Brüder Grimm

1. Wenn die alte Welt zerbricht

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Wilhelm (links) und Jacob (rechts) Grimm in Fritzlar um 1820

Hanau 1789. Der Regen klopft ungeduldig an die Fensterscheiben des Hauses der Familie Grimm in Hanau. Draußen liegt der Marktplatz im grauen Licht eines Julitages. Händler ziehen ihre Karren durch den Schlamm, ein Pferd schnaubt, und irgendwo streiten zwei Männer über den Preis eines Sacks Mehl. Drinnen herrscht eine andere Art von Unruhe. „Jacob!” „Ja, Vater?” „Hast du deinem Bruder erklärt, weshalb man einen König braucht?” Jacob Grimm, elf Jahre alt und bereits mit einer gewissen Neigung zur Besserwisserei ausgestattet, blickt von seinem Buch auf. „Nein, Vater.” „Warum nicht?” „Weil Wilhelm nicht gefragt hat.” Wilhelm, zehn Jahre alt, sitzt neben ihm und beschäftigt sich mit einem hölzernen Pferd, dem ein Bein fehlt. „Ich frage jetzt”, sagt er. Philipp Wilhelm Grimm, Jurist und Amtmann im Dienst der Grafen von Hanau-Münzenberg, legt seine Feder beiseite. „Nun gut. Weshalb braucht man einen König?” Jacob überlegt. „Damit jemand bestimmt, was die anderen tun.” „Sehr richtig.” „Und wer bestimmt, was der König tut?” Der Vater betrachtet seinen ältesten Sohn. „Das ist eine andere Frage.” „Aber doch dieselbe”, erwidert Jacob. Wilhelm hebt den Kopf. „Vielleicht bestimmt die Königin.” Die Mutter, Dorothea Grimm, die gerade das Zimmer betritt, lacht. „Das wäre in manchen Ländern gewiss eine Verbesserung.” Philipp Wilhelm räuspert sich. „Wir sprechen von Staatsordnung, nicht von häuslichen Verhältnissen.” „Ach”, sagt Dorothea, „ich dachte immer, der Unterschied bestehe hauptsächlich darin, dass die Streitigkeiten im Staat mehr Menschen betreffen.” „Und die Rechnungen größer sind”, ergänzt ihr Mann. „Nicht unbedingt”, antwortet sie und legt ihm eine Rechnung des Schneiders auf den Tisch. Jacob verfolgt das Gespräch aufmerksam. Er ahnt, dass die Welt der Erwachsenen auf Regeln beruht, die niemand vollständig erklären kann, die aber dennoch jeder für selbstverständlich hält. „Vater”, fragt er, „wenn der König etwas Falsches bestimmt, muss man es dann trotzdem tun?” „Ein guter Untertan gehorcht den Gesetzen.” „Auch einem schlechten Gesetz?” Philipp Wilhelm sieht seinen Sohn lange an. „Jacob, du wirst eines Tages Jurist.” „Ist das etwas Gutes?” „Es ist etwas Notwendiges.” „Das sagen die Leute auch vom Zahnarzt”, bemerkt Dorothea. Wilhelm lacht, obwohl er nicht weiß, was ein Jurist ist. Beim Zahnarzt ist er sich dagegen ziemlich sicher. Am Abend sitzt Philipp Wilhelm Grimm mit einem Besucher in seinem Arbeitszimmer. Es ist ein Kaufmann aus Frankfurt, der Nachrichten aus Frankreich mitbringt. Jacob darf noch wach bleiben, weil er verspricht, still zu sein. Wilhelm darf ebenfalls bleiben, weil er verspricht, Jacob beim Stillsein zu helfen. Beide Versprechen erweisen sich als ehrgeizig. „Paris”, sagt der Kaufmann und nimmt einen Schluck Wein, „ist nicht wiederzuerkennen.” „Inwiefern?”, fragt Philipp Wilhelm. „Das Volk hat die Bastille gestürmt. Am vierzehnten Juli. Eine Festung, ein königliches Gefängnis. Die Menschen greifen nach den Waffen, die Soldaten wechseln die Seiten, und die königliche Autorität steht plötzlich zur Verhandlung.” „Eine bemerkenswerte Entwicklung.” „Bemerkenswert? Lieber Grimm, in Paris brennt die Lunte einer Revolution!” Philipp Wilhelm stellt sein Glas ab. „Revolutionen sind gewöhnlich bemerkenswert, solange man weit genug entfernt sitzt.” „Ihr unterschätzt die Ereignisse.” „Keineswegs. Ich bin Jurist. Ich unterschätze grundsätzlich nichts, was die Eigentumsverhältnisse verändern könnte.” Der Kaufmann lacht nicht. „Die Menschen sprechen von Freiheit. Von Gleichheit. Von Rechten, die nicht durch Geburt verliehen werden.” „Und von Pflichten?” „Auch davon.” „Dann besteht noch Hoffnung auf eine gewisse Ordnung.” Jacob hebt die Hand. Der Vater seufzt. „Wir sind nicht in der Schule, Jacob.” „Darf ich trotzdem etwas fragen?” „Du wirst es ohnehin tun.” „Was ist eine Revolution?” Der Kaufmann beugt sich vor. „Stell dir vor, mein Junge, die ganze Welt wäre ein großes Haus. Unten wohnen die Armen, oben die Reichen. Und eines Tages beschließen die Menschen unten, dass sie nicht länger unten wohnen wollen.” Jacob denkt nach. „Dann steigen sie die Treppe hinauf.” „So ungefähr.” „Und wenn die Leute oben nicht hinunterwollen?” „Dann gibt es Streit.” „Dann ist die Revolution also eine kaputte Treppe?” Der Kaufmann lacht jetzt doch. „Eine treffende Vorstellung.” Philipp Wilhelm hebt warnend den Finger. „Nur sollte man nicht vergessen, dass ein Haus einstürzen kann, wenn alle gleichzeitig an seinen tragenden Teilen sägen.” Wilhelm schaut auf sein hölzernes Pferd. „Dann braucht man einen Zimmermann.” „Manchmal”, sagt Dorothea, die im Türrahmen steht, „wäre ein Zimmermann tatsächlich nützlicher als ein König.” „Dorothea!” „Was denn? Ein Zimmermann muss wenigstens wissen, wie man etwas zusammenhält.” Jacob betrachtet die Erwachsenen. „Wenn alle Menschen gleich sind”, fragt er, „warum gibt es dann Könige?” Der Kaufmann hebt sein Glas. „Das, junger Mann, ist genau die Frage, die sich Frankreich gerade stellt.” „Und hat Frankreich schon eine Antwort?” „Noch nicht.” „Dann sollten die Franzosen vielleicht zuerst nachdenken und danach die Festungen stürmen.” Philipp Wilhelm lächelt. „Eine vernünftige Reihenfolge.” „Die Geschichte”, erwidert der Kaufmann, „hält sich selten an vernünftige Reihenfolgen.” Später liegen Jacob und Wilhelm in ihren Betten. Der Regen hat aufgehört. Der Wind trägt den Geruch nasser Erde durch das geöffnete Fenster. „Jacob?” „Ja?” „Glaubst du, dass der König Angst hat?” „Welcher König?” „Der in Frankreich.” „Vielleicht.” „Aber Könige haben doch Soldaten.” „Soldaten können weglaufen.” „Und Schlösser.” „Schlösser können gestürmt werden.” „Und Kronen.” Jacob überlegt. „Eine Krone kann man verlieren.” Wilhelm schweigt eine Weile. „Dann ist es eigentlich ziemlich gefährlich, König zu sein.” „Offenbar.” „Warum will dann jemand König werden?” „Vielleicht weiß er vorher nicht, wie gefährlich es ist.” Wilhelm betrachtet die Zimmerdecke. „Ich möchte lieber Märchen erzählen.” „Warum?” „In Märchen kann ein König wenigstens ein glückliches Ende haben.” Jacob dreht sich zu seinem Bruder. „Nicht jeder.” „Dann erzähle ich nur die guten.” „Aber dann weiß niemand, was wirklich geschehen ist.” „Muss denn alles wirklich geschehen sein, damit es wahr ist?” Jacob antwortet nicht sofort. Das ist eine schwierige Frage. Schwieriger als die nach dem König. Schwieriger sogar als die nach der kaputten Treppe. „Vielleicht”, sagt er schließlich, „gibt es verschiedene Arten von Wahrheit.” Wilhelm lächelt. „Dann nehme ich die, bei der das Pferd wieder vier Beine bekommt.” Er hebt das beschädigte Spielzeug. Jacob schüttelt den Kopf. „Du kannst nicht einfach behaupten, dass es vier Beine hat.” „Nein. Aber ich kann erzählen, wie es das vierte verliert.” „Und was bringt das?” „Dann hört wenigstens jemand zu.” Jacob will widersprechen. Doch ihm fällt nichts ein. Das ärgert ihn ein wenig. Es ist nicht das letzte Mal.

2. Kann man einem Volk eine Vergangenheit geben?

„Jacob, wenn du noch länger auf diese Urkunde starrst, wird sie aus Mitleid anfangen, mit dir zu sprechen.” Wilhelm Grimm steht in der Tür des Arbeitszimmers und betrachtet seinen Bruder, der über ein vergilbtes Pergament gebeugt sitzt. „Das wäre mir ausgesprochen recht”, erwidert Jacob, ohne aufzusehen. „Vor allem, wenn sie mir erklären könnte, weshalb dieser Schreiber das gleiche Wort auf drei verschiedene Arten buchstabiert.” „Vielleicht kann er sich nicht entscheiden.” „Vielleicht weiß er es nicht besser.” „Oder vielleicht”, sagt Wilhelm, „ist unsere Vorstellung, ein Wort müsse immer gleich geschrieben werden, weniger selbstverständlich, als wir glauben.” Jacob hebt den Kopf. „Du meinst, der Mann ist seiner Zeit voraus, weil er keine Rechtschreibung beherrscht?” „Ich meine, dass wir vorsichtig sein sollten, die Vergangenheit wegen ihrer Unterschiede zur Gegenwart für mangelhaft zu erklären.” Jacob betrachtet seinen Bruder. „Das ist ein vernünftiger Gedanke.” „Ich weiß. Es beunruhigt mich selbst.” Auf dem Tisch liegen Urkunden, Abschriften alter Gedichte, Notizen zu Sagen und mittelalterlichen Liedern. Einige Blätter tragen die Spuren häufigen Gebrauchs, andere sind so brüchig, dass Jacob sie nur mit äußerster Vorsicht berührt. Durch das Fenster fällt das fahle Licht eines Kasseler Wintermorgens. Die Kälte kriecht unter der Tür hindurch, als habe sie beschlossen, sich ebenfalls an den wissenschaftlichen Untersuchungen zu beteiligen. „Was suchst du eigentlich?”, fragt Wilhelm und setzt sich. „Den ursprünglichen Wortlaut?” „Auch.” „Die Herkunft des Gedichts?” „Gewiss.” „Die Absicht des Verfassers?” „Wenn sie sich feststellen lässt.” „Und was noch?” Jacob legt die Feder nieder. „Zusammenhänge.” „Zwischen welchen Dingen?” „Zwischen den Wörtern und den Menschen, zwischen den Liedern und den Zeiten, zwischen dem, was unsere Vorfahren erzählen, und dem, was wir heute für selbstverständlich halten.” Wilhelm betrachtet die aufgeschlagenen Bücher. „Du suchst also Deutschland.” Jacob schweigt. „Das ist ein großes Vorhaben”, fährt Wilhelm fort. „Besonders, wenn man bedenkt, dass Deutschland gegenwärtig nicht einmal genau weiß, wo es anfängt und wo es aufhört.” „Ein Staat ist nicht dasselbe wie ein Volk.” „Und ein Volk nicht dasselbe wie eine Sprache.” „Aber eine gemeinsame Sprache verbindet.” „Manchmal”, sagt Wilhelm. „Zwei Menschen können dieselbe Sprache sprechen und einander dennoch gründlich missverstehen. Du und ich liefern dafür gelegentlich den Beweis.” Jacob lächelt. „Wir verstehen uns ausgezeichnet.” „Du verstehst mich ausgezeichnet. Das ist nicht immer dasselbe.”
Seit dem Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806 ist die politische Ordnung der deutschen Länder erschüttert. Napoleon bestimmt über weite Teile Europas. Hessen-Kassel steht unter französischer Herrschaft und gehört nun zum Königreich Westphalen, das Napoleons Bruder Jérôme regiert. Die alten Fürsten verlieren ihre Macht, neue Verwaltungen entstehen, und die Menschen sollen sich an eine Ordnung gewöhnen, die ihnen gestern noch unmöglich erschien. „Weißt du, was mich an dieser Zeit am meisten erstaunt?”, fragt Wilhelm. „Dass ein französischer Kaiser den Deutschen erklären muss, wie ihre Länder regiert werden sollen?” „Nein. Dass alle plötzlich von Deutschland sprechen, als sei es ein Mensch, den sie seit ihrer Kindheit persönlich kennen.” „Deutschland besitzt eine Geschichte.” „Welche? Die der Sachsen? Die der Franken? Die der Bayern? Die der freien Reichsstädte? Die der Fürsten, die einander seit Jahrhunderten bekämpfen?” „Alle diese Geschichten gehören dazu.” „Dann ist Deutschland eine bemerkenswert streitsüchtige Familie.” „Familien müssen nicht immer einig sein, um eine Familie zu bilden.” Wilhelm nickt. „Das stimmt. Unsere eigene liefert dafür reichlich Anschauungsmaterial.” Jacob nimmt eine Abschrift eines mittelalterlichen Liedes zur Hand. „Sieh dir diese Verse an. Sie stammen aus einer Zeit, in der unsere heutige politische Ordnung noch nicht existierte. Dennoch erkennen wir Worte, Vorstellungen und Erzählweisen wieder. Die Menschen lebten unter verschiedenen Herrschern, aber ihre Überlieferungen stehen miteinander in Verbindung.” „Und daraus schließt du, dass sie eine gemeinsame Kultur besaßen?” „Ich vermute es.” „Vermutest du es, oder wünschst du es?” Jacob sieht auf. „Das ist ein Unterschied.” „Ein sehr wichtiger. Besonders für einen Wissenschaftler.” „Ich weiß.” „Dann sollten wir ihn nicht vergessen.”

Im Herbst des Jahres 1808 verändert sich das Leben der Brüder grundlegend. Ihre Mutter Dorothea stirbt. Für Jacob, den ältesten Sohn, bedeutet ihr Tod nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen. Er muss nun für den Unterhalt der Familie sorgen. Eines Abends sitzt er über Rechnungen, während Wilhelm neben dem Fenster steht. Auf dem Tisch liegen zwei Stapel Papier. Der eine enthält wissenschaftliche Notizen, der andere die Ausgaben des Haushalts. Jacob betrachtet beide mit wachsender Unzufriedenheit. „Es ist erstaunlich”, sagt er, „wie wenig sich mittelalterliche Dichtung zur Bezahlung eines Bäckers eignet.” „Hast du es versucht?” „Ich fürchte, der Bäcker bevorzugt Geld.” „Ein bedauerlicher Mangel an Bildung.” „Er besitzt vermutlich eine Familie, die Brot essen möchte und keine Abschrift der Edda.” „Den Magen kann man sich nicht vollschreiben.” Jacob schiebt die Rechnungen zusammen. „Seit Mutters Tod bleibt uns nichts anderes übrig, als vernünftig zu sein.” Wilhelm antwortet zunächst nicht. Der leere Platz ihrer Mutter ist noch immer in jedem Zimmer zu spüren. Niemand spricht viel darüber. Vielleicht, weil es keinen Satz gibt, der den Verlust kleiner macht. „Sie hätte gewollt, dass wir unsere Arbeit fortsetzen”, sagt Wilhelm schließlich. „Sie hätte zuerst gewollt, dass wir genug zu essen haben.” „Das eine schließt das andere nicht aus.” „Nein. Aber es erschwert die Reihenfolge.” Wilhelm tritt an den Tisch. „Du kannst nicht allein für alle sorgen.” „Ich bin der Älteste.” „Das ist ein biologischer Umstand, kein Beweis unbegrenzter Fähigkeiten.” „Die Verantwortung fragt selten nach Fähigkeiten.” „Dann sollte man ihr gelegentlich widersprechen.” Jacob betrachtet seinen Bruder. „Du bist krank gewesen, Wilhelm. Du musst auf deine Gesundheit achten.” „Und du auf deine.” „Meine Gesundheit ist ausreichend.” „Dein Schlaf nicht.” „Schlaf wird überschätzt.” „Von Menschen, die zu wenig davon bekommen.” Jacob lächelt müde. „Du hast für alles eine Antwort.” „Nein. Aber ich bemühe mich …” Wilhelm legt eine Hand auf die Rechnungen. „Wir werden einen Weg finden.” „Wie?” „Indem wir arbeiten.” „Das tun wir bereits.” „Dann arbeiten wir klüger.” „Eine gewagte Neuerung.” Beide lachen leise. Es ist das erste gemeinsame Lachen seit Tagen. In den folgenden Jahren setzen die Brüder ihre Studien fort. Schon seit 1807 veröffentlichen sie Aufsätze über den mittelalterlichen Minnesang in wissenschaftlichen Zeitschriften. Wilhelm muss wegen seiner angegriffenen Gesundheit einen Kuraufenthalt in Halle verbringen. Als die Brüder wieder gemeinsam in Kassel arbeiten, kehren sie mit neuer Entschlossenheit zu ihren alten Texten zurück. Eines Nachmittags legt Wilhelm mehrere Abschriften nebeneinander. „Jacob, hier haben wir ein Problem.” „Nur eines? Dann machen wir Fortschritte.” „Dasselbe Lied erscheint in verschiedenen Handschriften, aber die Verse stimmen nicht vollständig überein.” „Das ist gewöhnlich.” „Welche Fassung sollen wir für die richtige halten?” „Wir müssen ihr Alter, ihre Sprache und ihre Überlieferung untersuchen.” „Und wenn keine die ursprüngliche ist?” „Dann müssen wir das sagen.” „Auch wenn unsere Leser eine eindeutige Antwort erwarten?” „Gerade dann.” Wilhelm lehnt sich zurück. „Du verlangst also, dass wir zugeben, etwas nicht zu wissen.” „Wissenschaft beginnt mit dieser Einsicht.” „Das wird ihr beim Publikum wenig Freunde machen.” „Sie soll Erkenntnisse gewinnen, keine Wahlen.” „Wahlen gewinnt man allerdings leichter, wenn man behauptet, alles zu wissen.” Jacob schüttelt den Kopf. „Du solltest Politiker werden.” „Nein, danke. Ich möchte Geschichten bearbeiten. Dort darf man wenigstens offen zugeben, dass manches erfunden ist.” Jacob sieht ihn aufmerksam an. „Das führt uns zu einer Frage, über die ich schon länger nachdenke.” „Zu welcher?” „Was geschieht, wenn wir keine gemeinsame deutsche Überlieferung finden?” „Dann haben wir schlecht gesucht.” „Und wenn wir gut gesucht haben?” „Dann müssen wir vielleicht anerkennen, dass es sie nicht in der Form gibt, die wir erwarten.” „Aber kann eine Gesellschaft ohne gemeinsame kulturelle Grundlagen bestehen?” Wilhelm denkt nach. „Ohne irgendeine gemeinsame Grundlage? Schwerlich. Menschen müssen einander verstehen können. Sie brauchen Regeln, Erwartungen, Erinnerungen. Sie müssen wenigstens darüber übereinkommen, wie sie miteinander streiten wollen.” „Also braucht jede Gesellschaft eine gemeinsame Kultur.” „In einem gewissen Sinne, ja. Aber nicht notwendig dieselben Lieder, dieselben Vorfahren und dieselben Märchen.” „Weshalb nicht?” „Weil auch Menschen verschiedener Herkunft eine Gesellschaft bilden können. Sie müssen nicht dieselbe Vergangenheit besitzen, um eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.” Jacob betrachtet seinen Bruder. „Das klingt schön.” „Es ist auch schwierig.” „Schwieriger als eine gemeinsame Vergangenheit?” „Vielleicht. Die Vergangenheit widerspricht uns nicht mehr persönlich. Lebende Menschen sind in dieser Hinsicht wesentlich anspruchsvoller.” Jacob geht zum Bücherregal und zieht einen Band mit alten deutschen Gedichten heraus. „Stell dir vor, wir entdecken, dass die Bewohner der deutschen Länder weniger verbindet, als wir hoffen. Keine gemeinsame Erinnerung, keine gemeinsame Erzählung, keine gemeinsame Vorstellung ihrer Herkunft. Wäre es dann nicht unsere Aufgabe, eine solche Grundlage zu schaffen?” Wilhelm hebt den Kopf. „Schaffen?” „Oder zusammenfügen.” „Das ist nicht dasselbe.” „Wir könnten aus den vorhandenen Überlieferungen diejenigen auswählen, die besonders geeignet sind, ein gemeinsames Bewusstsein zu fördern.” „Und die anderen?” „Sie blieben ebenfalls erhalten.” „Aber sie würden weniger beachtet.” „Möglicherweise.” „Dann würden wir nicht nur sammeln, sondern entscheiden, was als deutsch gelten soll.” „Jede Sammlung verlangt eine Auswahl.” „Gewiss. Aber nicht jede Auswahl beansprucht, das Wesen eines ganzen Volkes zu zeigen.” Jacob stellt das Buch auf den Tisch. „Vielleicht braucht ein zersplittertes Land gemeinsame Geschichten. Geschichten, in denen die Menschen erkennen, dass sie trotz ihrer Unterschiede zusammengehören.” „Das ist ein ernst zu nehmender Gedanke.” „Du stimmst mir also zu?” „Noch nicht. Ich nehme ihn ernst. Das ist bei uns beiden nicht immer dasselbe.” Jacob verschränkt die Arme. „Dann erkläre mir deinen Einwand.” „Wenn wir eine gemeinsame Vergangenheit erfinden, um eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen, geben wir den Menschen vielleicht Hoffnung. Aber wir geben ihnen zugleich eine Unwahrheit.” „Nicht jede Erfindung ist eine Lüge.” „Natürlich nicht. Ein Gedicht darf erfinden. Ein Märchen darf erfinden. Ein Geschichtsforscher darf das nicht heimlich tun.” „Was aber, wenn eine erfundene Geschichte Menschen verbindet, die sich sonst bekämpfen?” „Dann müssen wir fragen, welchen Preis sie dafür bezahlen.” „Welchen Preis?” „Vielleicht lernen sie, einander als Brüder zu betrachten. Vielleicht lernen sie aber auch, jeden auszuschließen, der nicht in ihre Geschichte passt.” Jacob schweigt. Wilhelm fährt fort: „Wenn wir behaupten, alle Deutschen stammten aus einer einzigen alten Gemeinschaft, was geschieht dann mit den Menschen, deren Familien aus Frankreich, Böhmen oder Polen kommen? Was geschieht mit denen, die andere Sprachen sprechen, andere Lieder singen und andere Erinnerungen besitzen?” „Sie können dennoch dazugehören.” „Dann dürfen wir die gemeinsame Kultur nicht so beschreiben, dass sie nur denen gehört, die wir vorher ausgewählt haben.” Jacob setzt sich. „Du fürchtest, dass eine erfundene Einheit wirkliche Unterschiede verdrängt.” „Ja. Und ich fürchte noch etwas anderes.” „Was?” „Dass die Menschen irgendwann bereit sind, für eine schöne Geschichte schlechte Dinge zu tun.” „Das ist ein harter Gedanke.” „Die Geschichte liefert genügend Beispiele. Wir sollten ihr wenigstens gelegentlich zuhören.” Jacob blickt auf die Urkunden. „Aber wenn wir nichts Gemeinsames finden, bleibt dann nicht bloß die politische Gewalt, die eine Gesellschaft zusammenhält?” „Nicht unbedingt. Es gibt auch gemeinsame Gesetze, gegenseitige Verpflichtungen, Vertrauen und die Erfahrung, aufeinander angewiesen zu sein.” „Das klingt wenig erhebend.” „Eine gerechte Steuerordnung ist selten erhebend. Dennoch ist sie für das Zusammenleben möglicherweise nützlicher als zehn Heldengedichte.” „Das darfst du keinem Dichter sagen.” „Ich werde es nur den Steuerzahlern erzählen.” „Bei den französischen Steuern werden sie dir sicher zuhören.” „Hoffentlich haben sie noch Geld übrig, um nicht nur zuzuhören sondern auch ein Buch zu kaufen …” Eine Weile arbeiten beide schweigend. Dann nimmt Jacob eine Abschrift des Nibelungenliedes zur Hand. „Vielleicht stellen wir die falsche Frage.” „Welche wäre die richtige?” „Nicht, ob wir eine gemeinsame Kultur erfinden sollen, sondern ob wir die vorhandenen Verbindungen sichtbar machen können.” Wilhelm nickt. „Das wäre etwas anderes.” „Wir sammeln die Texte, vergleichen ihre Fassungen, untersuchen ihre Herkunft. Wir suchen nicht nach Beweisen für eine vorgefasste Vorstellung, sondern nach den Zusammenhängen, die tatsächlich bestehen.” „Und wenn die Ergebnisse unserer Vorstellung widersprechen?” „Dann müssen wir unsere Vorstellung ändern.” Wilhelm lächelt. „Du wirst noch ein gefährlicher Wissenschaftler.” „Warum?” „Weil du bereit bist, deine Meinung von Belegen abhängig zu machen. Das könnte Schule machen.” Jacob lacht. „Wir sollten nicht übertreiben.” „Natürlich nicht. Am Ende verlangt noch jemand von den Regierenden, dass sie ihre Behauptungen begründen.” „Das wäre eine Revolution.” „Und diesmal ganz ohne Bastille.” Jacob betrachtet die Handschrift. „Wir müssen die Sprache ernst nehmen. Nicht nur die großen Werke der Dichter, sondern auch die einfachen Erzählungen, die alten Rechtsformeln, die Sagen und Lieder. Alles kann etwas über die Menschen verraten, die vor uns lebten.” „Auch ihre Irrtümer?” „Gerade ihre Irrtümer.” „Auch ihre Vorurteile?” „Auch die.” „Auch ihre schlechten Gedichte?” Jacob zögert. „Wenn es wissenschaftlich notwendig ist.” Wilhelm lächelt. „Das nenne ich Opferbereitschaft.”

Im Jahr 1811 liegen schließlich die ersten selbständigen Bücher der Brüder vor. Jacob veröffentlicht über den altdeutschen Meistergesang, Wilhelm seine altdänischen Heldenlieder, Balladen und Märchen. An einem Abend betrachten sie die gedruckten Bände auf dem Tisch. Wilhelm schlägt sein Buch auf. „Es ist ein merkwürdiges Gefühl.” „Was?” „So lange beschäftigten wir uns mit alten Texten, und nun werden unsere eigenen Texte vielleicht ebenfalls alt.” „Dazu müssen sie zunächst einige Jahre überstehen.” „Du bist wieder einmal ermutigend.” „Ich bin vorsichtig.” „Das ist bei dir häufig dasselbe.” Jacob nimmt Wilhelms Buch in die Hand. „Altdänische Heldenlieder. Du beschäftigst dich mit Dänemark, während wir nach den Grundlagen deutscher Kultur suchen.” „Gerade deshalb.” „Erkläre.” „Wenn wir verstehen wollen, was an unseren Überlieferungen besonders ist, müssen wir wissen, was andere Völker erzählen. Sonst erklären wir am Ende alles für deutsch, was wir nur zufällig zuerst auf Deutsch gelesen haben.” Jacob nickt. „Die alten Stoffe überschreiten Grenzen.” „Und sie kümmern sich wenig darum, welcher Fürst gerade welchen Landstrich regiert.” „Dann könnte unsere gemeinsame Kultur größer sein als Deutschland.” „Vielleicht ist sie das längst.” „Eine europäische Kultur?” „Viele miteinander verbundene Kulturen. Nicht eine einzige, die alle Unterschiede verschluckt.” Jacob blättert weiter. „Du glaubst also, wir können die deutsche Überlieferung nur verstehen, wenn wir sie mit anderen vergleichen?” „Ja. Wer ausschließlich in den eigenen Brunnen schaut, kann schwer beurteilen, wie groß das Meer ist.” „Ein schöner Gedanke.” „Du darfst ihn verwenden.” „Wir sollten erst mal die Steine unseres Brunnenschachts untersuchen, bevor wir versuchen die Küsten des Meers zu kartieren.”

3. Wie Worte eine Welt erschaffen

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1812 Kassel Wilhelm und Jacob Grimm vor dem Marktplatz (Altmarkt) mit dem Rathaus

Im Frühjahr 1812 liegen wieder zahlreiche Abschriften und Notizen auf ihrem Arbeitstisch. Die Brüder bereiten gemeinsame Veröffentlichungen vor. Zu ihnen gehören die Kinder- und Hausmärchen und die Ausgabe zweier altdeutscher Gedichte, des Hildebrandsliedes und des Wessobrunner Gebets:


„Das erfuhr ich unter den Menschen als der Wunder größtes,
Dass die Erde nicht war, noch der Himmel über ihr,
Noch Baum noch Berg,
Noch [ …] irgend etwas,[3] noch die Sonne nicht schien,
Noch der Mond nicht leuchtete, noch das herrliche Meer.

als da nichts war von Enden und Grenzen,
da war der eine allmächtige Gott, der Männer mildester,
da waren auch viele göttliche Geister mit ihm.
Und der heilige Gott [ …]

Gott, Allmächtiger, der Du Himmel und Erde erschaffen hast und den Menschen so viele gute Gaben gegeben hast, gib mir in Deiner Gnade rechten Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft, dem Teufel zu widerstehen, und das Böse zu meiden und Deinen Willen zu verwirklichen.”

„Wilhelm, hör dir diese Verse an.” Jacob Grimm sitzt am Schreibtisch und hält eine Abschrift des Wessobrunner Gebets in den Händen. „Das erfuhr ich unter den Menschen als der Wunder größtes, dass die Erde nicht war, noch der Himmel über ihr, noch Baum noch Berg, noch die Sonne nicht schien, noch der Mond nicht leuchtete, noch das herrliche Meer.” Wilhelm legt seine Feder nieder. „Ein bemerkenswerter Anfang. Der Dichter zählt alles auf, was nicht vorhanden ist, und am Ende sehen wir die ganze Welt vor uns.” „Obwohl er ausdrücklich sagt, dass sie nicht existiert.” „Gerade deshalb. Er lässt uns die Welt betrachten, indem er sie verschwinden lässt.” Jacob nickt. „Das ist die Kraft der Verneinung. Kein Himmel, keine Erde, kein Baum, kein Berg. Die Wiederholung gibt den Versen ihren Rhythmus.” „Und die Steigerung ihre Wirkung”, ergänzt Wilhelm. „Er beginnt mit Erde und Himmel, führt uns zu Baum und Berg, dann zu Sonne, Mond und Meer. Alles, was dem Menschen groß und beständig erscheint, wird fortgenommen.” „Bis nichts bleibt.” „Nein”, widerspricht Wilhelm, „bis die Vorstellung des Nichts bleibt. Und das ist etwas ganz anderes.” Jacob betrachtet ihn. „Du meinst, das Nichts lässt sich nur beschreiben, indem man zuvor an das Etwas erinnert?” „Natürlich. Wer noch nie einen Baum gesehen hat, wird durch die Worte ,noch Baum noch Berg‘ wenig verlieren. Der Dichter nimmt uns nur das, was wir bereits besitzen.” „Dann besteht seine Kunst darin, mit der Erinnerung des Lesers zu arbeiten.” „Und mit dessen Einbildungskraft. Ein schlechter Dichter beschreibt alles, ein guter lässt uns etwas entdecken.” Jacob lächelt. „Eine gewagte Behauptung. Manche schlechten Dichter lassen sehr vieles ungesagt.” „Gewiss. Vor allem das, was sie eigentlich sagen wollten.” „Und manche guten Dichter schreiben sehr ausführlich.” „Auch das. Die Länge eines Gedichts sagt über seinen Wert ungefähr so viel aus, wie die Länge eines Bartes über die Weisheit seines Trägers.” Jacob streicht über sein Kinn. „Du solltest vorsichtiger mit solchen Vergleichen sein.” „Ich spreche selbstverständlich nur von fremden Bärten.” Jacob liest weiter. „Als da nichts war von Enden und Grenzen, da war der eine allmächtige Gott, der Männer mildester, da waren auch viele göttliche Geister mit ihm.” Wilhelm schließt für einen Augenblick die Augen. „Hörst du, wie sich der Klang verändert?” „Inwiefern?” „Zuerst herrscht die Verneinung: nicht, noch, nicht, noch. Dann kommt das einfache Wort ,war‘. Plötzlich ist etwas vorhanden. Ein einziges Wort genügt, um die Leere zu durchbrechen.” „Ein sprachlicher Gegensatz.” „Mehr als das. Der Dichter führt uns von der Abwesenheit zur Gegenwart, von der Leere zur Fülle, von der Ungewissheit zur Gewissheit.” Jacob nickt. „Und er braucht dafür weder eine lange Erklärung noch eine gelehrte Abhandlung.” „Was dich vermutlich ein wenig kränkt.” „Warum sollte es?” „Weil du für denselben Gedanken wenigstens vierzig Seiten und zwölf Fußnoten benötigst.” „Fußnoten verhindern Missverständnisse.” „Nicht immer. Manchmal verschieben sie sie nur an den unteren Rand.” Jacob versucht ernst zu bleiben. „Du hast ein bedenklich geringes Vertrauen in die Wissenschaft.” „Keineswegs. Ich bewundere sie. Aber ein Gedicht muss nicht beweisen, was es den Menschen empfinden lässt.” „Das klingt gefährlich. Auch ein Irrtum kann tief empfunden werden.” „Richtig. Darum brauchen wir beides: die Wissenschaft, die fragt, ob etwas wahr ist, und die Dichtung, die fragt, was eine Wahrheit für den Menschen bedeutet.” „Und was geschieht, wenn beide einander widersprechen?” „Dann wird es interessant.” Jacob legt die Abschrift auf den Tisch. „Mich beschäftigt etwas anderes. Das Wessobrunner Gebet ist christlich, aber die ersten Verse erinnern an ältere germanische Vorstellungen vom Anfang der Welt.” „Du meinst die Schöpfung aus dem Nichts?” „Ich meine die Vorstellung einer Zeit, bevor Erde und Himmel bestehen. Ähnliche Bilder finden sich auch in anderen alten Überlieferungen.” „Dann ist dieses Gedicht vielleicht ein Zeugnis dafür, wie verschiedene Vorstellungen ineinander übergehen.” „Genau.” „So wie die Sprache sich ändert.” Er liest:


„Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista
Dat ero ni uuas noh ufhimil
noh paum noh pereg ni uuas
ni [ …] nohheinig noh sunna ni scein
noh mano ni liuhta noh der mareo seo

Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo
enti do uuas der eino almahtico cot
manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan
cootlihhe geista enti cot heilac [ …]

„Nicht wiederzuerkennen oder?” „Die Sprache bewahrt ältere Formen, während der Glaube ihnen eine neue Bedeutung gibt. So wie die Wörter ihre Form ändern.” Wilhelm denkt nach. „Dann ist ein Gedicht nicht nur das Werk seines Verfassers. Es enthält auch Gedanken von Menschen, die lange vor ihm leben.” „Das ist meine Vermutung.” „Und manchmal Gedanken, von denen der Verfasser selbst nichts mehr weiß.” „Möglich.” „Dann gleicht ein Gedicht einem alten Haus. Die Bewohner wechseln, die Mauern bleiben, und im Keller findet man gelegentlich Dinge, die niemand mehr erklären kann.” Jacob lächelt. „Ein hübscher Vergleich.” „Und ein Grund, weshalb du alte Gedichte so gern untersuchst. Du hoffst, irgendwann im Keller auf einen verschollenen germanischen Gott zu stoßen.” „Ich wäre mit einer zuverlässigen Handschrift bereits zufrieden.” „Deine Ansprüche sind bescheiden.” „Nur meine Anforderungen sind hoch.” „Aber sag mir, Jacob”, fährt Wilhelm fort, „was macht dieses Gedicht eigentlich gut? Sein Alter? Sein Inhalt? Seine Sprache?” „Das Alter allein gewiss nicht. Auch Unsinn kann sehr alt werden.” „Eine Beobachtung, die man gelegentlich in Regierungskreisen überprüfen kann.” „Wilhelm!” „Ich spreche ausschließlich von der Literaturgeschichte.” Jacob räuspert sich. „Ein gutes Gedicht muss eine innere Ordnung besitzen. Seine Worte dürfen nicht beliebig sein. Die Gedanken müssen sich entwickeln, und die sprachliche Form muss ihnen entsprechen.” „Dann wäre dieses Gedicht gelungen, weil es zuerst die Welt verneint und anschließend ihren Ursprung nennt?” „Unter anderem.” „Mir scheint noch etwas wichtiger.” „Was?” „Es beginnt nicht mit einer Behauptung, sondern mit einem Wunder.” Wilhelm nimmt die Abschrift und liest: „Das erfuhr ich unter den Menschen als der Wunder größtes.” Er blickt auf. „Der Dichter sagt nicht: Ich werde euch nun erklären, wie die Welt entstanden ist. Er sagt: Ich habe etwas gehört, das mich staunen lässt.” „Das macht den Leser neugierig.” „Und es macht den Dichter menschlich. Er tritt nicht als allwissender Lehrer auf, sondern als jemand, der selbst von seiner Erkenntnis ergriffen ist.” Jacob überlegt. „Du meinst, das Staunen geht der Erkenntnis voraus.” „Oft. Wer sich über nichts mehr wundert, wird kaum noch etwas entdecken.” „Manche Menschen wundern sich allerdings über Dinge, die sich leicht erklären lassen.” „Dann haben sie wenigstens einen Anlass, etwas zu lernen.” „Und manche wundern sich über ihre eigenen Fehler.” „Das sind gewöhnlich die Klügsten.” „Warum?” „Weil die Dummen ihre Fehler stets bei anderen finden.” Jacob greift erneut nach dem Blatt. „Nun höre den zweiten Teil: Gott, Allmächtiger, der Du Himmel und Erde erschaffen hast und den Menschen so viele gute Gaben gegeben hast, gib mir in Deiner Gnade rechten Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft, dem Teufel zu widerstehen, und das Böse zu meiden und Deinen Willen zu verwirklichen.” Wilhelm hört aufmerksam zu. „Wie merkwürdig.” „Was?” „Zuerst spricht der Dichter vom Anfang der ganzen Welt. Von Himmel und Erde, Sonne und Mond, von der Schöpfung selbst. Und dann bittet er um etwas, das beinahe bescheiden klingt: guten Willen, Weisheit und Klugheit.” „Beinahe?” „Nun, wenn man alle drei zugleich besitzt, ist das keineswegs eine geringe Gabe.” „Du vergisst die Kraft.” „Die braucht man besonders, wenn man Weisheit und Klugheit besitzt und dennoch mit Menschen zusammenleben muss, denen beides fehlt.” Jacob lacht. „Eine wenig christliche Auslegung.” „Im Gegenteil. Sie erklärt, weshalb der Beter so dringend um Hilfe bittet.” Jacob wird nachdenklich. „Der Aufbau ist bemerkenswert. Erst die Größe Gottes, dann die Begrenztheit des Menschen.” „Und dazwischen liegt die ganze Schöpfung.” „Eine Antithese.” „Ja. Aber keine, die den Menschen erniedrigt. Der Beter verlangt nicht nach Reichtum, Ruhm oder Macht. Er bittet darum, das Richtige erkennen und tun zu können.” „Das ist ein hoher moralischer Anspruch.” „Und ein überraschend zeitloser. Die Menschen haben seit Jahrhunderten immer neue Werkzeuge erfunden, um ihre Wünsche durchzusetzen. Nur bei der Frage, welche Wünsche vernünftig sind, kommen sie weniger rasch voran.” „Vielleicht sollten wir dieses Gebet unseren Herrschern empfehlen.” „Ich fürchte, sie würden zuerst nach der Stelle suchen, an der um mehr Macht gebeten wird.” „Die gibt es nicht.” „Eben.” „Und doch”, sagt Jacob nach einer Weile, „unterscheiden sich die beiden Teile sprachlich deutlich. Der erste besitzt eine dichterische Form, der zweite ist ein Gebet in Prosa.” „Das stimmt. Der erste Teil lässt uns sehen, der zweite lässt uns sprechen.” „Sehen und sprechen?” „Ja. Zuerst schauen wir auf eine Welt, die noch nicht besteht. Danach hören wir einen Menschen, der in dieser Welt seinen Platz sucht.” Jacob nickt langsam. „Das ist ein schöner Gedanke.” „Dann schreib ihn auf.” „Ich muss ihn erst prüfen.” „Natürlich. Ich vergesse immer wieder, dass bei dir selbst ein schöner Gedanke zunächst seine Herkunft nachweisen muss.” „Das schützt vor Irrtümern.” „Und gelegentlich vor Begeisterung.” Jacob lächelt. „Du hältst Begeisterung für eine wissenschaftliche Tugend?” „Nicht für eine wissenschaftliche, aber für eine menschliche. Ohne Begeisterung würden wir beide wohl kaum unsere Tage mit Handschriften verbringen, deren Verfasser seit tausend Jahren tot sind.” „Vielleicht tun wir es aus Pflichtgefühl.” „Dann wäre unser Pflichtgefühl ungewöhnlich schlecht bezahlt.” „Da hast du recht.” „Siehst du? Ein seltener Augenblick vollständiger Übereinstimmung.” Wilhelm geht zum Fenster und betrachtet die Straßen Kassels. „Weißt du, was ich an diesem alten Gedicht besonders bewundere?” „Du hast bereits einiges genannt.” „Dass es mit so wenigen Worten so viel erreicht. Es spricht von der ganzen Welt und endet beim Gewissen eines einzelnen Menschen.” „Vom Größten zum Kleinsten.” „Oder vom Äußersten zum Innersten. Der Himmel ist gewaltig, aber die Frage, ob ein Mensch das Gute tut, entscheidet sich in ihm selbst.” Jacob tritt neben seinen Bruder. „Dann wäre ein gutes Gedicht eines, das große Gedanken in einer einfachen Form ausdrückt.” „Nicht unbedingt einfach. Aber notwendig. Jedes Wort sollte seinen Platz haben.” „Und kein Wort zu viel?” „Möglichst keines.” Jacob schaut ihn an. „Dann wären unsere wissenschaftlichen Abhandlungen nach deinen Maßstäben schlechte Gedichte.” „Das sind sie ohnehin.” „Und deine Märchenbearbeitungen?” „Auch dort muss ich mich fragen, welches Wort notwendig ist und welches nur gefallen möchte.” „Eine schwierige Unterscheidung.” „Die wichtigste vielleicht. Ein schönes Wort ist noch kein richtiges Wort.” „Und ein richtiges Wort nicht immer ein schönes.” „Aber wenn beides zusammenkommt”, sagt Wilhelm, „entsteht manchmal Dichtung.” Jacob betrachtet noch einmal das alte Manuskript. „Es ist erstaunlich. Wir wissen so wenig über den Menschen, der diese Verse niederschrieb. Wir kennen seine Gedanken nur aus wenigen Zeilen, und dennoch sprechen sie zu uns über die Jahrhunderte hinweg.” „Vielleicht ist gerade das die eigentliche Leistung eines guten Gedichts”, antwortet Wilhelm. „Es überdauert nicht, weil sein Verfasser berühmt ist. Sein Verfasser wird berühmt, wenn das Gedicht überdauert. Und manchmal bleibt nur das Gedicht.” „Dann besitzt die Dichtung eine besondere Form der Unsterblichkeit.” „Eine bescheidene. Papier vergeht, Sprachen verändern sich, Menschen vergessen. Aber solange jemand die Worte wieder liest und etwas darin erkennt, lebt ein Teil des Gedankens weiter.” Jacob nickt. „Dann sollten wir diese alten Texte sorgfältig bewahren.” „Ja. Aber nicht nur bewahren.” „Was noch?” „Verstehen. Und anderen verständlich machen.” „Das ist unser Vorhaben.” „Dann haben wir eine Aufgabe, die uns noch lange beschäftigen wird.” Jacob sieht auf den Stapel unentzifferter Handschriften. „Daran besteht kein Zweifel.” Wilhelm lächelt. „Vielleicht sollten wir selbst einmal ein Gedicht schreiben, das mit dem Nichts beginnt.” „Weshalb?” „Weil wir damit unsere gegenwärtigen Vermögensverhältnisse ziemlich genau beschreiben könnten.” Jacob schüttelt den Kopf. „Du machst selbst aus der Schöpfungsgeschichte eine Haushaltsrechnung.” „Keineswegs. Ich hoffe nur, dass auf das Nichts irgendwann etwas folgt.” „Im Wessobrunner Gebet folgt darauf die Schöpfung.” „Dann besteht für uns noch Hoffnung.” „Auf göttliche Hilfe?” „Auf einen Verleger, der pünktlich bezahlt. Man sollte mit bescheidenen Wundern beginnen.” Jacob lacht, nimmt die Abschrift des alten Gebets und legt sie behutsam zu den anderen Manuskripten.
„Wilhelm, ich glaube, wir haben heute etwas Wichtiges gelernt.” „Dass ein gutes Gedicht nicht viele Worte braucht?” „Auch das.” „Dass die Form dem Gedanken dienen muss?” „Ja.” „Dass selbst die älteste Dichtung noch Fragen an die Gegenwart stellt?” „Gewiss.” „Und was noch?” Jacob betrachtet die Bücher, die Feder und die unbezahlten Rechnungen. „Dass die Welt offenbar aus dem Nichts entstehen kann, unser Abendessen aber nicht.” Wilhelm nickt ernst. „Ein bedauerlicher Unterschied zwischen Theologie und Haushaltsführung.” Dann setzen sich die Brüder wieder an den Tisch. Draußen beginnt es zu dämmern. Auf dem Papier stehen die Worte eines unbekannten Dichters, der vor vielen Jahrhunderten über das Nichts nachdachte und damit etwas schuf, das die Zeit überdauert. Jacob taucht seine Feder in die Tinte. „Weißt du, Wilhelm, vielleicht besteht die Größe eines Gedichts nicht darin, dass es uns alles erklärt.” „Sondern?” „Dass es uns nach dem Lesen mehr zu denken gibt als zuvor.” Wilhelm lächelt. „Dann ist das Wessobrunner Gebet ein großes Gedicht.” „Warum?” „Weil es mit dem Nichts beginnt und uns am Ende mit der ganzen Welt zurücklässt.”

4. Auf der Suche nach dem deutschen Kulturerbe

Jacob hält eine Märchenaufzeichnung in der Hand. „Wilhelm, was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem alten Heldengedicht und einem Märchen?” „Der Held eines alten Gedichts erschlägt einen Drachen, um Ruhm zu gewinnen. Der Held eines Märchens erschlägt ihn, weil die ‚Moral der Geschicht‘ es verlangt, das Böse zu bekämpfen. Außerdem kann sonst niemand die Prinzessin heiraten.” „Das ist keine wissenschaftliche Definition.” „Aber eine einprägsame.” „Ich frage ernsthaft.” „Ich antworte ebenfalls ernsthaft. Beide erzählen von menschlichen Wünschen und Ängsten. Aber sie tun es auf unterschiedliche Weise. Das Heldengedicht erinnert an eine große Vergangenheit. Das Märchen zeigt eine Welt, in der selbst der Geringste sein Schicksal verändern kann.” „Und was sagt uns das über eine Gesellschaft?” „Dass sie nicht nur wissen will, woher sie kommt. Sie will auch glauben, dass die Zukunft anders sein kann.” Jacob legt das Blatt nieder. „Dann besitzen diese Geschichten vielleicht eine größere Bedeutung, als wir zunächst angenommen haben.” „Das vermute ich schon lange.” „Warum hast du nichts gesagt?” „Ich habe es gesagt. Du warst mit einer Urkunde von Johann Ohneland beschäftigt.” „Der war genau in unserer Situation.”

„Wilhelm, wir müssen eine Liste aufstellen.” Jacob Grimm sitzt an seinem Schreibtisch und zieht einen frischen Bogen Papier hervor. Sein jüngerer Bruder betrachtet ihn mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht. „Eine Liste? Wovon?” „Von den bedeutendsten deutschen Kulturgütern.” „Wie bedeutend?” „So bedeutend, dass jeder Deutsche sie kennen sollte.” „Jeder?” „Jeder gebildete Mensch wenigstens.” „Dann wird die Liste kürzer, als du hoffst.” Jacob hebt den Kopf. „Warum?” „Weil die meisten Menschen damit beschäftigt sind, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Bauer kann ausgezeichnet pflügen, ohne jemals vom Nibelungenlied gehört zu haben.” „Das macht das Nibelungenlied nicht weniger bedeutend.” „Nein. Aber es macht den Bauern auch nicht weniger deutsch.” Jacob legt die Feder nieder. „Du weißt genau, was ich meine.” „Gewiss. Du möchtest herausfinden, welche Werke die Menschen in den deutschen Ländern miteinander verbinden.” „Richtig.” „Dann sollten wir nicht nur fragen, welche Werke bedeutend sind, sondern auch, für wen sie Bedeutung besitzen.” Jacob nickt. „Einverstanden.” „Und wir sollten unterscheiden, was allen Deutschen gehört, was alle Deutschen kennen und was alle Deutschen für deutsch halten.” „Das sind drei verschiedene Dinge.” „Eben. Es wäre schade, wenn wir bereits bei der Überschrift einen wissenschaftlichen Fehler begingen.” Jacob schreibt: Verzeichnis bedeutender Zeugnisse deutscher Sprache und Kultur. Wilhelm beugt sich darüber. „Das ist besser.” „Warum?” „Weil wir damit nicht behaupten, jeder Mensch zwischen Rhein und Oder müsse dieselben Lieder singen.” „Und was schlägst du als Erstes vor?” Wilhelm betrachtet die Bücherregale. „Das Nibelungenlied.” Jacob lächelt. „Endlich sind wir uns einig.” „Warte ab. Wir haben noch nicht darüber gesprochen, weshalb.” Jacob holt eine Abschrift des Nibelungenliedes hervor. „Dieses Werk gehört auf unsere Liste, weil es eine der großen überlieferten Heldendichtungen in deutscher Sprache ist. Es verbindet ältere Sagenstoffe mit der höfischen Welt des Mittelalters.” „Und weil es von Treue handelt”, ergänzt Wilhelm. „Von Ehre, Liebe, Verrat und Rache.” „Vor allem davon, wie gefährlich es wird, wenn Menschen ihre Ehre höher schätzen als das Leben anderer.” „Du beurteilst ein Heldengedicht nach seinen moralischen Folgen?” „Warum nicht? Siegfried stirbt, Kriemhild rächt ihn, und am Ende liegen beinahe alle tot am Boden. Wenn das ein Vorbild für eine Nation sein soll, müssen wir dringend über unsere Vorstellungen von Vorbildern sprechen.” Jacob lächelt. „Die Dichtung muss nicht immer zeigen, wie Menschen handeln sollen. Sie kann auch zeigen, wohin ihr Handeln führt.” „Dann ist das Nibelungenlied eine ausgezeichnete Warnung.” „Wovor?” „Vor gekränktem Stolz, unbedingtem Gehorsam und Familienfeiern mit zu vielen Waffen.” Jacob lacht. „Du machst aus der größten deutschen Heldendichtung eine Anstandslehre.” „Keineswegs. Ich halte sie für groß, gerade weil sie die Abgründe menschlicher Leidenschaften zeigt. Ihre Helden sind nicht nur tapfer, sondern auch verblendet. Sie handeln entschlossen, aber nicht immer klug.” „Das ist wahr.” „Und vielleicht liegt darin ihre Bedeutung. Eine Gesellschaft braucht nicht nur Geschichten über ihre Tugenden. Sie braucht auch Geschichten über ihre Fehler.” Jacob schreibt: Nibelungenlied – Heldendichtung; Treue, Macht, Verrat und die zerstörerischen Folgen der Rache.

„Aber”, sagt Wilhelm, „wir sollten hinzufügen, dass seine Stoffe über die Grenzen der deutschen Länder hinausreichen.” „Du meinst die nordischen Überlieferungen?” „Ja. Die Geschichten von Sigurd und den Nibelungen besitzen Verwandte im Norden. Wenn wir das Werk als deutsch bezeichnen, dürfen wir nicht behaupten, seine gesamte Überlieferung sei ausschließlich deutsch.” „Einverstanden. Eine gemeinsame Kultur entsteht nicht dadurch, dass ihre Nachbarn vergessen werden.” „Das ist ein guter Satz.” „Dann schreiben wir ihn auf.” „Aber nicht alles vom ganzen Kontinent. Sonst wird die Liste länger als das Nibelungenlied.” „Als Nächstes das Hildebrandslied”, sagt Jacob. „Unbedingt”, antwortet Wilhelm. „Aber nicht, weil es besonders heiter wäre.” „Es gehört zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen deutscher Heldendichtung.” „Und es stellt eine Frage, die keine Zeit endgültig beantworten kann.” „Welche?” „Was geschieht, wenn die Pflicht gegenüber einer Gemeinschaft mit der Liebe zu einem Menschen in Widerspruch gerät?” Jacob nickt. „Hildebrand begegnet seinem Sohn Hadubrand auf dem Schlachtfeld. Der Sohn erkennt den Vater nicht an, und beide geraten in einen Kampf.” „Ein Vater, der seinen Sohn wiederfindet, und ein Sohn, der ihm nicht glaubt. Eine erschütternde Vorstellung.” „Die erhaltene Handschrift bricht ab, bevor wir erfahren, wie der Kampf endet.” „Vielleicht ist gerade das ihr Glück.” „Wieso?” „Weil wir gezwungen sind, selbst über den Ausgang nachzudenken. Ein Dichter, der uns keine Antwort hinterlässt, kann uns länger beschäftigen als einer, der jede Frage sorgfältig erledigt.” Jacob betrachtet seinen Bruder. „Das ist ein bemerkenswerter Gedanke.” „Ich habe gelegentlich welche.” „Das Hildebrandslied zeigt außerdem, wie sich ältere germanische Heldentraditionen in der Sprache erhalten.” „Dann gehört es aus zwei Gründen auf die Liste”, sagt Wilhelm. „Wegen seines Alters und wegen seiner menschlichen Tragik.” „Und wegen seiner sprachgeschichtlichen Bedeutung.” „Natürlich. Du würdest selbst bei einem Weltuntergang zunächst die Lautverschiebung untersuchen.” „Wenn noch jemand darüber berichten könnte, wäre das durchaus interessant.” Wilhelm schüttelt den Kopf. „Ich hoffe, der Weltuntergang findet während deiner Arbeitszeit statt.” „Wenn wir von religiöser Dichtung sprechen”, sagt Jacob, „müssen wir auch den Heliand aufnehmen.” „Die altsächsische Evangelienharmonie?” „Ja. Sie zeigt, wie christliche Stoffe in der Sprache und Vorstellungswelt der Sachsen gestaltet werden.” Wilhelm nickt. „Christus erscheint darin in einer Welt, deren Bilder den Hörern vertraut sind. Die Jünger erinnern an Gefolgsleute, die religiöse Botschaft wird in einer Form erzählt, die an die heimische Heldendichtung anknüpft.” „Ein hervorragendes Beispiel kultureller Vermittlung.” „Und ein Beweis dafür, dass selbst eine Botschaft, die als allgemein gültig verstanden wird, eine besondere Sprache benötigt, um Menschen zu erreichen.” „Du meinst, das Allgemeine wird erst durch das Besondere verständlich?” „Oft. Wer allen Menschen dasselbe sagen will, muss berücksichtigen, dass nicht alle Menschen auf dieselbe Weise hören.” Jacob schreibt: Heliand – altsächsische religiöse Dichtung; Verbindung christlicher Inhalte mit einheimischer Erzähltradition. „Aber”, sagt Wilhelm, „wir sollten auch die althochdeutsche Evangelienbearbeitung Otfrids von Weißenburg aufnehmen.” „Weshalb?” „Weil sie zeigt, dass es schon früh verschiedene Wege gab, christliche Inhalte in deutscher Sprache dichterisch zu gestalten. Der eine Dichter verwendet die Stabreimtradition, der andere den Endreim.” „Eine wichtige Entwicklung der Verskunst.” „Und ein schöner Hinweis darauf, dass selbst die frommen Dichter nicht immer derselben Meinung über die richtige Form waren.” „Das ist kein Widerspruch zum Glauben.” „Natürlich nicht. Aber es beruhigt mich, dass selbst die mittelalterliche Frömmigkeit Raum für literarische Meinungsverschiedenheiten ließ.”

5. Einigkeit durch gemeinsame Gedanken, Hoffnungen und sogar Ängste

Hier sollte ein Bild stehen.
Walther von der Vogelweide, der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters

Wilhelm nimmt einen Band aus dem Regal. „Nun sollten wir über Walther von der Vogelweide sprechen.” Jacob nickt. „Einer der bedeutendsten mittelhochdeutschen Lyriker.” „Und ein Mann, der sich nicht darauf beschränkt, schöne Frauen zu besingen.” „Seine politischen Sprüche sind von großer Bedeutung.” „Eben. Er spricht von Herrschaft, Recht und gesellschaftlicher Ordnung. Er lobt, tadelt, fordert und widerspricht.” „Er zeigt, dass Dichtung in politische Auseinandersetzungen eingreifen kann.” „Und dass ein Dichter nicht unbedingt eine Armee benötigt, um einem Herrscher unangenehm zu werden.” Jacob lächelt. „Ein Vers kann allerdings leichter verboten werden als eine Armee.” „Aber schwerer gefangen genommen werden, wenn die Menschen ihn auswendig kennen.” Jacob wird nachdenklich. „Das ist vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften mündlich überlieferter Kultur. Sie kann weiterbestehen, auch wenn ihre schriftlichen Zeugnisse verloren gehen.” „Dann gehört Walther auf unsere Liste, weil seine Dichtung die Verbindung von persönlichem Empfinden und öffentlicher Verantwortung zeigt.” „Und wegen seiner sprachlichen Kunst.” „Gewiss. Wir sollten nicht vergessen, dass er vor allem ein großer Dichter ist.” „Was macht ihn dazu?” Wilhelm überlegt. „Dass seine Verse auch dann etwas über Menschen sagen, wenn die politischen Streitigkeiten, auf die sie sich beziehen, längst vergangen sind.” Jacob schreibt: Walther von der Vogelweide – Minnesang und politische Spruchdichtung; Verbindung von sprachlicher Kunst, persönlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Verantwortung. „Dann Wolfram von Eschenbach”, schlägt Jacob vor. „Parzival.” Wilhelm nickt begeistert. „Unbedingt.” „Wegen seiner Bedeutung für die höfische Epik.” „Und wegen der Frage, was einen guten Menschen ausmacht.” „Parzival sucht den Gral.” „Aber zunächst versteht er nicht, dass Mitgefühl wichtiger sein kann als die Einhaltung erlernter Regeln.” Jacob betrachtet seinen Bruder. „Du spielst auf seine versäumte Frage an den leidenden Gralskönig an.” „Ja. Parzival hat gelernt, nicht zu viel zu fragen. Also schweigt er, wo er fragen sollte.” „Ein bemerkenswerter Fehler.” „Besonders für dich.” „Warum?” „Weil du seit deiner Kindheit den gegenteiligen Fehler begehst.” Jacob lächelt. „Ich frage zu viel?” „Du fragst selbst dann noch, wenn die Antwort bereits vor dir liegt.” „Das nennt man Gründlichkeit.” „Und Parzival nennt sein Schweigen vermutlich Höflichkeit. Beide Begriffe können gelegentlich als Entschuldigung dienen.” Jacob lacht. „Was lernen wir also aus Parzival?” „Dass Bildung ohne Urteilskraft unvollständig ist. Dass Gehorsam nicht immer Tugend bedeutet. Und dass ein Mensch erst durch Irrtum und Einsicht zu sich selbst findet.” „Dann ist das Werk auch für unsere Zeit bedeutsam.” „Gerade für unsere Zeit. Europa besitzt genügend Menschen, die gelernt haben, Befehle zu befolgen. Vielleicht braucht es mehr Menschen, die wissen, wann sie eine Frage stellen müssen.” Jacob schreibt: Parzival – höfischer Roman; Bildung, Mitgefühl, Verantwortung und die Entwicklung menschlicher Urteilskraft.

Jacob zieht ein weiteres Buch hervor. „Nun kommen wir zu den Volksbüchern.” „Endlich”, sagt Wilhelm. „Ich hatte schon befürchtet, du wolltest die deutsche Kultur ausschließlich den Rittern, Mönchen und Minnesängern überlassen.” „Welche Werke schlägst du vor?” „Till Eulenspiegel.” Jacob hebt die Augenbrauen. „Ausgerechnet Eulenspiegel?” „Warum nicht?” „Ein Schelm, der seine Mitmenschen täuscht und verspottet?” „Gerade deshalb. Eine Gesellschaft, die nur ihre Helden verehrt, nimmt sich irgendwann selbst zu ernst.” „Eulenspiegel ist kein moralisches Vorbild.” „Nein. Aber er ist ein hervorragender Beobachter menschlicher Dummheit.” „Er stellt die Menschen bloß.” „Indem er ihre Worte wörtlich nimmt. Das ist sein größter Kunstgriff. Er zeigt, wie häufig Menschen etwas anderes meinen, als sie sagen.” Jacob denkt nach. „Das ist tatsächlich sprachlich interessant.” „Natürlich. Ich wusste, dass ich dich damit gewinnen würde.” „Und gesellschaftlich?” „Eulenspiegel verspottet Handwerker, Geistliche, Gelehrte und Obrigkeiten. Er erinnert uns daran, dass Rang und Verstand nicht immer gemeinsam auftreten.” „Eine gefährliche Erkenntnis.” „Vor allem für diejenigen, die ihren Rang für einen ausreichenden Beweis ihres Verstandes halten.” Jacob schreibt: Till Eulenspiegel – Schwanküberlieferung; Sprachwitz, Gesellschaftskritik und Entlarvung menschlicher Selbstüberschätzung.

„Und”, ergänzt Wilhelm, „weil ein Volk, das über seine eigenen Schwächen lachen kann, vielleicht weniger Anlass hat, seine Schwächen anderen Völkern zuzuschreiben.” „Dann sollten wir auch den Faust berücksichtigen”, sagt Jacob. „Die Historia von D. Johann Fausten aus dem Jahr 1587.” Wilhelm nickt. „Ein Gelehrter, der mehr wissen will, als ihm erlaubt ist, und dafür einen gefährlichen Vertrag schließt.” „Die Geschichte behandelt die Grenzen menschlichen Erkenntnisstrebens.” „Und die Versuchung, für Wissen und Macht jeden Preis zu bezahlen.” Jacob lächelt. „Du willst doch nicht behaupten, wissenschaftliche Neugier sei teuflisch?” „Nein. Aber ich halte es für ratsam, die Vertragsbedingungen zu lesen, bevor man seine Seele überschreibt.” „Ein Jurist würde dir zustimmen.” „Dann besitzt die juristische Ausbildung offenbar doch einen gewissen Wert.” „Faust zeigt uns, wie eng Wissensdurst, Ehrgeiz und moralische Verantwortung zusammenhängen.” „Und dass Bildung allein keinen guten Menschen hervorbringt.” Jacob notiert das Werk. „Wir sollten erwähnen, dass Goethe den Stoff in unserer Zeit neu gestaltet.” „Natürlich. Gerade daran erkennt man die Lebendigkeit einer Überlieferung. Ein alter Stoff kann neue Fragen aufnehmen.” „Dann gehört auch Goethe auf unsere Liste.” „Unbedingt. Aber nicht nur wegen Faust.”

Jacob nimmt ein neueres Buch zur Hand. „Goethes Werther?” Wilhelm schüttelt den Kopf. „Zu neu?” „Wir sollten zunächst über seine Bedeutung sprechen.” „Die Leiden des jungen Werthers haben in ganz Europa Aufsehen erregt.” „Weil Goethe die Empfindungen eines Einzelnen mit einer bis dahin ungewöhnlichen Unmittelbarkeit gestaltet.” „Und weil er zeigt, wie persönliche Gefühle mit gesellschaftlichen Erwartungen in Konflikt geraten.” „Ja. Doch wir sollten vorsichtig sein, ein Werk allein wegen seiner Wirkung für vorbildlich zu erklären.” „Du meinst die Nachahmung des unglücklichen Helden?” „Auch. Literatur kann Menschen bewegen, ohne ihnen immer einen guten Weg zu zeigen.” Jacob nickt. „Dann ist Werther wichtig, weil das Werk die Möglichkeiten und Gefahren einer neuen Empfindsamkeit sichtbar macht.” „Und weil es weit über die deutschen Länder hinaus gelesen wird. Eine deutsche Dichtung kann europäische Bedeutung gewinnen, ohne dadurch weniger deutsch zu werden.” „Ein guter Gedanke.” „Du darfst ihn wieder prüfen.”

„Schiller darf nicht fehlen”, sagt Jacob. „Natürlich nicht”, antwortet Wilhelm. „Die Räuber, Don Karlos, Wilhelm Tell.” „Welches Werk würdest du auswählen?” Wilhelm denkt nach. „Vielleicht Wilhelm Tell.” „Wegen der Freiheit?” „Ja. Aber auch wegen der Schwierigkeit, Freiheit und Gewalt voneinander zu unterscheiden.” „Das Stück handelt von Widerstand gegen ungerechte Herrschaft.” „Und von der Frage, wann Gehorsam aufhört, eine Tugend zu sein.” Jacob nickt. „Eine Frage, die in unserer Zeit besondere Bedeutung besitzt.” „Allerdings. Wir leben unter einer Herrschaft, die sich auf Reformen und Fortschritt beruft, während viele Menschen sie als Fremdherrschaft empfinden.” „Und doch spielt Wilhelm Tell in der Eidgenossenschaft Schweiz.” „Eben. Wenn wir ihn aufnehmen, beweisen wir zugleich, dass die deutschsprachige Literatur sich auf alle deutschen Lande erstreckt.” Jacob schreibt: Schiller, Wilhelm Tell – Freiheitsdrama; Recht, Widerstand und Verantwortung des Einzelnen. „Aber”, ergänzt Wilhelm, „wir sollten auch seine anderen Werke nicht vergessen. Eine Kultur lässt sich nicht auf ein einziges Stück reduzieren, selbst wenn darin ein Apfel besonders unglücklich platziert wird.”

„Nun Luther”, sagt Jacob. Wilhelm wird ernst. „Seine Bibelübersetzung gehört unbedingt auf unsere Liste.” „Wegen ihrer Bedeutung für die Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache.” „Und weil sie religiöse Texte für viele Menschen zugänglicher macht.” „Die Übersetzung verbindet unterschiedliche sprachliche Traditionen.” „Ja. Aber wir dürfen nicht behaupten, Luther habe die deutsche Sprache erfunden.” Jacob nickt. „Das wäre historisch falsch. Es gibt lange vor ihm deutschsprachige Literatur und zahlreiche Übersetzungen.” „Und wir sollten nicht übersehen, dass seine Wirkung auch mit religiösen Konflikten verbunden ist.” „Die Reformation verändert die Gesellschaft tiefgreifend.” „Sie verbindet Menschen, aber sie trennt auch. Protestanten und Katholiken lesen nicht immer dieselben Bücher, singen nicht immer dieselben Lieder und betrachten ihre Geschichte nicht immer auf dieselbe Weise.” Jacob legt die Feder nieder. „Dann stellt sich erneut die Frage, ob es überhaupt Kulturgüter gibt, die allen Deutschen gemeinsam sind.” „Vielleicht müssen nicht alle ein Werk lieben, damit es zu ihrer gemeinsamen Geschichte gehört.” „Du meinst, auch der Streit über ein Werk kann verbinden?” „Ja. Eine gemeinsame Kultur besteht nicht nur aus Übereinstimmung. Sie besteht auch aus Fragen, über die Menschen seit Jahrhunderten miteinander streiten.” Jacob denkt nach. „Dann ist Luther gerade wegen seiner umstrittenen Wirkung bedeutsam.” „Gewiss. Und weil seine Übersetzung die Sprache prägte, auch bei Menschen, die seine religiösen Ansichten nicht teilten.”

6. Von Dichtern, Narren und anderen klugen Köpfen

„Wir dürfen Gottfried von Straßburg nicht vergessen”, sagt Wilhelm. „Tristan.” Jacob nickt. „Eine große Liebesdichtung.” „Und eine höchst unbequeme.” „Weshalb?” „Weil sie zeigt, dass persönliche Leidenschaft und gesellschaftliche Verpflichtung nicht immer miteinander vereinbar sind.” „Die Liebe zwischen Tristan und Isolde verletzt bestehende Bindungen.” „Ja. Aber der Dichter macht es uns unmöglich, die beiden einfach als schlechte Menschen abzutun.” „Das ist die Leistung großer Literatur. Sie zeigt uns Konflikte, ohne sie durch ein bequemes Urteil zu beseitigen.” „Dann gehört Tristan auf die Liste, weil das Werk eine Frage stellt, die auch unsere Gesellschaft beschäftigt: Wie viel Freiheit darf der Einzelne beanspruchen, wenn seine Wünsche den Pflichten gegenüber anderen widersprechen?” Jacob schreibt. Wilhelm betrachtet ihn. „Wir sollten allerdings aufpassen, dass unsere Liste nicht zu einer Sammlung unglücklicher Liebesgeschichten wird.” „Warum?” „Weil sonst der Eindruck entsteht, die deutsche Kultur bestehe hauptsächlich aus Menschen, die einander lieben und deshalb zugrunde gehen.” „Das wäre ungerecht.” „Gewiss. Manche gehen auch zugrunde, weil sie einander hassen. Dafür haben wir das Nibelungenlied.”

„Wir sollten die deutschen Volkslieder aufnehmen”, sagt Wilhelm. „Aber welche?” „Nicht nur einzelne. Die Überlieferung als Ganzes.” „Dann müssen wir Achim von Arnim und Clemens Brentano erwähnen.” „Und ihre Sammlung ‚Des Knaben Wunderhorn‘.” Jacob nickt. „Die zwischen 1805 und 1808 veröffentlichten Bände haben großes Interesse an alten Liedern geweckt.” „Aber sie zeigen auch ein Problem unserer Arbeit.” „Welches?” „Die Herausgeber bearbeiten die Texte, ergänzen sie und gestalten sie nach ihrem eigenen Geschmack.” „Das ist bei einer poetischen Sammlung nicht grundsätzlich verwerflich.” „Nein. Aber man muss unterscheiden zwischen dem Lied, wie es überliefert ist, und dem Lied, wie ein Herausgeber es gern überliefert hätte.” Jacob lächelt. „Du verlangst also wissenschaftliche Genauigkeit von Dichtern.” „Ich verlange Ehrlichkeit von Herausgebern.” „Das ist ein Unterschied.” „Ein wichtiger. Wenn wir ein Lied verändern, sollten wir nicht behaupten, es sei unverändert aus dem Mund des Volkes gekommen.” Jacob schreibt: Deutsche Volkslieder – regionale und überregionale Liedtraditionen; Ausdruck gemeinsamer Erfahrungen und sprachlicher Vielfalt.
Wilhelm betrachtet den Eintrag. „Das gefällt mir.” „Warum?” „Weil wir damit nicht behaupten, alle Deutschen sängen dieselben Lieder. Wir zeigen vielmehr, dass das Singen selbst eine gemeinsame kulturelle Praxis ist.” „Und dass Lieder wandern.” „Ja. Mit Soldaten, Handwerkern, Kaufleuten, Studenten und Familien. Ein Lied kann in Sachsen entstehen, in Hessen verändert werden und in Österreich eine neue Strophe erhalten.” „Dann gehört es mehreren Landschaften.” „Und vielleicht gerade deshalb zu einer größeren gemeinsamen Kultur.”

„Was ist mit den Sagen?”, fragt Jacob. „Die dürfen wir keinesfalls vergessen”, antwortet Wilhelm. „Aber wir müssen sie von den Märchen unterscheiden.” „Eine Sage ist häufig an einen bestimmten Ort, eine Person oder ein angebliches geschichtliches Ereignis gebunden.” „Während das Märchen gewöhnlich in einer unbestimmten Zeit und Welt spielt.” „Die Sage behauptet eher, etwas sei tatsächlich geschehen.” „Und das Märchen beginnt mit einer Formel, die uns freundlich darauf vorbereitet, dass wir nicht nach dem genauen Datum fragen sollen.” Jacob lächelt. „Welche Sagen würdest du aufnehmen?” „Die Geschichten um Kaiser Friedrich Barbarossa, die Überlieferungen vom Rattenfänger von Hameln, die Sagen von Bergen, Burgen und versunkenen Städten.” „Barbarossa ist besonders interessant”, sagt Jacob. „Die Vorstellung eines verborgenen Kaisers, der eines Tages zurückkehrt, verbindet politische Hoffnung mit sagenhafter Überlieferung.” „Und sie verrät etwas über die Sehnsucht nach einer gerechten Ordnung.” „Oder nach einer vergangenen Größe.” „Wobei vergangene Größe in Sagen gewöhnlich besser aussieht als in Steuerregistern.” Jacob lacht. „Das ist wahrscheinlich.” „Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht aus jeder Sage eine historische Tatsache machen.” „Selbstverständlich.” „Eine Sage kann für das Verständnis einer Gesellschaft wichtig sein, auch wenn das erzählte Ereignis nie stattgefunden hat.” „Weil sie zeigt, was Menschen glauben, hoffen oder fürchten.” „Genau.” Jacob schreibt: Deutsche Sagen – ortsgebundene Überlieferungen; geschichtliche Erinnerung, Volksglaube und gesellschaftliche Vorstellungen.

„Nun fehlen noch die Märchen”, sagt Wilhelm. Jacob blickt auf die zahlreichen Aufzeichnungen, die sich auf dem Tisch stapeln. „Unsere Märchen.” „Nicht unsere”, widerspricht Wilhelm. „Die Geschichten gehören zunächst den Menschen, die sie erzählen.” „Natürlich. Ich meine unsere Sammlung.” „Das ist etwas anderes.” Jacob nimmt eine Aufzeichnung von Dornröschen zur Hand. „Warum sollten Märchen auf einer Liste gemeinsamer deutscher Kulturgüter stehen?” Wilhelm überlegt. „Weil sie Vorstellungen behandeln, die Menschen verschiedener Stände und Landschaften verstehen. Hunger und Überfluss, Armut und Reichtum, Angst und Hoffnung, Ungerechtigkeit und ihre Überwindung.” „Aber viele dieser Stoffe sind auch in anderen Ländern bekannt.” „Das spricht nicht gegen ihre Bedeutung.” „Du meinst, Rotkäppchen kann zugleich Teil deutscher und französischer Überlieferung sein?” „Natürlich. Eine Geschichte verliert ihre Bedeutung nicht, weil sie auch anderswo erzählt wird.” „Und was macht sie dann zu einem deutschen Kulturgut?” „Dass sie in deutscher Sprache erzählt, weitergegeben und verändert wird. Nicht dass sie ausschließlich hier entstanden sein muss.” Jacob nickt. „Dann ist Kultur weniger ein Besitz als eine Tätigkeit.” „Eine Tätigkeit?” „Menschen erzählen, übersetzen, erinnern, verändern und bewahren. Die Kultur entsteht dabei immer wieder neu.” Wilhelm lächelt. „Das ist ein Gedanke, den wir festhalten sollten.” Jacob schreibt: Kinder- und Hausmärchen – überlieferte Erzählstoffe; menschliche Grunderfahrungen, sprachliche Gestaltung und kulturelle Weitergabe.
„Aber”, sagt Wilhelm, „wir sollten nicht behaupten, alle Märchen seien uralt oder unverändert.” „Nein. Unsere Aufgabe besteht darin, ihre Fassungen zu sammeln und ihre Überlieferung so sorgfältig wie möglich zu untersuchen.” „Und wenn wir sie sprachlich bearbeiten?” „Dann müssen wir uns unserer Verantwortung bewusst sein.” Wilhelm nickt. „Denn ein Märchen gehört nicht allein demjenigen, der es aufschreibt.”

Jacob betrachtet seine Liste. „Wir haben Dichtung, religiöse Texte, Sagen, Märchen und Volkslieder. Fehlt noch etwas?” Wilhelm sieht ihn erstaunt an. „Du willst die deutsche Kultur auf Bücher und Geschichten beschränken?” „Keineswegs. Was schlägst du vor?” „Die Baukunst. Die Musik. Die Handwerkskunst. Die Rechtsüberlieferung. Die Bräuche.” Jacob nickt. „Du hast recht.” „Dann beginnen wir mit den Domen.” „Welche?” „Speyer, Mainz, Worms, Köln.” „Der Kölner Dom ist noch unvollendet”, bemerkt Jacob. „Das macht ihn nicht weniger bedeutend.” „Im Gegenteil. Er zeigt, wie ein Bauwerk Generationen miteinander verbinden kann.” „Und wie lange ein gemeinsames Vorhaben dauern darf, ohne dass alle Beteiligten sein Ende erleben.” Jacob lächelt. „Ein tröstlicher Gedanke für unsere Bücher.” „Besonders für deine wissenschaftlichen Vorhaben.” „Warum?” „Weil ich gelegentlich vermute, dass du lieber ein Werk beginnst, das niemals abgeschlossen werden kann, als eines, bei dem du eines Tages aufhören musst.” „Gründlichkeit benötigt Zeit.” „Der Kölner Dom wird dir darin zustimmen.” Jacob schreibt: Deutsche Dome und mittelalterliche Baukunst – religiöse, künstlerische und handwerkliche Leistungen über Generationen hinweg.
„Aber”, ergänzt Wilhelm, „wir sollten nicht vergessen, dass die Baumeister ihre Kenntnisse aus vielen Regionen Europas bezogen. Auch die gotische Baukunst entstand nicht hinter verschlossenen Grenzen.” „Das gilt offenbar für fast alle unsere Kulturgüter.” „Vielleicht ist gerade das eine unserer wichtigsten Erkenntnisse.”

„Und die Musik?”, fragt Jacob. „Bach”, antwortet Wilhelm sofort. „Johann Sebastian Bach.” „Wegen seiner geistlichen und weltlichen Kompositionen.” „Und wegen der außerordentlichen Verbindung von Kunstfertigkeit und Ausdruck.” „Händel sollten wir ebenfalls aufnehmen.” „Obwohl er einen großen Teil seines Lebens in England verbrachte?” „Gerade deshalb. Georg Friedrich Händel zeigt, wie ein Musiker aus deutschen Ländern zu einem europäischen Künstler wird.” „Und Mozart?” „Unbedingt. Salzburg, wie deutsch kann eine Stadt sein?” Jacob nickt. „Dann müssen wir sorgfältig unterscheiden zwischen deutscher Sprache, deutscher Herkunft und der politischen Zugehörigkeit.” „Das müssen wir bei fast jedem Eintrag.” „Und Beethoven?” „Auch ihn. Seine Musik zeigt, wie weit sich die Ausdrucksmöglichkeiten der Instrumentalmusik entwickeln.” Jacob schreibt: Bach, Händel, Mozart und Beethoven – bedeutende musikalische Leistungen aus dem deutschsprachigen Kulturraum und ihre europäischen Verbindungen.

Wilhelm betrachtet die Liste. „Es ist merkwürdig. Je mehr wir sammeln, desto schwieriger wird es, eine klare Grenze um die deutsche Kultur zu ziehen.” „Vielleicht liegt das daran, dass Kultur keine Grenze besitzt, die sich wie die eines Fürstentums vermessen lässt.” „Ein Fürstentum lässt sich ebenfalls nicht immer eindeutig vermessen”, sagt Wilhelm. „Besonders wenn zwei Fürsten dieselbe Wiese beanspruchen.” „Dann wird gestritten.” „Und am Ende bezahlen die Bauern die Vermessung.” „Besser als sich auf Befehl des Fürsten darum schlagen zu müssen.”
„Die Rechtsüberlieferungen dürfen nicht fehlen”, sagt Jacob. „Der Sachsenspiegel beispielsweise.” „Ein Rechtsbuch als Kulturgut?”, fragt Wilhelm. „Gewiss. Der Sachsenspiegel aus dem 13. Jahrhundert ist eines der bedeutendsten Zeugnisse mittelalterlichen Rechts in deutscher Sprache.” „Aber seine Bestimmungen entsprechen nicht immer unseren heutigen Vorstellungen von Gerechtigkeit.” „Das müssen sie auch nicht. Seine Bedeutung liegt darin, dass wir an ihm erkennen können, wie Menschen Recht und gesellschaftliche Ordnung verstehen.” „Dann sollten wir deutlich machen, dass ein historisch bedeutendes Gesetz nicht notwendig ein gerechtes Gesetz ist.” „Unbedingt.” Wilhelm denkt nach. „Vielleicht ist das besonders wichtig. Die Menschen verwechseln das Bestehende gern mit dem Richtigen.” „Und das Alte mit dem Bewährten.” „Dabei kann ein Irrtum sehr alt werden, wenn niemand den Mut besitzt, ihn zu prüfen.” Jacob schreibt: Sachsenspiegel – mittelalterliche Rechtsüberlieferung; Zeugnis gesellschaftlicher Ordnung und historischer Rechtsvorstellungen.
„Damit”, sagt Wilhelm, „haben wir wenigstens ein Kulturgut aufgenommen, das Vater gefallen hätte.” Jacob lächelt wehmütig. „Er hätte vermutlich gefragt, ob wir auch die geltenden Vorschriften ausreichend beachten.” „Und Mutter hätte gefragt, ob wir inzwischen zu Abend gegessen haben.” Für einen Augenblick schweigen beide.

7. Was verbindet ein Volk?

Hier sollte ein Bild stehen.
Germanische Skalden und keltische Barden geben Kultur durch mündliche Überlieferung von Generation zu Generation weiter

Dann legt Wilhelm behutsam ein weiteres Blatt auf den Tisch. „Jacob, wir haben die großen Dichter, die Gelehrten, die Baumeister und die Komponisten aufgeschrieben. Aber etwas fehlt.” „Was?” „Die Menschen, deren Namen niemand kennt.” Jacob sieht ihn an. „Du meinst die mündlichen Überlieferungen?” „Mehr als das. Die Arbeit der Handwerker, die Lieder der Bauern, die Erzählungen der Frauen, die Bräuche der Familien. Die Kultur eines Volkes entsteht nicht nur in Schlössern, Klöstern und Universitäten.” „Das stimmt.” „Ein Kind lernt seine ersten Geschichten nicht aus einem gelehrten Buch. Es hört sie von seiner Mutter, seinem Vater, seinen Großeltern oder anderen Menschen, die sich seiner annehmen.” „Und diese Geschichten verändern sich von Generation zu Generation.” „Ja. Manchmal bleibt ein Satz erhalten, während alles andere vergessen wird. Manchmal entsteht aus einem alten Lied eine neue Geschichte. Manchmal bewahrt ein Mensch etwas, dessen Bedeutung ihm selbst nicht vollständig bewusst ist.” Jacob nickt. „Dann sollten wir auch die Bräuche, Sprichwörter, Rätsel und Redensarten sammeln.” „Und die unterschiedlichen Mundarten.” „Selbstverständlich.” „Auch wenn sie sich widersprechen?” „Gerade dann.” „Auch wenn die Menschen in Bayern andere Wörter verwenden als in Hessen?” „Ja.” „Und wenn ein Schwabe behauptet, seine Aussprache sei die einzig richtige?” Jacob lächelt. „Vielleicht können wir so tun, als verstehen wir ihn nicht.” „Verstehst du Schwäbisch?” „Guter Punkt.”
Der Abend ist inzwischen hereingebrochen. Jacob betrachtet die Liste, die mehrere Seiten umfasst. „Wir haben viel zusammengetragen.” Wilhelm zählt die Einträge. „Nibelungenlied, Hildebrandslied, Wessobrunner Gebet, Heliand, Otfrid, Walther, Parzival, Tristan, Eulenspiegel, Faust, Goethe, Schiller, Luther, Volkslieder, Sagen, Märchen, Baukunst, Musik, Rechtsüberlieferungen und Bräuche.Die Möglichkeit, an einer gemeinsamen Überlieferung teilzuhaben.” Wilhelm nickt. „Das gefällt mir besser.” „Eine Kultur muss nicht von jedem Menschen vollständig gekannt werden, um eine gemeinsame Kultur zu sein.” „Aber sie darf auch nicht behaupten, dass diejenigen, die sie nicht kennen, weniger dazugehören.” „Nein.” „Dann sollten wir unsere Liste nicht als Verzeichnis dessen verstehen, was ein Deutscher wissen muss, um Deutscher zu sein.” „Sondern als Einladung, die Geschichte und die Vielfalt der deutschsprachigen Kultur kennenzulernen.” Wilhelm lächelt. „Das ist ein erheblicher Unterschied.” „Und vielleicht der wichtigste.” Jacob nimmt den ersten Bogen Papier und liest die Überschrift noch einmal. Dann streicht er sie durch. Wilhelm beobachtet ihn. „Was tust du?” „Ich ändere den Titel.” „Warum?” „Weil wir nicht die allen Deutschen gemeinsamen Kulturgüter gefunden haben.” „Was dann?” „Wir haben Zeugnisse gesammelt, die helfen können, die gemeinsame und zugleich unterschiedliche Geschichte der Menschen in den deutschen Ländern zu verstehen.” „Das ist eine ziemlich lange Überschrift.” „Sie ist genauer.” „Eine wissenschaftliche Tugend, die sich mitunter schwer auf ein Titelblatt drucken lässt.” Jacob schreibt: Zeugnisse deutscher Kultur und ihrer europäischen Verbindungen. Wilhelm liest die Worte. „Damit kann ich leben.” „Ich auch.” „Dann haben wir heute etwas erreicht.” „Was?” „Wir wollten eine Grenze um unsere Kultur ziehen und haben entdeckt, wie viele Wege über diese Grenze führen.” Jacob betrachtet die Liste. „Vielleicht ist das kein Scheitern.” „Nein. Vielleicht ist es Erkenntnis.” „Und was sollen wir mit unserer Sammlung tun?” „Sie erweitern.” „Wie lange?” „Solange wir neue Zeugnisse finden.” Jacob seufzt. „Dann wird sie niemals vollständig sein.” „Wahrscheinlich nicht.” „Du findest das erfreulich?” „Natürlich. Eine vollständige Liste der Kultur wäre ein trauriges Dokument.” „Warum?” „Weil sie bedeuten würde, dass nichts Neues mehr hinzukommt.” Jacob denkt nach. „Du hast recht.” Wilhelm erhebt sich. „Dann sollten wir für heute aufhören.” „Es fehlen noch die Märchen einzelner Landschaften, die alten Rechtssprüche und die Lieder der Handwerksgesellen.” „Die werden morgen noch vorhanden sein.” „Das kannst du nicht wissen.” „Jacob, selbst Napoleon wird kaum über Nacht sämtliche deutschen Sprichwörter abschaffen.” „Man sollte seine Möglichkeiten nicht unterschätzen.” Wilhelm lacht. „Dann schreibe vorsichtshalber noch eines auf.” „Welches?” Wilhelm überlegt. „Wer alles besitzen will, verliert leicht den Blick für das, was er hat.” Jacob hebt die Augenbrauen. „Ist das ein überliefertes Sprichwort?” „Nein. Ich habe es gerade erfunden.” „Dann gehört es nicht auf unsere Liste.” „Warum nicht? Du wolltest doch eine gemeinsame Kultur schaffen.” „Wir wollen sie untersuchen, nicht erfinden.” „Sehr gut”, sagt Wilhelm. „Dann hat sich unsere Arbeit heute gelohnt.” Jacob legt seine Feder nieder. „Du hast mich absichtlich geprüft.” „Natürlich. Wissenschaftliche Grundsätze sind nur dann etwas wert, wenn man sie auch auf den eigenen Bruder anwendet.” „Das sollten sich Preußen und Bayern hinter die Ohren schreiben.” Jacob lacht und faltet die Liste sorgfältig zusammen.

Draußen liegen die Straßen Kassels im Dunkeln. In den Häusern werden Geschichten erzählt, Lieder gesungen, Kinder getröstet und alte Erinnerungen weitergegeben. Die Menschen, die dies tun, wissen nicht, dass zwei Brüder versuchen, ihre Überlieferungen zu erfassen. Sie benötigen auch keine Gelehrten, um ihre Geschichten zu besitzen. Doch vielleicht benötigen spätere Generationen Menschen, die sie aufschrieben. „Wilhelm?” „Ja?” „Glaubst du, dass unsere Liste eines Tages vollständig sein wird?” „Nein.” „Warum nicht?” „Weil eine lebendige Kultur niemals fertig ist.” Jacob nickt. „Dann sollten wir wenigstens dafür sorgen, dass die Menschen ihre Vergangenheit kennen.” „Ja”, antwortet Wilhelm. „Aber wir sollten ihnen nicht vorschreiben, welche Zukunft sie daraus machen müssen.” Jacob blickt auf die gefalteten Blätter. „Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe unserer Arbeit.” „Welche?” „Nicht zu bestimmen, was die Deutschen sein sollen, sondern zu verstehen, was sie gewesen sind.” Wilhelm lächelt. „Und was sie miteinander teilen können.” „Was sie dann daraus machen, werden unsere Kinder und deren Kinder entscheiden.” „Dann fehlt uns nur noch eines.” „Was?” „Ein Verleger, der unsere Erkenntnisse für ebenso wertvoll hält wie wir.” Jacob betrachtet die unbezahlten Rechnungen. „Das könnte schwieriger werden als die gesamte deutsche Kulturgeschichte.” „Dann sollten wir mit dem Einfacheren beginnen.” „Mit der Kulturgeschichte?” „Natürlich.” Wilhelm greift nach seinem Mantel. „Die Deutschen haben schließlich schon seit Jahrhunderten Geschichten erzählt. Einen großzügigen Verleger zu finden, könnte dagegen tatsächlich ein Märchen bleiben.” Jacob lacht, und zum ersten Mal an diesem Abend erscheint ihm die Unvollständigkeit seiner Liste nicht als Mangel, sondern als Versprechen. Denn eine Kultur, die noch erzählt, noch fragt und noch widerspricht, besitzt etwas, das kein Verzeichnis abschließend erfassen kann: die Fähigkeit, sich selbst immer wieder neu zu verstehen.