthal deutet auf einen markierten Absatz. „Lesen Sie.” Moltke liest laut vor: „Frankreich wird seine verlorenen Provinzen zurückfordern. Der Tag der Vergeltung wird kommen. Die Fahne Frankreichs wird wieder über Straßburg wehen. Unsere Ehre verlangt Rache.” Im Raum wird es still. Von Roon legt die Zeitung beiseite. „Genau deshalb sitzen wir heute hier.” „Sie erwarten einen neuen Krieg?”, fragt ein Oberst. Moltke antwortet ruhig. „Ich hoffe nicht. Aber ich bereite mich darauf vor.” Zustimmendes Nicken. Von Roon deutet auf mehrere Gewehre, die auf dem Tisch liegen. „Wenn Frankreich aufrüstet, müssen wir es ebenfalls tun.” „Das Infanteriegewehr M 71 hat sich bewährt”, sagt Blumenthal. „Ja”, antwortet Moltke. „Aber die Feuerkraft entscheidet zunehmend über den Ausgang einer Schlacht.” Von Goeben nickt. „Der Soldat verliert wertvolle Sekunden, wenn er nach jedem Schuss eine Patrone aus der Tasche holen muss.” „Deshalb benötigen wir ein Repetiergewehr”, ergänzt Manteuffel. Von Roon blickt in die Runde. „Eine Verringerung des Kalibers kommt vorerst nicht in Frage.” Ein Hauptmann schaut überrascht auf. „Warum nicht?” „Weil wir Millionen Patronen lagern”, antwortet der Kriegsminister. Moltke ergänzt: „Eine Umstellung der Munitionsfabriken würde Jahre dauern. Die politische Lage gibt uns diese Zeit möglicherweise nicht.” „Also nutzen wir die vorhandenen Bestände.” „Genau.” Von Roon steht auf. „Wir suchen eine Lösung, die sofort eingeführt werden kann.” Einige Wochen später scheint die Sonne über dem Schießplatz von Spandau. Vertreter der Gewehr Prüfungskommission beobachten neue Entwicklungen aus ganz Europa. Zwischen den Schützenständen stehen wieder Paul und Wilhelm Mauser. Ein Prüfoffizier zeigt auf mehrere ausgestellte Waffen. „Das Schweizer Vetterligewehr.” „Ein bewährtes System”, sagt ein Major. „Und dort die österreichischen Konstruktionen von Fruwirth und Kropatschek.” Paul betrachtet aufmerksam die verschiedenen Modelle. Wilhelm verschränkt die Arme. „Europa bewegt sich schnell.” „Zu schnell für manche.” Ein Oberst der Kommission tritt hinzu. „Herr Mauser, Ihre ersten Magazinvorschläge haben wir gründlich geprüft.” Paul lächelt. „Und verworfen.” „Leider ja.” Wilhelm hebt eine Augenbraue. „Die Kastenmagazine waren zu groß?” „Sie störten beim Tragen.” „Und verschmutzten zu leicht”, ergänzt ein Hauptmann. Ein anderer Offizier nickt. „Außerdem kam es zu Störungen.” Paul seufzt. „Die Patronen klemmten.” „Genau.” Trotzdem gibt er nicht auf. Monatelang entstehen neue Entwürfe. Zeichnungen bedecken die Tische in Oberndorf. Verschlüsse werden verändert. Magazine verbessert. Federn neu konstruiert. Eines Tages betritt Wilhelm die Werkstatt. „Ich glaube, wir suchen an der falschen Stelle.” Paul blickt auf. „Wieso?” „Vielleicht gehört das Magazin nicht unter das Gewehr.” Paul schweigt. Dann wandert sein Blick zu einer älteren Konstruktion. Dem Repetiergewehr mit Röhrenmagazin im Vorderschaft. Langsam beginnt er zu lächeln. „Vielleicht hast du recht.” Im Herbst 1881 scheint die Sonne über die Landesgewerbeausstellung in Stuttgart. Menschen drängen sich zwischen Maschinen und technischen Neuheiten. Vor dem Stand der Gebrüder Mauser bleibt plötzlich eine kleine Gruppe stehen. In ihrer Mitte befindet sich Kaiser Wilhelm I. Der Monarch betrachtet das ausgestellte Gewehr aufmerksam. „Das ist also das neue Repetiergewehr?” Paul verbeugt sich. „Ja, Majestät.” Der Kaiser nimmt die Waffe in die Hand. „Wo befindet sich das Magazin?” Paul erklärt die Konstruktion. Wilhelm ergänzt technische Einzelheiten. Der Kaiser hört aufmerksam zu. Schließlich nickt er. „Interessant.” Moltke, der den Kaiser begleitet, tritt näher. „Sehr interessant.” Der alte Kaiser lächelt. „Dieses Gewehr sollte von der Armee geprüft werden.” Kurz darauf beginnen umfangreiche Truppenversuche in Darmstadt, Königsberg und Spandau. Zweitausend Soldaten testen die neuen Waffen. Im Sommer. Im Regen. Im Schnee. Sie marschieren mit ihnen. Schießen mit ihnen. Reinigen sie. Zerlegen sie. Monate später treffen sich die Generäle erneut in Berlin. Von Roon schlägt den Abschlussbericht auf. „Die Ergebnisse sind überzeugend.” Moltke nickt. „Die Feuergeschwindigkeit ist deutlich höher.” Von Goeben ergänzt: „Der Schütze bleibt jederzeit feuerbereit.” „Genau das brauchen wir.” Blumenthal betrachtet die technischen Zeichnungen. „Einige Änderungen sind notwendig.” Paul nickt. „Welche?” „Das Magazin wird von neun auf acht Patronen reduziert.” „Einverstanden.” „Außerdem verkürzen wir Lauf und Schaft.” Paul lächelt. „Das verbessert die Balance.” „Und reduziert das Gewicht.” Schließlich erhebt sich Moltke. Alle verstummen. „Meine Herren.” Sein Blick wandert durch den Raum. „Frankreich rüstet auf.” Die Generäle nicken. „Unsere Antwort darf nicht allein in größeren Armeen bestehen.” Er legt die Hand auf das neue Mausergewehr. „Sie muss auch in besseren Waffen bestehen.” Von Roon lächelt. „Dann sind wir uns einig.” Die Sonne fällt durch die Fenster des Ministeriums auf die Zeichnungen des neuen Gewehrs. In Oberndorf beginnen bereits die Vorbereitungen für die Serienfertigung. Weitere Aufträge aus Preußen folgen. Bald kommen Bestellungen aus China (26.000). Dann aus Serbien (120.000). Neue Werkhallen entstehen. Neue Maschinen werden aufgestellt. Während Europa über den nächsten Krieg spricht, wächst am Neckar eine Fabrik, deren Name bald auf der ganzen Welt bekannt sein wird: Mauser.
6. Mehr als eine gute Idee
Die Frühlingssonne scheint über den Neckar. Die Obstbäume rund um Oberndorf stehen in voller Blüte, doch in den Büros der Waffenfabrik herrscht keine heitere Stimmung. Paul Mauser steht am Fenster seines Arbeitszimmers und blickt auf die Werkhallen. Die Maschinen laufen. Die Arbeiter verrichten ihre Arbeit. Dennoch spürt jeder im Unternehmen die Unsicherheit der vergangenen Jahre. Die erhofften Aufträge aus Preußen sind ausgeblieben. Die Entwicklung neuer Gewehre kostet Geld. Die Konkurrenz aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Amerika wächst. Immer häufiger beschäftigen sich die Direktoren mit Zahlen und Krediten statt mit Konstruktionen und Fertigungsplänen. An diesem Morgen betritt Alfred Kaulla das Büro. „Die Lage wird schwieriger.” Paul dreht sich um. „Das sagen Sie seit Monaten.” „Und leider habe ich jedes Mal recht.” Kaulla legt mehrere Schriftstücke auf den Tisch. „Die Bank verlangt Sicherheiten. Neue Maschinen können wir sonst nicht finanzieren.” Paul blickt auf die Unterlagen. „Wir haben die besseren Gewehre.” „Das genügt leider nicht.” Paul seufzt. „Sie sprechen inzwischen wie ein Kaufmann.” „Jemand muss das tun.” Für einen Moment schweigen beide. Dann öffnet sich die Tür erneut. Ein Angestellter tritt ein. „Herr Direktor, eine Nachricht aus Berlin.” Kaulla nimmt den Brief entgegen und überfliegt die ersten Zeilen. Plötzlich verändert sich sein Gesichtsausdruck. „Das ist interessant.” Paul tritt näher. „Worum geht es?” „Zunächst nur um ein Gerücht.” „Welche Art von Gerücht?” Kaulla blickt auf. „Das Osmanische Reich sucht ein neues Repetiergewehr.” Paul runzelt die Stirn. „Das tun viele Staaten.” „Diesmal soll es sich um einen außergewöhnlich großen Auftrag handeln.” Paul schweigt. „Wie groß?” Kaulla antwortet nicht sofort. „Man spricht von mehreren hunderttausend Gewehren.” Paul lacht ungläubig. „Das kann niemand bezahlen.” „Konstantinopel offenbar schon.” Die Nachricht verbreitet sich schnell durch die Fabrik. In den folgenden Wochen wird überall darüber gesprochen. In den Werkhallen. In den Büros. In den Gasthäusern von Oberndorf. Manche halten das Gerücht für Unsinn. Andere hoffen. Paul bleibt vorsichtig. Er hat in seinem Leben zu viele Versprechungen gehört. Wenige Wochen später reist er nach Berlin. Dort trifft er Ludwig Löwe. Die Sonne scheint über die Dächer der Hauptstadt. Fabrikschlote ragen in den blauen Himmel. Überall wird gebaut. Als Paul das Büro betritt, wartet Löwe bereits auf ihn. „Sie haben von Konstantinopel gehört?” „Natürlich.” „Es ist mehr als ein Gerücht.” Paul setzt sich. „Wie ernst ist die Sache?” „Sehr ernst.” Löwe öffnet eine Mappe. „Die türkische Armee will modernisieren.” „Und wir sollen liefern?” „Wenn wir den Auftrag gewinnen.” Paul nickt langsam. „Die Konkurrenz dürfte gewaltig sein.” „Das ist sie.” Löwe zählt an den Fingern ab. „Britische Hersteller. Französische Hersteller. Amerikanische Hersteller.” „Und Mauser.” „Und Mauser.” Paul lehnt sich zurück. „Warum sollten die Türken ausgerechnet uns wählen?” Löwe lächelt. „Weil wir Freunde haben.” „Freunde?” „Einen preußischen General.” Paul versteht sofort. „Von der Goltz.” „Genau.” Der Name besitzt Gewicht. Der General berät den türkischen Generalstab und unterrichtet an den Militärschulen in Konstantinopel. „Er kennt unsere Systeme”, sagt Paul. „Und er hält große Stücke auf sie.” „Das allein entscheidet keinen Auftrag.” „Nein”, antwortet Löwe. „Aber seine Stimme wird gehört. Während andere Hersteller ihre Vertreter schicken, spricht von der Goltz mit Offizieren, Generälen und Ministern. Er erklärt, warum moderne Repetiergewehre für die Zukunft der osmanischen Armee wichtig sind. Er kennt die Schwächen vieler Konkurrenten und weiß, was unsere Systeme leisten können.” Paul blickt aus dem Fenster. Irgendwo zwischen Berlin und Konstantinopel wird in diesen Wochen über die Zukunft der Waffenfabrik entschieden werden. „Wann fällt die Entscheidung?” „Bald.” Die folgenden Monate ziehen sich endlos hin. Dann kommt die Nachricht. An einem sonnigen Morgen erreicht ein Telegramm Oberndorf. Die Fabrik erhält den Auftrag. Fünfhunderttausend Repetiergewehre. Fünfzigtausend Kavalleriekarabiner. Die Nachricht verbreitet sich innerhalb weniger Stunden. Arbeiter verlassen ihre Maschinen. Meister strömen aus den Werkhallen. Überall wird gerechnet, diskutiert und gefeiert. Am Abend sitzt Paul erneut mit Ludwig Löwe zusammen. Diesmal liegt eine andere Stimmung im Raum. „Wir haben gewonnen”, sagt Paul. „Ja.” „Das ist mehr, als ich jemals erwartet habe.” Löwe nickt. „Und jetzt beginnen die eigentlichen Schwierigkeiten.” Paul schaut ihn überrascht an. „Schwierigkeiten?” „Natürlich.” Löwe legt mehrere Pläne auf den Tisch. „Wie viele Gewehre kann Oberndorf derzeit pro Jahr fertigen?” Paul nennt eine Zahl. Löwe schüttelt den Kopf. „Das reicht nicht einmal annähernd.” Paul betrachtet die Zeichnungen. Neue Werkhallen. Neue Maschinen. Neue Lagerhäuser. Neue Produktionslinien. „Sie wollen die Fabrik ausbauen?” „Wir müssen.” „Das wird ein Vermögen kosten.” „Ja.” Paul blickt ihn aufmerksam an. „Und wer bezahlt das?” Löwe lächelt. „Deshalb sitze ich hier.” Nun versteht Paul. Der Auftrag allein genügt nicht. Die Gewehre müssen auch gebaut werden. „Für einen Auftrag dieser Größe brauchen wir eine völlig neue Fabrik”, sagt Löwe. Paul nickt. „Aber dafür fehlt uns das Kapital.” Löwe lächelt. „Deshalb gründen wir die Ludwig Loewe & Co. AG als Mehrheitseigentümer der Mauserwerke.” Paul blickt auf. „Sie kaufen die Mehrheit der Aktien der Mauserwerke?” „Ja. Für zwei Millionen Reichsmark. Dieses Geld fließt nicht in unsere Taschen, sondern in das Unternehmen.” „In neue Werkhallen?” „In neue Werkhallen, moderne Werkzeugmaschinen, zusätzliche Fertigungslinien und den Ausbau der gesamten Produktion. Nur so können wir den türkischen Auftrag erfüllen. Machen sie sich keine Sorgen, deshalb ist es ja eine AG, Sie bekommen einen Teil der Aktien und Stimmrechte. ”Paul betrachtet die Baupläne. „Aus einer erfolgreichen Fabrik wird ein industrieller Großbetrieb.” „Genau”, antwortet Löwe. „Ohne Kapital keine neuen Maschinen. Ohne neue Maschinen keine Gewehre. Und ohne Gewehre kein internationales Unternehmen.” „Also beginnt jetzt eine neue Zeit.” „Eine industrielle Zeit.” Die Abendsonne fällt durch die Fenster. Für einen Moment schweigen beide. Dann sagt Paul: „Und meine Aufgabe?” Löwe lächelt. „Genau dieselbe wie bisher.” „Welche?” „Erfinden.” Paul nickt langsam. Das kann er. Während Kaufleute Kredite beschaffen, Banker Aktien handeln und Politiker Einfluss ausüben, wird er weiter an neuen Verschlüssen, neuen Patronen und neuen Gewehren arbeiten. Denn die Industrie braucht Geld. Aber ohne Ideen bleibt selbst die größte Fabrik leer. Draußen leuchtet die Abendsonne auf den Dächern Berlins. Zwischen den Werkhallen von Oberndorf und den Ministerien Konstantinopels entsteht in diesen Monaten eine Verbindung, die das Unternehmen Mauser für immer verändern wird.
7. Der Weg zum Gewehr 98
Die Sommersonne liegt über den Werkhallen von Oberndorf. Weiße Wolken ziehen über den blauen Himmel. Aus den Fabriken dringen das gleichmäßige Schlagen der Hämmer, das Surren der Transmissionen und das Klappern der Werkzeugmaschinen. Die Mauser Werke sind in wenigen Jahren zu einem der bedeutendsten Industrieunternehmen Europas geworden. Neue Produktionshallen stehen dort, wo früher Wiesen waren. Auf den Gleisen warten Güterwagen auf ihre Beladung. Kisten mit Gewehren tragen Zielorte aus aller Welt. Paul Mauser geht langsam durch die Montagehalle. Neben ihm gehen Alfred Kaulla und Ludwig Löwe. Unter ihnen arbeiten Hunderte von Facharbeitern. Jeder Handgriff sitzt. Jede Maschine erfüllt ihre Aufgabe. Paul bleibt stehen und betrachtet die Fertigung. „Vor zwanzig Jahren standen wir selbst noch an der Werkbank.” Löwe lächelt. „Heute leiten Sie ein Unternehmen, das mit den größten Waffenherstellern Europas konkurriert.” Paul nickt nachdenklich. „Das ist jeden Tag eine neue Aufgabe.” Sie treten an ein Fenster mit Blick über das Werksgelände. Kaulla zeigt auf die verschiedenen Gebäude. „Dort entstehen die Läufe. Dahinter werden Verschlüsse gefertigt. Im neuen Gebäude arbeiten die Konstrukteure. Und auf der anderen Seite erweitert man bereits die nächste Werkhalle.” Paul betrachtet die Fabrik. „Ein Unternehmer baut nicht nur Gewehre.” „Sondern?”, fragt Löwe. „Er organisiert Menschen. Er beschafft Kapital. Er entwickelt neue Technik. Er richtet die Produktion so ein, dass aus einer Idee Tausende gleichbleibend guter Gewehre entstehen.” Löwe nickt zustimmend. „Und niemand nimmt Ihnen diese Verantwortung ab.” Paul lächelt. „Der Staat bestellt vielleicht Gewehre. Aber entwickeln muss sie jemand anderes.” Sie gehen weiter durch die Fertigung. Ingenieure besprechen Zeichnungen. Meister kontrollieren Werkstücke. Kaufleute vergleichen Lieferlisten. Auf einem Schreibtisch liegen Telegramme aus Spanien, Schweden, Belgien und Südamerika. „Unsere Konkurrenz schläft nicht”, sagt Paul. „Die Franzosen entwickeln neue Patronen. Die Engländer bauen ihre Industrie aus. Die Österreicher arbeiten an neuen Verschlüssen. Und überall entstehen neue Fabriken.” Kaulla nickt. „Wer glaubt, einmal erfolgreich gewesen zu sein, hat den Wettlauf bereits verloren.” Paul bleibt stehen. „Genau deshalb darf ein Unternehmer niemals stehen bleiben.” Ein Mitarbeiter eilt mit einem Brief herbei. „Post aus Konstantinopel.” Paul öffnet den Umschlag. Sein Blick wandert über die Zahlen. „Ein weiterer Auftrag.” „Wie groß?”, fragt Löwe. „Zweihunderttausend Gewehre des verbesserten Modells M 93.” Kaulla lächelt. „Zu einundsiebzig Mark pro Stück.” Paul rechnet kurz. „Mehr als vierzehn Millionen Mark.” „Vierzehn Millionen zweihunderttausend”, ergänzt Kaulla. Für einen Augenblick schweigen alle drei. Ein Kaufmann hat zugehört und fragt zurückhaltend „Es gibt Leute, die sagen, wir würden Waffen an die falschen Leute verkaufen.” Mauser dreht sich um „Seien sie nicht sentimental, das britische Empire verkauft an alle die zahlen und die Franzosen auch. Sie binden Kunden und aus Kunden werden Verbündete. Wenn man seine Interessen nicht verteidigen kann, verliert man sie und wird Teil der Interessen eines Anderen.” Der Kaufmann nickt.
Unter ihnen laufen die Maschinen ununterbrochen weiter. „Viele sehen nur diese Zahl”, sagt Paul schließlich. „Ich sehe etwas anderes.” „Was denn?”, fragt Löwe. Paul deutet auf die Hallen. „Dafür müssen wir Stahl einkaufen. Neue Maschinen beschaffen. Facharbeiter ausbilden. Zeichnungen verbessern. Werkzeuge entwickeln. Lieferanten bezahlen. Eisenbahntransporte organisieren. Und gleichzeitig schon das nächste Gewehr vorbereiten.” Kaulla nickt. „Der Auftrag ist erst der Anfang.” „Genau.” Sie betreten das Konstruktionsbüro. Auf den Tischen liegen Zeichnungen neuer Verschlüsse, Magazine und Patronen. Paul nimmt eine Skizze in die Hand. „Die Zukunft gehört kleineren Kalibern.” „Wegen des rauchschwachen Pulvers?”, fragt Löwe. „Ja. Die Geschosse werden schneller. Die Flugbahn flacher. Die Treffgenauigkeit steigt.” Kaulla betrachtet die Zeichnungen. „Das ist also schon der Nachfolger des M 93.” Paul lächelt. „Nicht nur ein Nachfolger.” „Sondern?” „Ein völlig neues Gewehr.” Er legt weitere Zeichnungen auf den Tisch. „Jede Verbesserung kostet Geld. Jeder Versuch kann scheitern. Jede neue Maschine muss bezahlt werden. Aber wenn wir aufhören zu investieren, werden andere an uns vorbeiziehen.” Löwe nickt. „Viele glauben, Unternehmer verwalten ihr Vermögen.” Paul schüttelt den Kopf. „Nein. Unternehmer setzen ihr Vermögen aufs Spiel.” Er blickt durch das Fenster auf die Hallen. „Diese Fabrik entstand nicht durch Verordnungen.” „Sondern?” „Durch Entscheidungen. Durch Risiko. Durch unzählige Fehlschläge. Durch den Mut, immer wieder neu zu beginnen.” Ein Bote betritt den Raum. „Ein Schreiben aus Stuttgart.” Paul öffnet den versiegelten Umschlag. Langsam liest er den Brief. Dann hebt er den Blick. „Der König hat entschieden, mich in den persönlichen Adelsstand zu erheben.” Für einen Augenblick herrscht Stille. „Herzlichen Glückwunsch, Herr von Mauser”, sagt Kaulla. Löwe schüttelt ihm die Hand. „Eine verdiente Auszeichnung.” Paul legt den Brief zur Seite. „Der Adelstitel freut mich.” Er blickt wieder auf die Fabrik. „Aber morgen früh beginnen die Maschinen wieder um dieselbe Zeit.” Kaulla lächelt. „Und die Konkurrenz ebenfalls.” „Genau deshalb dürfen wir niemals zufrieden sein.” Er zeigt auf die Zeichnungen. „Heute verkaufen wir das M 93. Morgen entwickeln wir bereits seinen Nachfolger.” Die Abendsonne taucht Oberndorf in warmes Licht. Über den Dächern steigen Rauchfahnen auf. Güterzüge verlassen das Werk in alle Richtungen Europas. Ingenieure arbeiten an neuen Entwürfen. Kaufleute erschließen weitere Auslandsmärkte. Investitionen fließen in Maschinen, Forschung und Ausbildung. Paul von Mauser weiß, dass der Erfolg eines Unternehmers niemals dauerhaft gesichert ist. Jeden Tag muss er neu erarbeitet werden. Während Europa weiter aufrüstet, entsteht in den Konstruktionsbüros von Oberndorf Schritt für Schritt eine neue Waffe. Wenige Jahre später wird sie als Gewehr 98 zum Höhepunkt von Paul von Mausers unternehmerischem und technischem Lebenswerk werden.