Robert Bosch
1. Im Hinterhof
Stuttgart, 15. November 1886.
Es riecht nach Regen und Kohle, nach frischem Holz und nassem Stein. Der Hinterhof in der Rotebühlstraße liegt still, nur der Hufschlag eines Pferdewagens hallt von den Fassaden wider. Robert Bosch steht am Eingang eines kleinen Werkstattgebäudes. Er zieht den Schlüssel aus der Tasche, atmet tief ein – und öffnet die Tür zu seiner Zukunft. Die Räume sind schlicht: eine Werkbank, ein Ofen, eine Wand voller fein säuberlich geordneter Werkzeuge. Doch in seinem Kopf sind diese Wände längst durchlässig geworden. Hier will er beginnen, hier will er gestalten. Mit Mut, mit Technik – mit Zukunft. Deutschland ist im Wandel. Fünfzehn Jahre sind vergangen, seit Bismarck das Reich geschmiedet hat. Die Fürsten regieren nicht mehr allein, das neue Parlament in Berlin spricht lauter mit. Neue Kräfte steigen auf: Unternehmer, Erfinder, Denker. Bosch will dazugehören. Er ist kein Großindustrieller, kein Bankier. Aber er trägt etwas in sich, das unaufhaltsam scheint – eine Überzeugung, dass Technik das Leben verbessern kann. Dass Fortschritt kein Zufall ist, sondern das Ergebnis stiller Beharrlichkeit. Und dass auch ein einfacher Mann aus Albeck seinen Platz finden kann in diesem neuen Deutschland, das sich gerade erst selbst kennenlernt. Die erste Woche ist still. Er repariert eine Telefonanlage, justiert einen Prüfstand, verbessert eine kleine Zündvorrichtung. Kein großer Lohn, aber ehrliche Arbeit. Und draußen verändert sich das Land: Fabriken wachsen an den Rändern der Städte, Dampfzüge verbinden Ost und West, Zeitungen berichten von elektrischen Lampen in Berlin – und von den Sozialistengesetzen, mit denen Bismarck versucht, einen Ausgleich mit der Arbeiterbewegung zu finden. Es ist ein Ringen zwischen Alt und Neu. Zwischen Ordnung und Aufbruch. Bosch beobachtet es mit klarem Blick. Er steht weder rechts noch links. Er steht an der Werkbank. Er glaubt an Leistung, an Gerechtigkeit – und an die Vernunft. In seiner Werkstatt gelten keine Titel. Nur Können. Ende November kommt der erste große Auftrag: eine komplizierte Zündanlage für einen Gasmotor. Kein Zufall, sondern Folge seiner Ausdauer. Er testet, rechnet, verlötet, justiert – und liefert pünktlich. Der Kunde ist zufrieden. Bosch lächelt kaum. Aber in seinen Augen glänzt etwas: Gewissheit. Es ist eine Zeit elektrischer Ideen. Im ganzen Reich sprechen Ingenieure von Kraftwerken, von elektrischer Straßenbeleuchtung, von Motoren ohne Feuer. Bosch liest alles, was er finden kann. Englisch, Französisch, selbst Italienisch. Er will verstehen, was kommt – und wie er es mitgestalten kann. Gemeinsam mit anfangs zwei Mitarbeitern baut und installiert Bosch elektrotechnische Geräte aller Art wie Telefonanlagen oder elektrische Klingeln. Bald ist das Startkapital von 10.000 Mark aufgebraucht und es werden Kredite nötig. Seine geringen Erträge investiert Robert Bosch zumeist in moderne Maschinen. Die Menschen um ihn herum sind neugierig, aufgeschlossen, voller Fragen. Was bringt diese neue Zeit? Wo führt sie hin? Was bedeutet Fortschritt für den Einzelnen? Bosch hört zu. Er diskutiert mit Kaufleuten, mit Professoren, mit Arbeitern. Er weiß: Technik darf nicht nur ein Spielzeug der Reichen sein. Sie muss allen dienen. Ein Gedanke, der ihn nicht mehr loslässt.
2. Der erste Zündfunke – 1887
Stuttgart, Frühjahr 1887
Die Werkstatt riecht nach Öl, nach Metall und konzentrierter Hoffnung. Robert Bosch steht an seiner Werkbank, in der Hand ein kleiner, unscheinbarer Apparat: ein Niederspannungs-Magnetzünder, gerade einmal faustgroß, mit Spule, Anker, Kontaktschleifer. Für die Außenwelt ist es ein weiteres technisches Gerät – für Bosch ist es ein Meilenstein. Er weiß: Das ist sein Moment. Gasmotoren haben sich in den letzten Jahren schnell verbreitet. Sie gelten als sauberer und zuverlässiger als Dampfmaschinen, vor allem in kleinen Werkstätten und in der Industrie. Doch sie haben ein Problem: das Zünden. Es ist später Vormittag, die Sonne bricht durch den Hochnebel über dem Westen der Stadt, als Robert Bosch das Tor zu seinem Hinterhof leise öffnet. Er hat die Werkstatt aufgeräumt, den Ofen gelöscht, den Tisch frisch abgewischt. In der Mitte des Raumes liegt er: der erste funktionstüchtige Niederspannungs-Magnetzünder, montiert auf einer eigens angefertigten Holzplatte. Kein großes Gerät – aber mit großer Wirkung. Kurz darauf betritt Herr von Keller den Raum. Fabrikant, Maschinenbauer, angesehener Mann mit schwerem Tuchmantel und Blick für Effizienz. Er nimmt die Werkstatt mit einem einzigen prüfenden Blick auf, dann bleibt sein Blick an dem Apparat auf dem Tisch hängen. „Das also ist das berühmte Stück, Herr Bosch?” Seine Stimme ist ruhig, aber skeptisch. Bosch nickt. „Ein Zünder, der keinen Zündstoff braucht. Keine Flamme, keine Batterie. Nur Bewegung und das richtige Prinzip.” Von Keller tritt näher, bückt sich ein wenig und betrachtet das Herzstück des Geräts: die Spule, den rotierenden Magnetanker, den kleinen, präzise geschliffenen Kontaktschleifer. „Ich sehe viel Draht”, murmelt er. „Aber wo ist der Funke?” Bosch nimmt eine kleine Handkurbel, setzt sie an das Gerät, dreht langsam – und in dem Moment, in dem der Unterbrecherkontakt auseinanderklappt, schnellt ein klarer, blauer Funke über die Zündkontakte. Ein leises Klick, dann Zzzzt – fast unscheinbar. Und doch: rein, gleichmäßig, punktgenau. Von Keller hebt die Augenbraue. „Sie wissen, dass unsere Gasmotoren empfindlich sind. Die Zündung kommt oft zu früh. Oder zu spät. Oder gar nicht. Und wenn’s knallt, stehen die Männer still. Jede Stunde kostet.” „Gerade deshalb habe ich diesen Zünder gebaut”, sagt Bosch ruhig. „Der Funke springt, wenn Sie es wollen. Nicht früher, nicht später.” Der Fabrikant tritt ans Fenster, blickt hinaus in den Hof. Ein Pferdewagen zieht vorbei, beladen mit Maschinenbauteilen, Ölkanister, Eisenrohren. Er schweigt einen Moment, dann wendet er sich wieder Bosch zu. „Die Franzosen experimentieren mit batteriebetriebener Zündung. In Birmingham soll jemand etwas Ähnliches wie Sie bauen. Aber niemand hat uns etwas geliefert, das durchhält. Vor allem nicht in einer Werkhalle voller Dreck und Öl.” Bosch nimmt ein Tuch, wischt sich die Hände ab. „Ich baue nichts für Salons, Herr von Keller. Sondern für Werkstätten wie Ihre.” Ein kurzer, prüfender Blick. Dann nickt der Fabrikant. „Sie bauen ihn morgen bei uns ein. In den Einzylindermotor im Gießereitrakt. Wenn er läuft, haben Sie mich überzeugt.” Bosch antwortet nicht sofort. Er blickt auf seinen Zünder. Seine Finger streichen ein letztes Mal über das Metall. So lange hat er daran gearbeitet – Wochen, Monate, auch in der Nacht. Immer wieder neu berechnet, verlötet, verworfen. Und jetzt steht er hier, bereit für die Prüfung, die alles ändert. „Er wird laufen”, sagt er schließlich. Und er glaubt es. Am nächsten Tag macht Herr Bosch sich auf den Weg. In der Maschinenhalle hallen Hammerschläge von den Wänden, der Geruch von Schmieröl liegt in der Luft. Der Einzylindermotor steht still, vorbereitet. Bosch montiert den Magnetzünder mit ruhigen Händen, justiert, prüft, stellt den Zündzeitpunkt ein. Die Monteure beobachten ihn, erst misstrauisch, dann neugierig. Dann dreht der Maschinist das Schwungrad. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal springt der Motor an. Leise. Gleichmäßig. Ohne Knall. Der Funke sitzt. Herr von Keller steht stumm daneben. Seine Augen ruhen auf dem Gerät, auf Bosch, auf dem Motor. Dann sagt er mit einem Anflug von Anerkennung in der Stimme: „Er läuft wie ein Uhrwerk.” Und Bosch lächelt. Nicht breit. Aber ehrlich. Der Zündfunke springt. Und er springt immer. Der Motor läuft sofort – gleichmäßig, leise, zuverlässig. Kein Flammenrückschlag, kein Zündverzug. Der Werkstattmeister starrt auf die Maschine, als sähe er Magie. Aber es ist keine Magie. Es ist Physik. Und Disziplin. Die Nachricht spricht sich herum – leise, wie in jener Zeit üblich, durch Mundpropaganda, durch Handwerker, durch Händler. Bald steht ein zweiter Kunde in der Tür. Dann ein dritter. Bosch fertigt die Geräte selbst, testet jedes einzelne. Er schreibt die Anleitung eigenhändig, verpackt sie sorgfältig. Nichts verlässt die Werkstatt ohne Prüfung. Das Land verändert sich weiter. Die Städte wachsen, Fabriken entstehen am laufenden Band. Berlin bekommt seine erste elektrische Straßenbahn, in Leipzig wird das erste Telefonnetz eingerichtet. Und während Bismarck mit Sozialistengesetzen und Krankenversicherung das Land stabilisieren will, wächst im Untergrund ein neues Selbstbewusstsein: Arbeiter fordern Bildung, Unternehmer wagen Innovation, Techniker träumen von fliegenden Maschinen. Bosch ist keiner, der laut träumt. Aber er träumt präzise. Sein Zünder ist nicht nur eine technische Neuerung. Er ist ein Symbol: für Zuverlässigkeit, für saubere Arbeit, für deutsches Ingenieurdenken in einer neuen Zeit. Noch verkauft er nur wenige Stück – aber jeder Kunde kommt zurück. Und jedes Gerät, das seine Werkstatt verlässt, trägt still die Idee, dass Fortschritt nicht laut sein muss. Sondern zuverlässig. Wiederholbar. Und für alle.
Der deutsche Ingenieur Rudolf Diesel (1858-1913) erhält mit Wirkung vom 28. Februar 1892 ein Patent auf „Arbeitsverfahren und Ausführungsart für Verbrennungsmaschinen”. Noch im selben Jahr beginnt er in Augsburg mit der Entwicklung eines funktionstüchtigen und wirtschaftlichen Dieselmotors. Dem 1897 fertig gestellten neuen Motortyp liegt das Prinzip der Selbstzündung zugrunde.Kein Zünder also! Bosch muss das im Auge behalten.
3. Die Stadt erwacht – 1895
Stuttgart, Frühjahr 1895
Der Winter ist mild gewesen, der Himmel über der Stadt hell. Es riecht nach Erde, nach Tau, nach Aufbruch. Robert Bosch steht auf einer kleinen Anhöhe nahe der Gänsheide und blickt hinunter auf die Stadt. Unten liegen die Dächer von Stuttgart wie ein Teppich aus Ziegeln. Dazwischen ragen Baukräne, Schornsteine, Kirchturmspitzen. Und mittendrin wächst etwas Neues: das erste Elektrizitätswerk der Stadt, ein Backsteinbau mit Schloten aus Stahl, das Herzstück einer neuen Ära. Bosch zieht die Handschuhe aus, spürt den Wind auf der Haut. Er weiß: Das wird alles verändern. Als ihn der Auftrag erreicht, ist er nicht überrascht, sondern bereit. Die Stadtwerke beauftragen seine Werkstätte mit Elektroinstallationen in öffentlichen Gebäuden. Zuerst sind es Verwaltungsämter, dann Straßenlaternen, schließlich ein Schulhaus auf der Uhlandstraße. Was früher reine Handarbeit war – Draht, Isolierung, Durchprobieren – bekommt nun System, Planung, Präzision. Bosch stellt neue Mitarbeiter ein, Techniker, Monteure, Zeichner. Er verlegt Leitungen, montiert Schalter, testet Stromkreise. Und jedes Mal, wenn zum ersten Mal das Licht angeht, ist es mehr als nur ein technischer Vorgang. Es ist ein Versprechen: Stuttgart wird elektrisch. Die Stadt verändert sich. Überall wird gebaut. Zwischen Schlossplatz und Rotebühlstraße entstehen neue Wohnhäuser, ganze Straßenzüge bekommen Gasleitungen, Wasserrohre, später Strom. Die Pferdebahn weicht der elektrischen Straßenbahn, das erste Kino öffnet, und in den Schaufenstern der Kaufhäuser beginnen Glühlampen zu leuchten – nicht mehr schwach flackernd, sondern hell, klar, selbstbewusst. Elektrizität zieht ein in die Stuben der Bürgerschaft. Anfangs vorsichtig, dann mit wachsender Begeisterung. Glühlampen in Wohnzimmern, elektrische Türklingeln, ganze Klingelanlagen in Mietshäusern, bald sogar Heizplatten und erste Motoren für Nähmaschinen. Es sind kleine Wunder im Alltag – und Bosch ist mittendrin. Er arbeitet unermüdlich. Nicht aus Gier, sondern aus Überzeugung. Seine Werkstatt wächst, zieht um, wird zur Firma. Aus Aufträgen werden Beziehungen, aus Kunden werden Partner. Noch immer prüft er viele Schaltungen selbst, setzt sich abends über Schaltpläne, verbessert Kontaktplatten, denkt über Sicherheitssysteme nach. Denn er weiß: Vertrauen ist sein wichtigstes Kapital. Der Strom verändert nicht nur die Stadt – sondern auch den Rhythmus ihrer Menschen. Die Abende werden länger, die Straßen heller, die Arbeit flexibler. Wer früher mit dem Sonnenuntergang aufhörte, kann jetzt weitermachen – lesen, schreiben, rechnen. Die Fabriken verlängern ihre Schichten, aber auch die Bildungshäuser profitieren: Abendkurse entstehen, die Universität öffnet ein physikalisches Labor mit elektrischer Ausstattung. Stuttgart wächst – nicht nur in Fläche, sondern im Geist. Im Deutschen Reich findet die zweite Berufs- und Gewerbezählung statt. Im Vergleich zur ersten Zählung 1882 ist die Zahl der Industriearbeiter um 4 Millionen auf 20 Millionen angestiegen. Und Robert Bosch wächst mit. Nicht als lauter Visionär, sondern als verlässlicher Ermöglicher. Er wird bekannt als „der Mann, bei dem der Strom nie versagt”. Ein Spruch, der zunächst im Flüsterton unter Handwerkern die Runde macht und bald in den Bürgersalons ankommt. Bosch steht im Vestibül eines neu erbauten Rathauses. Die Lampen springen automatisch an, sobald ein Beamter den Flur betritt. Kein offenes Feuer, keine Rußschwaden – nur ein leiser Klick und helles Licht. Ein Stadtrat legt ihm die Hand auf die Schulter. „Sie haben der Stadt die Nacht genommen, Herr Bosch.” Bosch antwortet nicht sofort. Er sieht dem Licht nach, das sich auf dem Marmorboden spiegelt, sich in einem Türgriff bricht. „Ich habe ihr nur geholfen, das zu tun, was sie ohnehin wollte”, sagt er schließlich. Und vielleicht ist das wahr. Die Stadt will leuchten. Und er, er gibt ihr den Funken dazu. Am 29. Januar 1886 meldet Carl Benz sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb” zum Patent an. Die Patentschrift DRP 37435 gilt somit als die Geburtsurkunde des Automobils. Auch Automobile brauchten Zündungen, besonders präzise Zündungen.
4. Ein neues Jahrhundert – 1901
Stuttgart, Herbst 1901
Ein neues Jahrhundert beginnt. Und mit ihm ein neues Deutschland. Die Bahnhöfe sind belebt, die Fabriken rauchen Tag und Nacht, und die Menschen – ob Arbeiter oder Industrielle – tragen den Fortschritt voll Hoffnung und Zuversicht. Man spricht vom deutschen Jahrhundert, vom Aufstieg zur Weltmacht, von Maschinen, die den Globus umrunden. In den Städten entstehen Jugendstilvillen und Elektrizitätswerke, in den Dörfern summen erste Transformatoren. Inmitten dieses gewaltigen Wandels steht Robert Bosch – der Tüftler mit dem klaren Blick. Der Mann, der einst in einem feuchten Hinterhof begann, baut jetzt seine erste eigene Fabrik.
Frühjahr 1901, Stuttgart. An der Breitscheidstraße wächst ein Backsteinbau in die Höhe. Große Fenster, hohe Hallen, eine Kranbahn – die „Elektrotechnische Fabrik Robert Bosch” ist kein Handwerksbetrieb mehr. Sie ist Ausdruck eines Anspruchs: Präzision im großen Maßstab. Am 1. April 1901 ziehen 45 Mitarbeiter in die neue Fabrik ein. Es ist ein stiller Einzug, keine Pauken, keine Presse. Aber in den Augen der Männer und Frauen, ob Monteure, Zeichner, Wicklerinnen, liegt Stolz. Sie wissen: Sie bauen nicht einfach Geräte. Sie bauen Zukunft. Und an diesem Tag kehrt auch einer zurück, der Bosch besonders am Herzen liegt: Gottlob Honold, einst sein Lehrling, jetzt ein brillanter Konstrukteur. Mit wachem Geist, scharfer Zunge und einer unerschöpflichen Neugier für das technisch Mögliche. Kaum angekommen, verschwindet er in den Entwurfsraum. Was er mitbringt, sind keine Versprechungen, sondern Skizzen. Sein Ziel: ein Hochspannungs-Magnetzünder, kleiner, stärker, zuverlässiger als alles, was je gebaut wurde. Bisherige Systeme brauchen große, schwere Batterien, oft unberechenbar, wetteranfällig, gefährlich. Honold aber denkt anders. Er will Spannung direkt im Gerät erzeugen – hoch genug, um einen Zündfunken über eine Zündkerze springen zu lassen. Er tüftelt. Tag und Nacht. Er testet Wicklungen, verändert den Anker, entwickelt eine Isolation, die den Funken hält. Bosch beobachtet ihn mit stiller Anerkennung. Er gibt ihm Raum, gibt ihm Vertrauen.
Dezember 1901. Ein frostklarer Morgen. In der Werkhalle ist es still, nur das Summen einer Prüfmaschine ist zu hören. Honold steht neben einem Prüfstand, in der Hand ein kleiner, unscheinbarer Apparat – kaum größer als ein Apfel, doch unter Spannung geladen wie ein Gewitter. Er dreht den Motor. Ein Schlag. Ein Funke. Eine perfekte Zündung. Robert Bosch steht daneben. Sie sagen nichts. Nur dieser eine Satz bricht die Stille: „Damit haben Sie den Vogel abgeschossen.” Honold grinst. Und weiß: Das war der Moment. Was Bosch in diesem Moment noch nicht weiß: Dieses Gerät wird ihn auf eine neue Stufe heben. Der Hochspannungs-Magnetzünder passt perfekt in eine Welt, die sich gerade neu erfindet – in eine Welt der Automobile. Bislang ist der Verbrennungsmotor ein wilder Geselle: launisch, unregelmäßig, schwer zu bändigen. Doch jetzt, mit Honolds Erfindung, wird er zahm. Verlässlich. Serienreif.
Der Markt öffnet sich. Weltweit. In Paris rollen die ersten Autos auf Boulevards. In Detroit beginnt Henry Ford mit ersten Serienbauten. In Turin, Prag, London, Amsterdam – überall entstehen kleine Werkstätten, die bald zu Fabriken werden. Und sie alle brauchen eines: eine Zündung, der sie trauen können. Die ersten Bestellungen treffen ein. Frankreich, Belgien, Österreich. Dann England. Bosch richtet ein Exportbüro ein. Die Marke wird zum Begriff – für Technik, die funktioniert. Für Zuverlässigkeit. Und für einen Mann, der aus Prinzip nie ein Gerät ausliefert, das er nicht selbst verantworten würde.
5. Maschinen, Menschen, Möglichkeiten – 1906 bis 1914
Stuttgart, Sommer 1906.
Ein Jubiläum liegt in der Luft. In der großen Halle der Robert Bosch GmbH in der Breitscheidstraße herrscht ein leises, konzentriertes Summen – das Geräusch moderner Arbeit. Maschinen schlagen, Männer montieren, Frauen verpacken, junge Lehrlinge eilen mit Skizzen durch die Flure. Und mitten im Werk, unter einem weißen Tuch, liegt er: der hunderttausendste Magnetzünder. Robert Bosch steht nicht gern im Mittelpunkt. Aber heute macht er eine Ausnahme. Als das Tuch gelüftet wird, geht ein sachtes Klatschen durch die Halle. Kein Pomp, kein Jubel – nur ehrlicher Stolz. Hunderttausend Mal hat seine Idee gezündet – in Motoren, in Köpfen, auf Straßen überall in Europa. Und während der Apparat in der Mitte glänzt, denkt Bosch nicht nur an Technik – sondern an Menschen. Die Welt um ihn herum verändert sich. Deutschland erlebt einen Wirtschaftsboom. Die Städte wachsen, der Verkehr nimmt zu, Autos tauchen immer häufiger auf den Straßen auf. Die Schornsteine rauchen, die Aktienkurse steigen, der Stolz des Kaiserreichs schwillt an. Und doch ist es eine Zeit der Gegensätze: Während oben gefeiert wird, kämpfen unten viele ums Überleben. Die Arbeiter wohnen in engen Quartieren, schuften zehn bis zwölf Stunden am Tag, oft sechs Tage die Woche. Bosch sieht das. Und er beschließt, es anders zu machen. 1906 führt er bei Bosch den Achtstundentag ein. Nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung. „Ein ausgeruhter Arbeiter arbeitet besser”, sagt er. Aber es ist mehr als Kalkül. Es ist Respekt. Viele erklären ihn für verrückt. Acht Stunden? Wie soll das reichen? Doch im Werk wird nicht langsamer gearbeitet – sondern präziser, aufmerksamer, motivierter. Die Fluktuation sinkt, die Qualität steigt. 1908 zählt die Belegschaft mehr als 1.000 Menschen. Kaum zu glauben, dass es fünf Jahre zuvor noch 45 waren. Die Werkshallen werden erweitert, neue Maschinen angeschafft, junge Ingenieure eingestellt. Und wieder ist es Gottlob Honold, der neue Ideen bringt. 1909 stellt er den Bosch-Öler vor – eine Schmierpumpe, die den Motorbetrieb sicherer und langlebiger macht. Was einfach klingt, revolutioniert den Alltag der Fahrer. Kein manuelles Ölen mehr, keine Unsicherheit. Der Bosch-Öler läuft – wie ein Herz, das stetig pumpt. 1910 platzt Stuttgart aus allen Nähten. Die Industrie zieht weiter hinaus und Bosch folgt. In Feuerbach, einem Vorort mit Platz, Weite und Gleisanschluss, wird das Zweigwerk errichtet. Es ist mehr als eine Halle: Es ist ein Versprechen. Modern, hell, funktional – gebaut für eine neue Zeit. Hier sollen nicht nur Geräte entstehen, sondern auch Ideen. Die jungen Monteure, viele kaum älter als zwanzig, kommen aus dem ganzen Land: aus Sachsen, dem Rheinland, dem Elsass. Sie sprechen mit verschiedenen Zungen, aber am Band verstehen sie sich. Bosch sorgt für Kantinen, für sanitäre Anlagen, für Weiterbildung. Die Technik ist modern, doch im Zentrum steht der Mensch.
6. Lernen für die Zukunft – 1913
Stuttgart, Herbst 1913.
Es riecht nach Öl, Eisen, frischem Holz. In einer neu eingerichteten Halle auf dem Werksgelände in Feuerbach stehen sechs Werkbänke. Auf jeder: ein Schraubstock, ein Werkzeugsatz, ein Lehrplan. Kein Lärm. Kein Maschinenrhythmus. Nur junge Gesichter, stille Konzentration – und zwischen ihnen ein Mann mit wachen Augen, festen Händen, ruhiger Stimme: August Utzinger. Er ist der Erste, der hier nicht nur produziert, sondern unterrichtet. Die Lehrwerkstatt der Firma Bosch nimmt ihre Arbeit auf. Nicht mit großen Reden. Nicht mit Uniformen. Sondern mit einer Überzeugung: Wer Technik begreifen will, muss sie selbst in der Hand halten. Wer Verantwortung übernehmen soll, muss früh lernen, genau zu arbeiten – und frei zu denken. Robert Bosch steht am Rand der Halle, beobachtet schweigend. In seinem Gesicht liegt eine Mischung aus Zufriedenheit und Ernst. Denn für ihn ist diese Halle mehr als ein Ausbildungsort. Sie ist die Antwort auf eine Erfahrung, die ihn bis heute prägt. Stuttgart, 1876. Er ist 15 Jahre alt, als er seine Lehre zum Feinmechaniker beginnt. Drei Jahre später beendet er sie – desillusioniert, enttäuscht, fast wütend. Statt Anleitung erfährt er Monotonie. Statt Neugier: Drill. Die Gesellen reden wenig, die Meister behandeln ihn wie Luft – oder wie Werkzeug. Er lernt, dass Technik auch kleinlich sein kann. Dass man Stunden damit verbringen kann, Schrauben zu sortieren, ohne zu wissen, warum. Dass man funktionieren kann ohne je zu begreifen. Diese Jahre haben ihn geformt. Nicht, weil sie gut waren. Sondern weil sie es nicht waren. Und jetzt, fast vierzig Jahre später, will er es anders machen. Denn die Welt hat sich verändert. Die Autos werden schneller, komplexer. Die Elektrik zieht in die Motoren ein: Zündsysteme, Scheinwerfer, Generatoren. Es braucht Männer und bald auch Frauen, die wissen, wie man Wicklungen legt, wie man Isolierungen prüft, wie man Zündkerzen kalibriert. Die Schulen im Kaiserreich hinken hinterher. Der Unterricht ist trocken, autoritär, weltfremd. Rechnen, Geometrie, ein wenig Physik, das meiste auswendig gelernt. Für die Werkstätten reicht das nicht. Und das weiß Bosch besser als alle anderen. „Wir müssen sie selbst ausbilden,” sagt er. „Sonst verlieren wir unsere Zukunft.” Er wählt August Utzinger, weil er spürt, dass dieser Mann nicht nur lehren will, sondern leiten kann. Utzinger schreibt Lehrpläne, entwickelt Prüfstücke, erklärt nicht nur das „Wie”, sondern das „Warum”. Er lobt, wenn etwas gelingt, und er fragt nach, wenn etwas schiefläuft. Die Lehrlinge merken schnell: Hier geht es nicht um Gehorsam. Sondern um Können. Und Bosch? Er kommt regelmäßig vorbei. Nicht offiziell. Nicht zur Kontrolle. Sondern weil ihn interessiert, wie ein Junge einen Zünder zerlegt. Wie eine junge Frau eine Isolierung lötet. Wie Wissen wächst. Manchmal legt er selbst Hand an. Er zeigt, wie man eine Feile führt. Oder wie man auf den Klang einer gut sitzenden Schraube achtet. Kein großer Auftritt – aber ein Zeichen.
Bosch betritt ein altes Redaktionsgebäude im Stuttgarter Süden. Der Geruch von Druckerschwärze und Papier liegt in der Luft, Stimmen hallen zwischen Korrekturbögen und Linotype-Maschinen. Er hat die Wochenzeitschrift „Die Lese” gerade erworben – ein Heft für Menschen, die sonst kaum lesen. Für Dienstmädchen, Kesselschmiede, kleine Beamte. Keine politische Zeitung, sondern ein Einstieg: Geschichten, Sachtexte, Bildung in einfacher Sprache. Bosch geht von Tisch zu Tisch, spricht mit dem Setzer, fragt nach den Auflagenzahlen, blättert durch das Manuskript eines Artikels über die Mondphasen. Dann sagt er leise: „Wir müssen lernen, dem Denken zu vertrauen. Auch dort, wo es sich erst zu formen beginnt.” Die Redakteurin nickt. Bosch dreht sich um. „Ah unsere Gäste” Er begrüßt: Clara Zetkin, die unermüdliche Kämpferin für Frauenrechte und Revolution und Karl Kautsky, der einstige Vordenker der internationalen Sozialdemokratie, inzwischen kritischer Beobachter des Bolschewismus. Zetkin beginnt. „Herr Bosch – warum laden Sie uns eigentlich ein? Wir vertreten doch eine Gesellschaftsordnung, in der es Ihre Rolle als Kapitalist nicht mehr geben wird.” Bosch bleibt ruhig. „Weil ich überzeugt bin, dass es besser ist, miteinander zu sprechen als übereinander. Und weil ich glaube, dass Ihre Ziele, Frau Zetkin, oft die gleichen sind wie meine – nur die Wege unterscheiden sich.” Kautsky nickt langsam. „Sie wollen also mit dem Feind reden.” Bosch lächelt. „Wer zuhört, ist kein Feind.” Zetkin lehnt sich vor. „Sie führen eine Firma mit tausend Arbeitern. Sie geben Löhne, ja. Sie fördern Bildung, ja. Aber Sie entscheiden. Sie kontrollieren. Sie besitzen. Sie regieren – in Ihrem kleinen Reich. Und das nennen Sie soziale Verantwortung?” Bosch antwortet ohne Zögern. „Ich nenne es gelebte Verantwortung, ja. Verantwortung heißt für mich: nicht nur Gewinne zu machen, sondern etwas zurückzugeben. Mit besseren Arbeitszeiten. Mit Bildung. Mit Gesundheitsvorsorge. Und mit Respekt.” „Und doch behalten Sie den Mehrwert”, wirft Kautsky trocken ein. „Sie teilen nicht das Eigentum.” „Weil ich glaube”, sagt Bosch ruhig, „dass Eigentum verpflichtet, nicht vernichtet werden muss. Die Frage ist: Was macht ein Mensch mit seiner Macht? Ich will nicht herrschen, ich will ermöglichen.” Zetkin verengt die Augen. „Und was, wenn die Arbeiter das nicht mehr akzeptieren? Wenn sie entscheiden wollen, selbst, gemeinsam?” Bosch nickt langsam. „Dann müssen sie sich organisieren. Und dafür streiten. Und ich werde zuhören. Vielleicht streiten wir. Vielleicht einigen wir uns. Aber solange wir miteinander sprechen, haben wir eine Chance.” Kautsky runzelt die Stirn. „Aber warum treten Sie keiner Partei bei? Sie unterstützen uns, ja, sogar die Gewerkschaften. Aber nie mit offenem Bekenntnis. Warum nicht?” Bosch lächelt, fast melancholisch. „Weil ich glaube, dass eine Überzeugung stärker ist, wenn sie nicht gekauft wird. Ich will keine Partei verteidigen. Ich will das Gespräch verteidigen. Ich unterstütze die Freiheit, nicht das Parteibuch.” Zetkin trinkt einen Schluck Tee. Dann sagt sie leise: „Sie sind ein gefährlicher Mensch, Herr Bosch. Weil Sie zwischen den Stühlen sitzen und nicht herunterfallen.” Bosch antwortet sanft: „Oder weil ich weiß, dass der Boden unter allen Stühlen derselbe ist, der Boden der Tatsachen und der Wunsch, dass es gerecht zugeht. Auch wenn wir streiten, wie das aussehen soll.”
1913 ist ein Jahr der Unsicherheit. Die Spannungen in Europa steigen. Zeitungen schreiben von Bündnissen, vom Balkan, von Wettrüsten. Aber in der Lehrwerkstatt herrscht eine andere Stimmung: ruhig, konzentriert, zukunftsgewandt. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges erwirtschaftete Bosch 1913 mehr als 88 Prozent seines Umsatzes außerhalb Deutschlands. Ein Krieg wird das Unternehmen schwer treffen.
Und Bosch weiß: Technik kann zerstören. Aber sie kann auch heilen. Sie kann Brücken bauen, zwischen Generationen, zwischen Nationen, zwischen Mensch und Maschine. Und wenn es einen Ort gibt, wo das beginnt, dann ist es dieser hier: Eine einfache Werkshalle und der feste Willen, die Welt besser zu machen.
7. Gespräche am Rand des Abgrunds – 1914
Stuttgart, August 1914
Die Stadt ist still geworden. Kein stiller Frieden, sondern das Gegenteil: gespannte Ruhe vor dem Sturm. Seit Sarajevo weiß jeder, dass sich etwas zusammenzieht. Und als die Zeitungen am 1. August den Kriegsausbruch melden, klingt der Jubel auf den Straßen mehr nach Angst als nach Begeisterung. Im Hof der Bosch-Werke in Feuerbach steht Robert Bosch mit verschränkten Armen. Neben ihm ein junger Ingenieur, gerade 26, mit ölverschmierten Händen, schmalem Gesicht. „Sie ziehen wirklich in den Krieg?”, fragt Bosch leise. Der junge Mann nickt, fast entschuldigend. „Man hat mich eingezogen. Ich hätte lieber an der neuen Lichtmaschine weitergearbeitet.” Bosch sieht ihn lange an. „Wenn wir nur alle Maschinen bauen würden, um Licht zu machen, nicht um zu töten.” Doch der Krieg ist da. Und mit ihm Fragen, die nicht mehr nur technisch sind. Am Mittag sitzt Bosch im Besprechungsraum. Um den Tisch versammelt: Gottlob Honold, zwei Abteilungsleiter, ein Betriebsarzt, ein Mechanikermeister aus der Lehrwerkstatt. Es geht um die Umstellung auf kriegswichtige Produktion. Der Staat fordert Zünder, Funktechnik, Ersatzteile für Lastkraftwagen. Bosch hört zu, notiert, fragt genau. Aber als der Meister vorschlägt, auch Patronenhülsen herzustellen, hebt Bosch die Hand. „Wir bauen nichts, das alleine dazu dient, Menschen zu töten.” Stille. Honold räuspert sich. „Aber Robert – der Krieg wird lang. Wenn wir ablehnen, verlieren wir nicht nur Aufträge. Sondern vielleicht auch Schutz.” Bosch sieht ihn ernst an. „Ich sage nicht, dass wir nicht helfen. Aber helfen heißt nicht, dass man alles hinnimmt.” Stille senkt sich über den Raum. Die Männer um den Tisch – Monteure, Ingenieure, ein Buchhalter, ein Werkarzt – blicken auf Pläne, auf Listen, auf nichts. Dann hebt der Leiter der Fertigung zögernd die Stimme. „Die Armee will Zünder. Ersatzteile für Kraftwagen. Auch elektrische Aggregate. Wir könnten die Linien in wenigen Wochen umstellen. Die Nachfrage ist riesig.” Bosch antwortet nicht sofort. Er lehnt sich zurück, schaut aus dem Fenster. Draußen rauscht ein Zug vorbei, voll beladen mit Material. Ein Jahr zuvor hätte man gesagt: mit Zukunft. Jetzt trägt er nur Last. Dann spricht er leise: „Wir werden das Nötige tun, um dieses Land funktionstüchtig zu halten. Aber ich werde an diesem Krieg nicht verdienen.” Honold runzelt die Stirn. „Was meinen Sie damit?” „Ich meine,” sagt Bosch ruhig, „dass die Gewinne, die wir aus Rüstungsaufträgen erzielen, nicht in unsere Kasse gehen. Sondern dorthin, wo sie gebraucht werden. In Spitäler. In Lazarette. In Bildungsstätten.” Der Buchhalter hebt erschrocken den Kopf. „Aber Herr Bosch – das sind Millionen. Zwanzig, vielleicht mehr. Das ist unser Rückgrat.” Bosch nickt langsam. „Dann soll unser Rückgrat Haltung zeigen.” Honold atmet aus. „Sie wollen wirklich … alles spenden?” „Nicht alles. Nur das, was aus diesem Krieg kommt. Die Welt soll nach diesem Wahnsinn nicht sagen, wir hätten daran gewonnen. Ich will nicht wachsen auf Kosten der Zerstörung.” Ein junger Konstrukteur, bisher still, meldet sich zögernd: „Aber … wenn alle anderen Firmen verdienen, und wir verzichten … was, wenn wir dann nicht mehr mithalten können?” Bosch blickt ihn lange an. Dann sagt er: „Dann haben wir vielleicht weniger Maschinen. Aber wir behalten unsere Seele.” Niemand widerspricht. Es ist keine Zustimmung aus Begeisterung – sondern aus Einsicht. Bosch hat ein Gewicht in seiner Stimme, das keiner überhören kann. Er steht auf, geht langsam zur Tür, dreht sich noch einmal um. „Wir bauen Technik, die funktioniert. Jetzt ist es an der Zeit zu zeigen, dass wir auch Menschen sind, die funktionieren.”
1914 wird das „Lichtwerk” eröffnet – eine eigene Abteilung für Generatoren und Scheinwerfer. Die Autos werden schneller, größer, brauchen Licht, das weiter reicht als eine Petroleumlampe. Bosch liefert die Lösung. Und wieder denkt er nicht nur an Technik, sondern an Verantwortung: Sicherheit auf der Straße, Verlässlichkeit bei Nacht. Eine solche Sicherheit und Verlässlichkeit sollte es auch in der heraufziehenden Nacht des Weltkrieges geben. Bosch will nicht nur reagieren – er will handeln. Politisch. Noch im Herbst 1914 trifft er sich mit drei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Mit Richard Dehmel, dem Dichter aus Hamburg, wortgewaltig und verletzlich. Mit Karl Gustav Vollmoeller, dem reisenden Konstrukteur und Schriftsteller. Und mit Walther Rathenau, dem Industriellen und Denker, Sohn des AEG-Gründers. Sie sitzen in Berlin, an einem runden Tisch im Pringsheimschen Palais, das Bosch gerade gekauft hat. Ein Stadtpalais mit hohen Decken, schweren Vorhängen und nun offenen Türen. „Wir müssen einen Raum schaffen”, sagt Bosch, „in dem man sich widersprechen darf. Ohne sich gleich als Feind zu sehen.” „Ein politischer Klub also?”, fragt Rathenau. „Genau das”, antwortet Bosch. „Ein Ort, an dem ein Arbeiter mit einem Offizier sprechen kann. Ein Pastor mit einem Professor. Und keiner wird niedergeredet.” Dehmel nippt an seinem Glas. „Aber wird man uns nicht beschimpfen? Als Vaterlandsverräter? Als Träumer?” Bosch sieht ihn ruhig an. „Lieber Träumer als Zyniker. Wer den Dialog verhindert, gießt Öl ins Feuer.” Und so entsteht im Herbst 1914 die „Deutsche Gesellschaft 1914”. Keine Partei, keine Gewerkschaft, kein Ministerium – sondern ein offener Raum. Bosch lässt die Räume möblieren, stellt Personal, verlangt kaum Miete. Er schreibt selbst Einladungen, führt Gespräche mit Verlegern, Künstlern, Offizieren, Technikern. Einmal pro Woche wird in einem der Salons diskutiert. Mal über die Pressefreiheit, mal über das Verhältnis von Wissenschaft und Moral. Mal über soziale Gerechtigkeit. Mal über die Frage: „Was wird aus Deutschland nach dem Krieg?” Zurück in Stuttgart. Auch im Werk spürt man, dass Bosch sich verändert hat – oder besser: dass er sich zeigt, wie er ist. In der Kantine setzt er sich zu den Mechanikern, hört zu, fragt nach. In der Entwicklungsabteilung fordert er, dass kein Gerät gebaut wird, dessen Zweck allein Zerstörung ist. Seine Haltung macht Schule – nicht überall mit Beifall, aber mit Respekt. Ein älterer Arbeiter sagt beim Schichtwechsel leise zu einem Kollegen: „Der Bosch. Der denkt, wie er schraubt. Genau, aber menschlich.” Und er würde recht behalten. Die Folgen des Weltkrieges, vor allem die Enteignung eines großen Teils des Besitzes außerhalb Deutschlands, überwand das Unternehmen trotz der äußerst schwierigen Rahmenbedingungen unerwartet schnell. Bereits um 1925 war das internationale Netz der Vertretungen größer als 1914.
8. Jenseits des Abgrundes
Der Schnee liegt noch auf den Dächern, grau vom Ruß, stumpf unter dem zerschossenen Himmel. Die Fenster des Pringsheimschen Palais in der Tiergartenstraße sind beschlagen, drinnen flackert schwaches Gaslicht. Es riecht nach Kohle, Leder, Zigarren – und nach Nervosität. Robert Bosch sitzt in einem der schweren Ledersessel, eine Hand auf dem Knauf seines Spazierstocks, die andere am Rand seines Notizbuchs. Er spricht noch nicht, hört nur zu. Am runden Tisch versammelt: fünf Männer, zwei von der DVP, drei von der SPD. Alle Bürger der jungen Republik, aber keine Freunde. Die Luft ist geladen. Vor wenigen Wochen marschierten Truppen durch die Straßen, das Herz der Hauptstadt stand in Flammen – doch der Spartakusaufstand wurde niedergeschlagen. Jetzt liegt ein stiller Bürgerkrieg in der Luft. Die Stimmen der Männer klingen hart. „Ihr mit eurer Arbeiterromantik”, wirft ein DVP-Abgeordneter den Sozialdemokraten vor. „Ihr bringt das Bürgertum gegen euch auf.” „Und ihr wollt zurück in die Monarchie durch die Hintertür”, kontert ein SPD-Mann. „Mit euren Zeitungen, die uns jeden Tag als Vaterlandsverräter verunglimpfen.” Bosch legt das Notizbuch zur Seite, räuspert sich. Die Stimmen verstummen. „Meine Herren”, sagt er leise, aber bestimmt. „Wenn wir wollen, dass diese Republik überlebt, müssen wir aufhören, einander zu beschimpfen – und anfangen, miteinander zu schreiben.” Ein Moment Stille. Nur das Ticken der Wanduhr. „Zeitung gegen Zeitung bringt nur Lärm”, fährt Bosch fort. „Aber Zeitung mit Zeitung – das bringt Diskussion. Und aus Diskussion entsteht Einsicht.” Ein junger DVP-Mann schüttelt den Kopf, sichtbar genervt. „Sie fördern doch sogar die Sozialistischen Monatshefte. Sie bringen uns um die Mehrheit!” Bosch lehnt sich zurück. Sein Blick bleibt fest. „Ich bringe Ihnen Leser. Und Leser sind mehr wert als Stimmen.” „Wie meinen Sie das?” „Eine Stimme abzugeben hat man einmal alle Jahre, je nachdem wie lange das Kabinett hält”, sagt Bosch ruhig. „Ein Leser denkt – jeden Tag.” Einer der SPD-Männer lehnt sich vor. „Und was, wenn die Menschen sich verirren? Wenn sie durch zu viele Meinungen verwirrt werden?” Bosch nimmt einen Schluck aus seiner Teetasse, dann antwortet er mit Nachdruck: „Dann ist es unsere Aufgabe, sie nicht zu belehren – sondern ihnen zu vertrauen. Eine Demokratie, die ihren Bürgern misstraut, hat schon verloren, bevor sie beginnt.” Der Raum wird still. Die Männer blicken einander an, zum ersten Mal nicht als Feinde, sondern als Fragende. Bosch hat sein Ziel nicht erreicht – aber er hat etwas geöffnet.
In diesen Jahren – zwischen Nachkrieg, Inflation, Hoffnung und Wut – wird Robert Bosch nicht nur zum Unternehmer des Jahrhunderts, sondern zu einem der wenigen Stimmen, die dem neuen Deutschland etwas zutrauen. Er finanziert Zeitungen, die ihn kritisieren. Er öffnet Räume für Parteien, die sich nicht vertragen. Er vertraut auf Leser, nicht auf Anhänger. Und vielleicht ist es genau das, was ihn größer macht als seine Zünder, seine Fabriken, seine Ideen: Dass er zuhört, wenn andere schon schreien. Und dass er denkt, wo andere schon gehorchen.
Stuttgart, Frühsommer 1922. Die Werkstatt ist erfüllt vom leisen Geräusch der Feilen, dem Ticken einer Prüfuhr, dem Rauschen des Prüfstroms auf einem alten Bosch-Zünder. Es ist ein ruhiger Tag. Draußen blühen die Kastanien vor dem Werkstor, drinnen sitzt Bosch mit einem Lehrling an der Werkbank. Der Junge, kaum siebzehn, hat Sommersprossen, rußige Finger und ein fragendes Gesicht. „Herr Bosch … darf ich Sie was fragen?” Bosch legt die Hände auf die Bank. „Natürlich.” „Warum … warum soll ich überhaupt Zeitung lesen? Ich mein … die lügen doch eh alle.” Bosch lächelt nicht. Er wird ernst. Sehr ernst. „Weil Wahrheit nicht serviert wird, mein Junge. Sie muss gesucht werden. Und du findest sie nur, wenn du die Stimmen hörst, die dir widersprechen.” Der Junge schaut verwirrt. „Aber … was, wenn ich am Ende gar nicht weiß, was stimmt?” Bosch lehnt sich vor, seine Stimme ist ruhig, fast weich. „Dann hast du angefangen zu denken. Und das ist der Anfang von allem.”