Nationalhymne
1. Die Melodie des Kaisers
Der Morgen über Eisenstadt liegt noch still, als Joseph Haydn die gepflasterte Auffahrt entlanggeht, die vom Stadttor hinauf zum Schloss Esterházy führt. Es ist einer jener frühen Februartage, an denen der Frost wie ein silbriger Schleier über den Dächern liegt und die Atemwolken der Menschen in der Luft verharren, als wollten sie selbst noch ein wenig schlafen. Haydn zieht den Mantel enger um seine Schultern. Seine Schritte klingen gedämpft, fast respektvoll, als wolle selbst der Kies nicht wagen, den Kapellmeister der Esterházys zu stören. In seiner Hand hält er eine Ledermappe mit Notenskizzen, im Kopf kreisen die Fragmente eines neuen Streichquartetts, das ihn seit Tagen beschäftigt. Er ist auf dem Weg zur Arbeit, wie jeden Morgen seit Jahrzehnten. Und doch ist etwas anders. Vielleicht liegt es am Schweigen der Luft, vielleicht an der Unruhe in seinem eigenen Inneren. Europa bebt unter den Schritten Napoleons, Wien flüstert von Bedrohung und Unsicherheit. Aber die Musik, die Musik bleibt. „Herr von Haydn.” Die Stimme eines Stallknechts? Nein, zu glatt, zu drängend. Haydn wendet sich um. Ein Kaleschenwagen, reich verziert, ist soeben vor der Seitenallee zum Stehen gekommen. Heraus tritt ein Mann in dunkelgrünem Mantel, die Brust geschmückt mit einem goldenen Orden: Graf Johann Baptist von Saurau, enger Vertrauter des Wiener Hofes. Haydn verneigt sich leicht. „Euer Gnaden. Ein erfreulicher Zufall, euch hier zu sehen.” Der Graf tritt näher, den Mantel gegen die Kälte zusammenhaltend. „Ein Zufall, den ich nicht ungenutzt lassen möchte”, beginnt er mit einer Mischung aus Freundlichkeit und ernster Bestimmtheit. „Ich bin auf dem Weg nach Wien und wusste, dass Ihr hier entlangkommen würdet.” Haydn hebt eine Augenbraue. Der Graf wirkt nicht wie ein Mann, der wegen einer Belanglosigkeit frühmorgens anhält. „Ihr wisst, Haydn”, sagt Saurau leiser, „dass unsere Zeit nicht die leichteste ist. Kaiser Franz trägt die Sorgen des Reiches schwer. Unser Volk fürchtet sich. Die Zeit verlangt nach Zeichen, nach Musik, die stärker ist als die Unruhe dieser Jahre.” Haydn sagt nichts. Er spürt, wie die Kälte seine Finger packt, und zugleich ein anderes, wärmeres Zittern in seinem Inneren beginnt. „In drei Wochen hat ihre Majestät Geburtstag”, fährt der Graf fort. „Der Hof wünscht ein Lied. Ein Lied, das Trost spendet. Hoffnung stiftet. Und niemand kann das besser als ihr, Meister Haydn.” Haydn atmet aus. Ein Kaisergeburtstag. Ein Lied, das das ganze Reich hören soll. Er, ein einfacher Sohn eines Wagenbauers aus Rohrau, soll Österreich eine Hymne schenken? Der Gedanke ist überwältigend, aber nicht unvorstellbar. „Ein Lied für den Kaiser?” fragt Haydn leise. „Für das Reich”, antwortet Saurau. Dann lächelt er. „Aber im Namen des Kaisers, gewiss.” Der Wind fährt durch die kahlen Äste der Linden. Haydn sieht über die Felder hinweg Richtung Wien, das irgendwo im Dunst liegt, und denkt an die Soldaten, an die Angst, an die Sehnsucht der Menschen nach Beständigkeit. Ein Gedanke steigt in ihm auf wie eine klare, helle Melodie, etwas einfaches, würdevolles, das jedermann singen kann. Er nickt. „Ich werde es tun”, sagt Haydn. „Ich werde ein Lied schreiben.” Saurau verneigt sich tief. „Österreich dankt euch.” Der Graf steigt wieder in die Kutsche, die Räder knirschen über den Kies, und das Gefährt verschwindet langsam den Weg hinunter. Haydn bleibt stehen. Sein Herz schlägt ungewöhnlich schnell, nicht aus Furcht, sondern aus Vorahnung. Er weiß, dass Melodien nicht auf Befehl kommen. Aber manchmal, ganz selten, gönnt die Muse einem Menschen ein Geschenk. Und während er weitergeht, zur Kapelle, zur Probe, zu den vertrauten Räumen des Schlosses, summt plötzlich ein Ton in ihm auf. Einfach. Klar. Sanft. Wie ein Gebet. Er bleibt wieder stehen. Gott erhalte Franz den Kaiser. Die Worte gibt es noch nicht. Aber die Melodie, sie ist schon da, in ihrem ersten Hauch. Ein Lied, geboren an einem frostigen Morgen, zwischen Pflicht, Sorge und der geheimen Gewissheit, dass Musik die Menschen zusammenhalten kann. Und Haydn weiß: Dies ist kein gewöhnlicher Arbeitstag. Es ist der Beginn eines Liedes, das weit über die hohen Mauern Esterházys hinausreichen wird. Ein Lied, dessen Geschichte erst beginnt.
2. Die Form der Hoffnung
Joseph Haydn sitzt allein in seinem Arbeitszimmer im Schloss Esterházy, während das Nachmittagslicht durch die hohen Fenster fällt und lange Streifen auf den Boden zeichnet. Vor ihm liegt ein Meer aus Notenblättern, einige dicht beschrieben, andere unberührt, als warteten sie nur darauf, dass eine Idee auf ihnen landet. Seit Tagen trägt er die Melodie in sich, die der Graf verlangt hat. Sie ist wie ein leiser Besucher, der ihn nicht mehr verlässt, beim Frühstück, während der Proben mit der Hofkapelle, selbst nachts im Halbschlaf. Gott erhalte Franz den Kaiser, diese Worte formen sich immer wieder in seinem inneren Ohr, und obwohl der Text noch nicht feststeht, weiß Haydn, dass es eine Hymne werden soll, ein Lied, das Menschen Halt gibt. Er steht auf und tritt ans Fenster. Der Wintergarten draußen liegt still, bedeckt von feinem Schnee. Aus einem entfernten Probenraum hört er vereinzelte Töne einer Violine, jemand stimmt. Diese vertrauten Klänge gehören zu seinem Leben wie sein eigener Atem, und doch ist da eine Unruhe in ihm, die nicht verschwindet. Es ist nicht der Auftrag selbst, er hat schon für Fürsten und Könige komponiert. Aber diesmal geht es um mehr als Pflicht. Die Menschen sind verunsichert, die Nachrichten über Napoleon kommen immer näher, und Haydn ahnt, dass das Reich ein Lied braucht, das nicht nur feierlich, sondern tröstlich ist. Er setzt sich wieder an den Tisch und betrachtet das Blatt, auf dem er vor Stunden vier Worte notiert hat: Feierlich. Einfach. Einprägsam. Erhaben. Es sind die Grundlagen, aber noch ist nichts weiter entstanden. Ein Lied muss allen gehören, sagt Haydn leise zu sich. Dem Kind, dem Bauern, dem Soldaten, dem Kaiser. Er nimmt die Feder in die Hand und überlegt. Die Melodie muss auf festen Schritten gehen, nicht springen, nicht prunken. Vier klare Takte, denkt er, die ein jeder erfassen kann, Bauern wie Hofbeamte. Er schreibt die ersten Töne auf, ruhig, schreitend, mit einer Würde, die nicht arrogant wirkt, sondern gesammelt. Dann überlegt er den zweiten Teil. Ein Lied muss auch atmen können, muss Momente der Öffnung haben, in denen die Melodie sich weitet wie ein heller Himmel nach Tagen des Nebels. Er zeichnet eine weit ausschwingende Phrase, die sich emporhebt, aber sanft zurückkehrt, eine musikalische Geste, die Trost verspricht. Als er sie leise summt, spürt er, wie sie sich natürlich fügt, als hätte sie schon immer existiert und nur darauf gewartet, von ihm gefunden zu werden. Haydn erhebt sich und geht im Zimmer auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. So tut er es immer, wenn er nachklingt, wenn er nicht komponiert, sondern hört. Er summt die Melodie, prüft ihre Schritte, überlegt, wie sie auf den Lippen eines Volkes klingen würde. Er stellt sich Marktfrauen in Wien vor, die sie summen, Kinder, die sie nachsingen, Soldaten, die sie an langen Abenden im Lager anstimmen. Es muss ein Lied sein, das unkompliziert bleibt, aber tief wirkt, ein Volkslied und zugleich ein Gebet. Schließlich setzt er sich wieder und plötzlich fließen die Takte wie von selbst. Die Form ist klar, einfach, strophisch, getragen. Kein prunkvolles Hofstück, sondern ein Lied, das jeder Mensch singen kann. Als er die letzte Note setzt und die Feder zur Seite legt, herrscht eine besondere Stille im Raum, eine Stille, die nicht leer ist, sondern erfüllt. Draußen beginnt es leise zu schneien. Haydn schließt die Augen und weiß in diesem Moment, dass er die richtige Form gefunden hat, die Gestalt eines Liedes, das vielleicht über seine Zeit hinaus klingen wird. Ein Lied, das Hoffnung sein kann, gerade dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird.
3. Die erste Aufführung des Kaiserquartetts
Der Abend senkt sich wie ein, samtener Vorhang über das Schloss Esterházy, als Joseph Haydn durch die langen, leicht hallenden Korridore geht. Gedämpft dringen aus dem kleinen Konzertsaal bereits die Stimmen der Gäste an seine Ohren, erwartungsvolles Murmeln, ein Knistern in der Luft, wie es nur vor einer Premiere entsteht. Fackeln werfen flackerndes Licht über vergoldete Verzierungen, während Diener mit Tabletts bereitstehen, um Wein und Gebäck zu reichen. Heute soll sein neues Werk, das Streichquartett op. 76 Nr. 3, zum ersten Mal erklingen. Die Musiker nennen es im Stillen schon das Kaiserquartett, und Haydn spürt, dass mehr an diesem Abend auf dem Spiel steht als nur künstlerisches Wohlwollen. Als er den Saal betritt, sieht er sein Quartett bereits bereitstehen. Luigi Tomasini an der ersten Geige nickt ihm ruhig zu, Joseph Weigl, Thaddäus Huber und Anton Kraft folgen der Geste. Es sind vertraute Gesichter, Männer, mit denen Haydn seit Jahren arbeitet, doch heute haben auch ihre Blicke etwas Feierliches. Haydn lächelt ihnen zu. „Meine Herren”, sagt er leise, „lasst uns beginnen. Der Kaiser wird zuhören, vielleicht nicht mit den Ohren, aber mit dem Herzen.” Tomasini hebt den Bogen und der erste Satz beginnt, zart, anmutig, voller sonniger Heiterkeit. Haydn setzt sich in die vorderste Reihe, faltet die Hände und lauscht. Er hat dieses Werk natürlich viele Male gehört, aber an diesem Abend klingt es anders, lebendiger, aufgeladener, als würde jeder Ton seine eigene Bedeutung tragen. Die Themen fließen leicht, die Harmonien spielen miteinander, doch er weiß, dass alle auf den zweiten Satz warten. Als der erste Satz verklingt, entsteht eine kurze Stille. Tomasini holt tief Luft, setzt den Bogen an und dann geschieht es. Die Melodie erklingt, die Haydn vor Monaten an einem frostigen Morgen gefunden hat. Gott erhalte Franz den Kaiser, noch ohne Text, aber tief vertraut, würdevoll und schlicht zugleich. Die Luft im Saal scheint dichter zu werden. Niemand bewegt sich. Einige Gäste beugen sich leicht vor, als wollten sie keinen Ton verlieren. Die Variationen lassen die Melodie in immer neuen Farben erscheinen, einmal wie ein feierlicher Marsch, dann wie ein nachdenklicher Abendgesang, schließlich voller stiller Stärke. Haydn spürt, wie sein Herz schneller schlägt. Es geschieht selten, dass er beim Hören seiner eigenen Musik bewegt ist, aber heute spürt er eine ungewohnte Wärme. Vielleicht ist es die Zeit, die über Europa liegt, die Unruhe in den Straßen, die Angst vor dem Krieg, vielleicht aber auch die Gewissheit, etwas geschaffen zu haben, das den Menschen Trost schenken kann.
Als der Satz endet, herrscht einen Moment lang absolute Stille. Dann bricht der Applaus los, laut und ehrlich, wie eine Welle, die sich entlädt. Tomasini verbeugt sich, seine Augen suchen Haydn und finden ihn, ein stilles Zeichen der Verbundenheit. Die Gäste strömen nach vorne, sobald sie dürfen. Ein Meisterwerk, ruft jemand. Ein Gebet für Österreich, sagt ein anderer. Ein Minister des Hofes drückt Haydns Hände und sagt leise: „Meister, das war kein Musikstück. Das war Mut.” Haydn weiß nicht, was er antworten soll. Die Worte treffen ihn tiefer als jeder Lobgesang über technische Brillanz oder kompositorische Kunst. Mut, ja, das ist es vielleicht. Ein Lied gegen die Angst, gegen die Unruhe, gegen die drohende Dunkelheit. Als der Saal später leer ist, bleibt Haydn noch einen Moment allein zurück. Die Schatten der Fackeln tanzen über die Wände, doch die Melodie des zweiten Satzes scheint noch im Raum zu liegen, wie ein unsichtbarer Nachhall. Er atmet langsam aus, schließt die Augen und weiß in diesem Moment, dass dieses Werk eines derjenigen sein wird, die bleiben. Dann zieht er den Mantel enger um die Schultern und verlässt den Saal. Draußen liegt die Nacht still über Eisenstadt, als lausche auch sie noch dem letzten Ton des Kaiserquartetts.
4. Die roten Felsen von Helgoland
Der Wind streicht wie eine raue Hand über die kargen Gräser der Nordseeinsel Helgoland, bringt den salzigen Geruch des Meeres mit sich und lässt die Dünung unterhalb der Steilküste unruhig schäumen. Auf einem kleinen Hügel aus sandigem Boden und verwittertem Gras sitzt ein Mann, den man aus der Ferne vielleicht für einen Fischer halten könnte, wären da nicht die Bücher, die neben ihm liegen, und das Heft, das er mit festem Griff in den Händen hält. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Germanist, Dichter, politisch unbequem und seit Jahren ein Dorn im Auge der Kleinstaaten, starrt auf die weite, rauchgraue Wasserfläche. Sein Haar ist vom Wind zerzaust, sein Gesicht schmal, beinahe ausgehöhlt von langen Reisen, von Streit, von Zensur. Und doch liegt in seinen Augen ein helles, waches Feuer, das Feuer eines Mannes, der sich nicht beugen will. Hier, auf Helgoland, ist er sicher. Für einen Augenblick jedenfalls. Die Insel, damals unter britischer Verwaltung, bietet ihm Zuflucht vor den Argusaugen der Polizei, die ihn als „Demagogen” verfolgt, ein Wort, das jeden ereilt, der von Freiheit spricht, von Einheit, von einem Deutschland, das mehr sein soll als ein Flickenteppich aus Fürstenlaunen und Zollgrenzen. Seit Wochen reist Hoffmann rastlos durch das Land, vertrieben aus Bibliotheken, beobachtet auf Vorträgen, denunzierenden Gerüchten ausgesetzt. Deutschland im Jahr 1841 ist zerrissen, unsicher, nervös. Die Mächtigen fürchten die Ideen des Vormärz, die Sehnsucht nach Bürgerrechten, nach Meinungsfreiheit, nach nationaler Einheit. Die Menschen selbst jedoch flüstern überall darüber. In Wirtshäusern, in Universitäten, auf Märkten. Hoffmann hört dieses Flüstern. Er hört die Unruhe. Und er hört die Hoffnung. Nun sitzt er hier, im Dünengras, und zum ersten Mal seit Monaten ist da ein Moment der Stille. Kein Stadtlärm, kein Polizist in Mantel und Hut, der ihm folgt. Nur das Meer, dessen Wellen unermüdlich auf die roten Felsen schlagen, als wollten sie ihm etwas zuflüstern. Er schlägt das Heft auf und starrt auf die leere Seite. Sein Herz pocht ruhig. „Deutschland …”, murmelt er. Nicht als Nation, die es bereits gibt, sondern als Traum. Als Vorstellung einer Gemeinschaft, die durch Sprache verbunden ist, durch Kultur, durch ein Wir, das größer ist als fürstliche Grenzen. Er beugt sich vor, die Feder zwischen den Fingern. Und dann schreibt er: Deutschland, Deutschland über alles …
Der Wind fährt ihm durchs Haar, doch seine Hand bleibt ruhig. Diese Worte, später missverstanden, umgedeutet, verdunkelt, bedeuten jetzt etwas anderes. Sie bedeuten nicht Überordnung, keine Macht, kein Herrschen, sondern tiefe Heimatliebe: Deutschland über die Interessen der Fürsten. Deutschland als gemeinsamer Gedanke über die kleingeistigen Grenzen der Kleinstaaterei hinweg. Er denkt an die Händler, die an jeder Grenze Maut bezahlen müssen. An Studenten, die von Stadt zu Stadt reisen und überall neue Pässe brauchen. An Dichter und Denker, deren Werke zensiert werden, wenn sie Freiheit fordern. Er denkt an sich selbst. Seine Hand schreibt weiter, nun schneller, mit wachsender Sicherheit: Von der Maas bis an die Memel … Nicht als Anspruch auf Land, sondern als Beschreibung eines bestehenden Sprachraumes, als poetische Geographie eines Wunschraums, ein Lied von etwas, das sein könnte. Hoffmann spürt, wie sich in ihm etwas löst. Als würde die Sehnsucht eines ganzen Volkes durch ihn hindurch auf das Papier fließen. Das Meer rauscht lauter. Oder vielleicht ist es nur sein Herz. Seine Gedanken wandern zu den anderen Strophen, die in seinem Kopf schon unruhig tänzeln: Tugenden, Gemeinschaft, Einigkeit, Freiheit, Recht, Dinge, die in Deutschland noch Zukunft sind. Er wird sie später formulieren, klarer, fester. Doch hier, in diesem Moment, genügt die erste Zeile. Sie steht da wie ein Keim, aus dem etwas wachsen kann. Hoffmann legt die Feder ab und sieht auf. Die Sonne bricht kurz durch die Wolken, als wolle sie seine Worte prüfen. Ein paar Lummen segeln über die Klippen, und das Licht tanzt auf den Wellen. Er weiß, dass dieses Gedicht nicht ohne Folgen bleiben wird. Vielleicht wird man ihn dafür verfolgen. Vielleicht wird es verboten. Vielleicht wird kein Mensch es je singen. Aber er weiß auch: Es ist wahr. Und die Wahrheit, das hat er gelernt, ist immer der Beginn von etwas Neuem. Er atmet tief ein, die salzige Luft, den Duft der Freiheit und schließt das Heft. Seine Verse liegen darin wie ein Herz, das endlich beginnt zu schlagen.
5. Die Entscheidung
Das Lied der Deutschen wird Nationalhymne
Der Sitzungssaal des Reichstags in Berlin ist erfüllt von einem gedämpften Murmeln. Parlamentarier rücken ihre Stühle zurecht, Papiere rascheln, und irgendwo klopft ein Stenograf seinen letzten Testanschlag auf die Maschine. Es ist der 11. August 1922, ein warmer Sommertag, und doch liegt eine schwere Spannung im Raum, die junge Weimarer Republik ringt noch immer um ihre Symbole, um ihre Seele. Friedrich Ebert, Reichspräsident, sozialdemokratisch, ernst, mit der unbeirrbaren Ruhe eines Mannes, der zu viel Verantwortung trägt, tritt an das Rednerpult. Sein Blick wandert durch den Saal, zu den Sozialdemokraten der SPD, die ihm zustimmend zunicken, zu den liberalen Abgeordneten, die vorsichtig hoffnungsvoll wirken, und zu den Konservativen, deren Gesichter von Skepsis bis offener Ablehnung reichen. Ebert legt die Hände auf das Holz des Pults. Er spürt das Gewicht des Augenblicks. „Meine Damen und Herren”, beginnt er mit fester Stimme, „die Republik braucht Symbole. Nicht alte Symbole der Monarchie, die uns an Blut und Krieg erinnern, sondern neue, die von Einheit, Freiheit und Recht sprechen.” Ein zustimmendes Raunen erhebt sich, wird jedoch sofort vom Knurren einiger konservativer Abgeordneter überlagert. Sie stehen auf und singen:
„Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands! Heil, Kaiser, dir!
Fühl in des Thrones, Glanz die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein! Heil, Kaiser, dir!
Nicht Ross und Reisige sichern die steile Höh, wo Fürsten stehn:
Liebe des Vaterlands, Liebe des freien Manns gründet den Herrscherthron wie Fels im Meer.
Heilige Flamme, glüh, glüh und erlösche nie fürs Vaterland!
Wir alle stehen dann mutig für einen Mann, kämpfen und bluten gern für Thron und Reich!
Handlung und Wissenschaft heben mit Mut und Kraft ihr Haupt empor!
Krieger und Heldenthat finden ihr Lorbeerblatt treu aufgehoben dort an deinem Thron!
Sei, Kaiser Wilhelm, hier lang deines Volkes Zier, der Menschheit Stolz!
Fühl in des Thrones Glanz die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein! Heil, Kaiser, dir!”
Als sie enden stehen die Kommunisten auf und singen:
„Heil Dir, Du Knusperhanns! Hölzern in Pracht und Glanz! Heil, Knacker, Dir!
Beißen, wie Du, wer kann’s? Nüsse des Vaterlands lässt Du gewiss nicht ganz. Heil Knacker, Dir!”
„Ruhe!” Fordert der Parlamentspräsident. Die Sänger aller Parteien nehmen murrend wieder Platz. Ebert fährt fort: „Ich habe heute das Lied der Deutschen, mit der Melodie von Joseph Haydn und dem Text von Hoffmann von Fallersleben, zur offiziellen Nationalhymne des Deutschen Reiches erklärt.” Jetzt bricht ein Durcheinander im Saal aus. Manche applaudieren, andere schütteln heftig den Kopf. Ein konservativer Abgeordneter schlägt mit der Faust auf seinen Tisch. Ebert hebt die Hand, bittet um Ruhe. „Ich weiß, dass diese Entscheidung nicht jedem gefällt. Vor allem jenen nicht, die lieber weiterhin das alte Heil dir im Siegerkranz singen möchten, eine Hymne, die untrennbar mit dem preußischen Königshaus verbunden ist.” Wieder Unruhe. Ein Nationalkonservativer ruft: „Das ist unsere Tradition!” Ebert antwortet ruhig, aber bestimmt: „Es war die Tradition eines Kaiserreichs, das nicht mehr existiert. Wir sind eine Republik. Eine Gemeinschaft freier Bürger, keine Untertanen. Und eine Republik braucht ein Lied, das nicht den König oder Kaiser preist, sondern das Volk und seine Werte.” Er lässt die Worte einen Moment wirken. „Das Lied der Deutschen ist kein Ruf nach Herrschaft. Es ist ein Ruf nach Einheit. Ein Ruf nach einem Deutschland, das sich nicht über andere erhebt, sondern sich selbst zusammenfindet.” Die Sozialdemokraten applaudieren und stehen auf, einige Liberale stimmen mit ein:
„Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt,
wenn es stets zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält.
Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt,
Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.
Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang
sollen in der Welt behalten ihren alten schönen Klang,
uns zu edler Tat begeistern unser ganzes Leben lang.
Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang.
Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland,
danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand.
Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand.
Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe deutsches Vaterland.”
Ebert macht eine kurze Pause, senkt den Blick, hebt ihn dann wieder mit neuer Entschlossenheit. „Wir stehen an einem Scheideweg. Wenn wir uns weiterhin an die Symbole eines vergangenen Regimes klammern, werden wir nie in die Zukunft der Republik gelangen. Haydns Melodie hat einst einen Kaiser geehrt. Nun soll sie das Volk ehren. Dies ist ein symbolischer Akt, ja, aber einer, den wir dringend brauchen.” Im Saal breitet sich eine differenzierte Ruhe aus. Manche sind überzeugt, manche resigniert, manche wütend, aber alle wissen, dass an diesem Tag etwas beschlossen wurde, das bleiben könnte. Ebert schließt: „Ich bitte Sie, die Hymne nicht als ein Werk der Vergangenheit zu sehen, sondern als ein Versprechen an unsere Zukunft: Einigkeit. Recht. Freiheit.” Er tritt zurück vom Rednerpult, während die Stimmen erneut anschwellen. Die Entscheidung ist gefallen. Sie wird nicht jedem gefallen – aber sie gehört nun zur Geschichte der jungen Republik. Und draußen, vor dem Reichstagsgebäude, mischt sich der Morgenwind mit den ersten verhaltenen Stimmen einiger Passanten, die unsicher die Melodie summen, die bald zur Stimme einer ganzen Nation werden soll.
6. Einigkeit, Recht und Diskussion
Es ist später Nachmittag im „Café Morgenrot”. Die Sonne fällt schräg durch die großen Fenster und lässt Staubkörner in der Luft tanzen. Jonas sitzt bereits an einem kleinen Holztisch, als Matthias hereinkommt und sich ihm gegenüber niederlässt. Seit dem Studium diskutieren sie über alles Mögliche – Verfassungen, Geschichte, Symbole. Heute geht es wieder um die Nationalhymne. „Ich meine es ernst”, sagt Jonas, während er in seinem Kaffee rührt. „Wir brauchen endlich eine neue Hymne. Die Kinderhymne von Brecht wäre perfekt. Friedlich. Modern. Eine Hymne, die niemanden ausschließt.” Matthias grinst. „Du willst wirklich eine Nationalhymne, die mit ‚Anmut sparet nicht noch Mühe‘ anfängt?” „Warum nicht?” Jonas hebt die Augenbrauen. „Sie ist klar, schön und moralisch. Keine Vergangenheit, die belastet. Kein falscher Stolz.” „Mag sein”, antwortet Matthias. „Aber du vergisst, dass unsere jetzige Hymne schon extrem friedlich ist. Die dritte Strophe gehört zu den unkriegerischsten in ganz Europa.” Jonas lehnt sich vor, als wolle er einen Gegenangriff starten. „Naja … ich weiß nicht. Der ganze historische Ballast …” Bevor er weiterspricht, stellt die Bedienung zwei Stück Apfelkuchen vor ihnen ab. Matthias nimmt einen Bissen und sagt dann ruhig: „Wir nutzen sowieso nur die dritte Strophe. Und die dritte Strophe ist eine gute politische Idee. Einigkeit und Recht und Freiheit – das ist ein Werteprogramm.” „Vielleicht”, murmelt Jonas. „Aber die Kinderhymne ist … weißt du … universeller.” „Universell?” fragt Matthias und lacht leise. „Kennst du eigentlich die anderen europäischen Hymnen? Fast alle sind voller Krieg, Opfer, Blut und Waffen. Unsere dagegen wirkt fast meditativ.” Jonas schnaubt. „Jetzt übertreibst du.” „Überhaupt nicht.” Matthias beugt sich vor wie ein Professor, der gleich eine Folie aufblättert. „Nimm Frankreich! Aux armes, citoyens! Zu den Waffen, Bürger! Und dann dieses ‚unreine Blut‘, das die Furchen tränken soll.” Jonas verzieht das Gesicht. „Okay, das stimmt.” „Oder Italien”, fährt Matthias fort. „‚Siam pronti alla morte‘ – Wir sind bereit zum Tod. Da klingt Einigkeit und Recht und Freiheit wie ein Friedensgebet.” Jonas muss lachen. „Gut, Punkt für dich.” „Polen? Ein Marschlied. Portugal? ‚Gegen die Kanonen, marschiert, marschiert!‘ Griechenland? Ganze Strophen über Schlachten und Blut.” „Ja, ja”, sagt Jonas und hebt die Hände. „Ich sehe, worauf du hinauswillst.” „Dann siehst du auch”, sagt Matthias sanft, „dass es keine sachliche Grundlage gibt, so zu tun, als wäre unsere Hymne irgendwie besonders problematisch. Die dritte Strophe ist eine der modernsten Europas. Keine Feinde, kein Blut, keine Waffen, keine Überheblichkeit.”
Jonas starrt aus dem Fenster, wo die Sonne den Marktplatz golden färbt. „Ich liebe die Kinderhymne”, sagt er schließlich leise. „Sie sagt: ‚Und nicht über und nicht unter andern Völkern wolln wir sein.‘ Das ist so … gleichwertig.” „Und schön”, bestätigt Matthias. „Aber Brecht schrieb sie für Kinder. Nicht als Staatssymbol. Und seien wir ehrlich: Viele Länder beneiden uns wahrscheinlich um eine so ruhige Hymne. Die meisten haben martialische Kampfgesänge.” „Friedlich ist gut”, sagt Jonas nachdenklich. „Ja”, antwortet Matthias. „Und wir haben eine wirklich friedliche Hymne. Eine, die die Werte unserer freiheitlichen Grundordnung atmet. Eine, die nicht triumphiert, sondern hofft. Die Worte - ein Gedicht im Geiste der deutschen Dichter und Denker. Die Melodie und Musik - aus der Feder des Komponisten Joseph Haydn. Meine Güte, es gibt sie sogar als klassisches Streichquartett.” Jonas schiebt den Teller beiseite. „Vielleicht … vielleicht muss man ja gar nicht wählen. Man könnte die Kinderhymne im Herzen tragen und die Nationalhymne für den Staat.” „Genau”, sagt Matthias und hebt seine Gabel. „Und beides mit Apfelkuchen.” Jonas lacht. „Vor allem mit Apfelkuchen.”